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Atmosphärische Miniaturen

Die eigenen vier Wände zu verlassen, heißt mit der Welt draußen in Verbindung zu treten. Man gibt Schutz auf, gewinnt dafür Optionen, mit anderen Menschen zu interagieren. Schon bestehende Beziehungen entwickeln andere Dynamiken. In Ulrike Ulrichs Erzählband "Draußen um diese Zeit" bilden urbane öffentliche und semi-öffentliche Räume die Folie, vor der sich Menschen begegnen, Beziehungen entstehen, sich entfalten oder auch auseinandergehen. Die Schauplätze New York, Paris, Zürich, Wien und Rom fügen Lokalkolorit hinzu, doch eigentlich unterscheiden sich die Hotels, Bars, Cafés, die Straßenbahnen und Züge nur in Schattierungen.

Selten auf Plot hin geschrieben

In einer in Zürich angesiedelten Geschichte trauert ein Mann um seine vor Jahren plötzlich verschwundene Frau. Als er glaubt, sie in der Straßenbahn gesehen zu haben, beginnt er eine obsessive Suche. Die Umstände ihres Verschwindens bleiben im Dunklen, und auch die Schwester der Abgängigen ist keine Hilfe. Bis zum überraschenden Schluss verliert der Leser schrittweise seine Sicherheiten und beginnt mit dem Erzähler zu hadern. Bis auf diesen Text sind Ulrichs Geschichten allerdings selten auf einen Plot hin geschrieben. Die zweite, in und auf der Straße vor einem Pariser Café spielende Geschichte, ist streng genommen gar keine solche. Jeden Tag wartet die neue Kellnerin Julie nach der Arbeit auf ihren Freund, der an einer Arbeit über Frauen in der Résistance schreibt. Anfangs verloren, lässt sie sich bald mehr auf die Menschen in dem Straßencafé ein. Es ist einer der gelungensten Texte des Bandes, der perfekt zum titelgebenden Motto des Erzählbandes passt: Wie ein Spaziergang durch sommerliche Straßen, ein Blick hier, einer da, ohne konkretes Ziel.

Ulrike Ulrich, 1968 in Deutschland geboren, aber schon jahrelang in der Schweiz wohnhaft, ist eine vielseitige Autorin. Lyrik, Drehbücher und Hörspiele finden sich ebenso in ihrem Repertoire wie der obligatorische Roman. Ulrich versteht sich darauf, spielerisch Atmosphäre zu schaffen. Sprachlich bleibt sie leider brav, und auch formal traut sie sich wenig und bleibt auf sicherem Terrain. So zeigt der Band gute Ansätze, für einen richtig großen Wurf hätte die Autorin aber die Komfortzone der sprachlichen eigenen vier Wände etwas ausdehnen können.

Dennoch: "Draußen um diese Zeit" ist lesenswert, und wer als Leser nicht auf der Suche nach literarischen Experimenten ist, ist bei Ulrich gut aufgehoben.

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