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Auch beim Radio sollte man eine "Blattlinie" erkennen

dieFurche: Sie sind jetzt ein kleiner Gesellschafter des Wiener Lokalradios 92.9 RTL. Ist jetzt aus dem Radiopiraten ein "Etablierter" geworden?

Thomas Madersbacher: Wahrscheinlich mehr Probleme als mir dürfte das dem Falter-Verlag verursachen, der mit 10% an 92.9 RTL beteiligt ist, und mit seiner publizistischen Ausrichtung nicht ursächlich mit RTL verbunden ist. Letztlich ist jetzt das Gegenteil meines ursprünglichen Radioprojekts herausgekommen. In diesem Sinne halte ich es für angebracht, daß dieses Projekt einen klaren anderen Titel verwendet, sodaß schon im Wortlaut klar wird: Es geht um ein durch und durch kommerzielles Privatradio.

dieFurche: Versuchen Sie, Ihre ursprünglichen Radioideen in das kommerzielle 92.9 RTL einzubringen?

Madersbacher: Nein, ich habe keine Ambitionen, dieses Projekt in eine andere Richtung zu verändern.

dieFurche: Sie wollen auch nicht Programme, die Ihrer ursprünglichen Idee entsprechen, einbringen?

Madersbacher: Ich halte das nicht für zielführend: So wie eine Zeitschrift ihre Blattlinie hat, so sind auch sinnvollerweise elektronische Medien zu sehen. Man sollte viel eher versuchen mehr anunterschiedlichen Medien zu ermöglichen, um einen Gegenpol zu schaffen.

dieFurche: Von einem Modell, in dem sich - wie im deutschen Privat-TV - Qualitätsprogramme in Privatsender einkaufen (z.B. Spiegel-TV in SAT.1 ) ...

Madersbacher: ... halte ich im Radiobereich wenig. Fernsehen funktioniert mehr nach einzelnen Sendungen, Radio ist durch die Nutzung als Begleitmedium stark geprägt - bis auf wenige Ausnahmen. Ö1-Hörer sind sicher weniger auf eine Durchhörbarkeit des Programms bedacht: das sind Hörertypen, die zu bestimmten Sendezeiten gezielt einschalten. Ich hoffe, daß auch im Privatbereich derartige Möglichkeiten und Alternativen geschaffen werden. Ein massiver Einwand: Ö1 kostet das Zehnfache wie Ö3. Ein qualitativ hochwertiges Radio ist ohne öffentlichen Willen nicht zu finanzieren.

dieFurche: Von ein paar Jahren ist im Bereich des ORF das Minderheitenprogramm FM4 entstanden, vor einem halben Jahr ist vom ORF eine Mittelwellenfrequenz für eine Art Bürgerradio zur Verfügung gestellt worden. Wäre das ein Schritt in diese Richtung?

Madersbacher: Ich sehe einiges an Initiativen. Schwierig ist, den Sprung vom Initiativstatus zum klar definierten Medium zu schaffen, und wie im Printbereich eine Abstimmung zwischen Boulevard- und Qualitätsmedium zu erreichen. Aus der finanziellen Situation heraus ist das nur bedingt möglich. Aber es wird hoffentlich zumindest eine Bandbreite an verschiedenen Radios geben, etwa eine größere Palette im Musikbereich: es ist schade, daß es beispielsweise kein Jazzradio gibt. Radio ist in hohem Maße auch Musik. Und es ist interessant, daß in Amerika die größten Stationen in den Städten reine Talk-Radios sind; hier liegen also noch Entwicklungen vor uns.

dieFurche: Ist Radio "intimes" Medium?

Madersbacher: Radio ist prinzipiell das kommunikativste Medium, weil auf der Sprachebene unmittelbar eine Face-to-face-Kommunikation stattfinden kann. Außerdem ist Radio in einem hohen Maße - nicht zuletzt durch den Musikanteil - gefühlslastig und weniger ein trocken-nüchternes Faktenmedium. Radio kann besser als Printmedien eine Grundstimmung transportieren. Schade ist, daß niemand Radio für ein älteres Publikum macht, weil gerade dieses noch Radio hört - auch aus einer anderen Sozialisation heraus.

dieFurche: Und der ORF wird Sie nicht über den Tisch ziehen?

Madersbacher: Davon ist keine Rede. Es geht einzig und allein um die Vermarktung, d. h. im Grunde genommen müssen wir Konkurrenten im Programm und in allen anderen Bereichen bleiben. Wir bekommen nur den Prozentsatz, denn wir tatsächlich an Marktanteil vorweisen können. Wir bleiben in voller Konkurrenz.

dieFurche: Finden Sie die derzeitige Lizenzvergabe einigermaßen gerecht?

Madersbacher: Nachdem ich die Entwicklung so lange verfolgt habe, war es für mich ein unerwarteter Qualitätssprung, daß man es geschafft hat, von zehn auf immerhin 50 Lizenzen aufzustocken. Es ist nicht nur versucht worden, auch lokale Radios zu lizensieren, sondern es ist versucht worden, dies auch einigermaßen nach ökonomisch sinnvollen Gesichtspunkten zu tun.

dieFurche: Die Radiogesellschaften sind sehr heterogen zusammengesetzt. Im Zeitungsbereich würde niemand auf die Idee kommen gleichzeitig "Krone" und "Standard" in einen Topf zu geben. Wie soll das funktionieren?

Madersbacher: Das Problem resultiert aus einer "öffentlich-rechtlichen Denkweise", die glaubt, Pluralismus durch Innenpluralismus zu schaffen. Das hat schon beim ORF nicht funktioniert. Sinnvoll wäre aber eine große Bandbreite an Außenkonkurrenz. Es haben sich meines Erachtens alle Privatradios unbeachtet ihrer Gesellschafterstruktur darauf verständigt, daß das Programm ein Produkt sein muß. Es macht keinen Sinn, daß die Gesellschafter auf die Programmplanung Einfluß nehmen.

dieFurche: Die erfolgreiche "Antenne Steiermark" ist nicht zuletzt durch den Geschäftsführer mit "Antenne Wien" verflochten: Bahnt sich im Osten Österreichs da eine Medienkonzentration an?

Madersbacher: Im Osten ist für massive Konkurrenz gesorgt. Verschärft ist die Situation in Vorarlberg, wo der Verleger Eugen Ruß nicht nur beide Tageszeitungen besitzt, sondern auch das Regionalradio dominiert: das ist schon eine problematische Zuspitzung von Medienmacht.

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

1991 bis 1993 war Thomas Madersbacher Radiopirat. Danach entwickelte er Kanal 4, das Kultur- und Bildungsprogramm anbieten wollte. Aus dem Projekt entstand die Privatradiogruppe K4, die bereits 1995 eine Regionallizenz erhielt, die wieder entzogen wurde. 1997 bekam K4 nur eine Lokalfrequenz, der endgültige Sendername lautet: 92.9 RTL Wien, Madersbacher ist daran mit 2% beteiligt.

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