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Archiv der Erinnerung

1945 1960 1980 2000 2020

10 Jahre Österreichische Exilbibliothek: die Schriften, Stimmen und Bilder der Vertriebenen.

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10 Jahre Österreichische Exilbibliothek: die Schriften, Stimmen und Bilder der Vertriebenen.

Die im Literaturhaus beheimatete Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur, 1965 von Viktor Suchy gegründet, hat von Anfang an als wahrscheinlich erste und einzige wissenschaftliche Einrichtung in Österreich das literarische Exil als selbstverständliches Sammelgebiet und als Arbeitsschwerpunkt definiert. Viktor Suchy hatte als rassisch Verfolgter des NS-Regimes und Mitarbeiter der Widerstandsbewegung früh die nachhaltigen Wirkungen des Vernichtungswerks erkannt, das die Nazis gerade auch auf dem Gebiet des literarischen Lebens angerichtet hatten. Die Literatur des Exils war daher für ihn zu einem Zeitpunkt, als kein österreichischer Universitätsgermanist sich für dieses Gebiet interessierte oder zuständig fühlte, bereits selbstverständlicher Bestandteil der Arbeit der Dokumentationsstelle.

So suchte Suchy den Kontakt mit den noch lebenden Autoren und Autorinnen, begann ein Archiv aufzubauen, etablierte die Zusammenarbeit mit einschlägigen Institutionen, brachte 1970 die erste Exil-Ausstellung "Österreichische Autoren in Amerika" aus den USA nach Wien und organisierte 1975 gemeinsam mit dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes das erste Internationale Symposium zur Erforschung des österreichischen Exils. Im Umkreis dieses Symposiums zog Viktor Suchy Bilanz: Die österreichische Literaturwissenschaft habe es in 30 Jahren nicht der Mühe wert gefunden, "sich des Erbes und des Auftrages der österreichischen Exilautoren in gezielter Forschungsarbeit anzunehmen". Die österreichische Exilliteratur werde "nicht wahrgenommen".

Vertrieben und verdrängt

Die Situation hat sich in den folgenden eineinhalb Jahrzehnten - auch durch einen Generationenwechsel in der Wissenschaft - zwar gebessert, doch im Vergleich zur Bundesrepublik Deutschland blieben die österreichischen Bemühungen um das literarische Exil insgesamt bescheiden. Eine der wenigen Ausnahmen war die Dokumentationsstelle. Anfang der neunziger Jahre verfügte sie bereits über beachtliche Bibliotheks- und Archivbestände, eine Fotosammlung und mehr als 100 Tonbänder, die Gespräche mit Exilautoren, Erinnerungen und Lesungen dokumentierten. Mehr als die Hälfte der hauseigenen Buchpublikationen waren Exilthemen gewidmet.

Im Rahmen der bis dahin größten Exil-Ausstellung des Literaturhauses, "Die Zeit gibt die Bilder" im Mai 1992, bei der auch mehr als 40 Exilierte in Wien zu Gast waren - die meisten davon das erste Mal seit ihrer Vertreibung aus Österreich - wurde die Gründung einer "Bibliothek der österreichischen Exilliteratur" angeregt. Der für das Literaturhaus zuständige Minister Rudolf Scholten reagierte spontan und unbeirrt durch Querschüsse. Anfang 1993 wurde die Österreichische Exilbibliothek vom Bundesministerium für Unterricht und Kunst als eigene Abteilung der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur im Literaturhaus eingerichtet. Das war und ist der ideale Ort. Dies haben im Laufe der Zeit auch die anfänglichen Skeptiker erkannt, und es ist mehr als nur ein symbolisches Zeichen, dass der Gründer und langjährige Leiter der Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, Herbert Steiner, selber ein Exilant, seine umfangreiche und wertvolle private Exilsammlung der Exilbibliothek überlassen hat.

Idealer Ort

Die Anbindung der Bibliothek an diesen Ort bedeutete auch, dass die finanziellen Aufwendungen für die Exilbibliothek aus dem Literaturförderungsbudget des Bundes bestritten wurden. Damit aber blieben nicht nur die Mittel für die Exilforschung, die traditionellerweise aus dem Wissenschaftsbudget kamen, entgegen allen Prophezeiungen unangetastet, sondern das Gesamtbudget, das für die Erforschung, Dokumentation und Präsentation der Exilliteratur in Österreich zur Verfügung stand, wurde vermehrt. Die Gesamtdotation der Exilbibliothek für Personal, Aufbau der Sammlungen und für Veranstaltungen belief sich auf jährlich ca. 1 Mill. Schilling. Selten einmal dürfte mit so geringen Mitteln so viel bewegt worden sein wie in den vergangenen zehn Jahren durch die Mitarbeiterinnen der Österreichischen Exilbibliothek.

Ursula Seeber, die als einzige fixe Mitarbeitern die Einrichtung aufgebaut und geleitet hat und nur von Fall zu Fall Unterstützung durch projektgebundene Teilzeitkräfte erfuhr, kann eine Bilanz ziehen, um die sie jedes mittelgroße Archiv oder Universitätsinstitut beneiden muss. Ein prägnantes Resümee dieses Eindrucks stammt vom Ordinarius für Außereuropäische Geschichte an der Universität Wien, Gerhard Drekonja, der 1995 anlässlich der großen Lateinamerika-Ausstellung der Exilbibliothekgeschrieben hat: "Bravo ... die Universität Wien hat das 30 Jahre lang nicht zusammengebracht." Dabei war das nur eine Ausstellung unter anderen, und das Ausstellungmachen war nur eine Arbeit unter anderen.

Lebenszusammenhänge

So wurden seit 1993 für die Exilbibliothek im engeren Sinn mehr als 7.000 Titel erworben und bearbeitet, darunter auch umfangreiche Schenkungen Dazu kommen Nachdrucke und die wichtigste wissenschaftliche Literatur. Im Zuge der intensiven persönlichen Kontakte, die Alisa Douer und Ursula Seeber mit den Exilierten aufgebaut haben, hat sich gezeigt, dass immer wieder die Österreichische Exilbibliothek als Aufbewahrungsort für Nachlässe und Sammlungen ausdrücklich gewünscht und bestimmt wird. Auf diesem Wege sind bisher mehr als 20, zum Teil sehr umfangreiche und substanzielle Nachlässe, größtenteils durch Schenkungen, in das Haus gelangt. Die bibliografische Datenbank, die die Grundlage eines geplanten Verzeichnisses der österreichischen Exilliteratur bildet, umfasst derzeit 13.000 Titel.

Neben einer Tonbandsammlung und nahezu 600 Gesprächsprotokollen betreut die Exilbibliothek auch eine biografische Datenbank mit derzeit mehr als 6.400 Einträgen. Sie umfasst exilierte Kulturschaffende aller Sparten. Die biografischen Materialien der Exilbibliothek dokumentieren insgesamt eine eigene Welt von Lebenszusammenhängen und sich überschneidenden Lebenslinien, von denen vor einem Jahrzehnt noch fast nichts bekannt war. In zahlreichen Ausstellungen wurde das dokumentiert und sichtbar gemacht. Ein schönes Beispiel dafür ist auch die aktuelle Ausstellung, die das Exil nicht als etwas Vergangenes, in die Ferne Gerücktes, als archivierte Geschichte zeigt, sondern als Bruch, als offene Wunde, die das Leben der betroffenen Familien über Generationen hinweg prägt und bestimmt.

Exil als offene Wunde

Die Fotos dieser Ausstellung stammen aus dem Fotoarchiv der Exilbibliothek, das mehr als 600 Porträts von österreichischen Autorinnen und Künstlerinnen umfasst, die Alissa Douer an ihren Exilorten in allen Weltgegenden gesucht und gefunden hat. Hunderte von Briefen, die in der Exilbibliothek aufbewahrt werden, viele davon mit unsicherer und schon altersmüder Hand geschrieben, erzählen vom Unmöglichen, Unglaublichen, Unerwarteten: dass nach so vielen Jahrzehnten jemand gekommen ist, die Geschichte ihres Lebens kennen lernen wollte, sie nach ihren Erinnerungen, ihrem Schicksal, ihren literarischen Arbeiten fragte und ein Bild ihres Gesichtes aufbewahren wollte, in dem die Geschicke, die Freuden, die Schmerzen, das Geglückte und das Unerfüllte dieses Lebens eingeschrieben ist. Ich habe lange nichts gelesen, das mich ähnlich berührt hat wie die Briefe dieser in die "Wüste des Exils" (H. Heine) Getriebenen, die am Rande des Grabes beinah, ein Zeichen aus ihrer ehemaligen Heimat erreichte.

Künstlerische Nachlässe

Die Exilbibliothek ist, das sagen auch diese Briefe, zu einem "geistigen Ort der Rückkehr", zu einem Archiv der Erinnerung geworden und sie ist, vor allem auch in den mittlerweile fast 100 Veranstaltungen der Bibliothek, zu einem Ort geworden, an dem diesen Erinnerungen Stimme und Gehör verliehen wurden. Die Exilbibliothek hat in und mit ihren historischen, wissenschaftlichen und dokumentarischen Funktionen eine immense soziale und humanitäre Aufgabe übernommen. Sie hat in einem Land, das den Vertriebenen ans Leben wollte, das sie als Personen auslöschen und die Erinnerung an sie tilgen wollte, den Ort einer möglichen Heimkehr eröffnet - und sei es auch nur als Aufbewahrungsort für die materiellen Reste einer Existenz in der Fremde.

Das ist der Grund, weshalb so viele ihre künstlerischen Vermächtnisse und persönlichen Gegenstände in der Exilbibliothek wissen möchten, warum so viele einen Besuch in der fremden Heimat, oft den einzigen, oft den letzten, gewagt haben. Eva Kollisch, deren Lebenserinnerungen Ursula Seeber in der von ihr gegründeten und seither betreuten Österreichischen Exilbibliothek im Wiener Picus Verlag herausgegeben hat, schrieb 1995 in einem Brief: "Wie schön, in einem Land, vor dem man sich immer ein bisschen fürchtet, mit wirklichen Menschen zusammenzutreffen." Es liegt in den Händen der Verantwortlichen, ob solche Begegnungen weiterhin möglich sein werden oder ob diese einzigartige Einrichtung, und das ist eine aktuelle Bedrohung, nach und nach kaputtgespart wird.

Der Autor ist Professor für Germanistik an der Universität Klagenfurt und Mitbegründer der Österreichischen Exilbibliothek.

GETEILTE ERINNERUNG

Generationen des Exils

10 Jahre Österreichische Exilbibliothek

Literaturhaus

Seidengasse 13, 1070 Wien

Mo, Mi 9-17, Di 9-19, Fr 9-15 Uhr