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Feuilleton

Auch ein notwendiges Übel bleibt ein Übel

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Einen gerechten Krieg kann es gar nicht geben - genauso wenig wie ein hölzernes Eisen oder einen viereckigen Kreis.

Ein gerechter Krieg ist etwas, was sowohl ein Krieg als auch gerecht ist. Ob es sich bei den Angriffen der USA und ihrer Verbündeten auf Ziele in Afghanistan um einen Krieg handelt oder nicht, mag völkerrechtlich so oder so gesehen werden; aus moralischer Sicht wäre es bloß Wortklauberei, das Wort "Krieg" in diesem Zusammenhang zu vermeiden. Gerecht ist dieser Krieg aber sicher nicht, denn einen gerechten Krieg kann es gar nicht geben - genauso wenig wie ein hölzernes Eisen oder einen viereckigen Kreis. Hinter diesem Gerede vom "gerechten Krieg" steckt die Auffassung, ein Krieg lasse sich dadurch - und nur dadurch - rechtfertigen, dass man ihm das Mäntelchen der Gerechtigkeit umhängt. Ein Krieg ist und bleibt aber immer ein Übel und kann deswegen nie "gerecht" sein.

Dennoch: Die aktuellen Ereignisse haben uns drastisch vor Augen geführt, dass vielleicht sogar schlimmere Übel vorstellbar sind als ein Krieg. Oft haben wir nur die Wahl zwischen verschiedenen Übeln. Moralisch richtige Entscheidungen beziehungsweise Handlungen müssen also nicht automatisch zu guten beziehungsweise gerechten Ergebnissen führen. Als das geringere Übel kann unter Umständen auch ein Krieg zum notwendigen Übel werden. Auch ein notwendiges Übel bleibt aber immer ein Übel und wird durch seine Notwendigkeit nicht in etwas Gutes verwandelt. Man sollte es daher auch nicht durch Attribute wie "gerecht" schönfärben.

Allerdings ist zu überlegen, welche Umstände vorliegen müssen, damit ein Krieg zu einem notwendigen Übel werden kann. Hier kann man folgende Fragen stellen: Liefert die Vorgeschichte des Krieges einen hinreichenden Grund für den Krieg? Welche Autorität hat den Krieg zu verantworten? Welche Absicht wird mit dem Krieg verfolgt - dient der Krieg tatsächlich ausschließlich dem Zweck, Frieden zu schaffen? Stellt der Krieg wirklich das letzte Mittel nach Ausschöpfung aller anderen Möglichkeiten dar? Ist es realistisch, dass das angestrebte Ziel durch den Krieg erreicht wird?

Von allen diesen Überlegungen ist noch die Frage nach der Art und Weise der Kriegsführung zu unterscheiden. Hier sind zumindest die folgenden Prinzipien zu beachten: das Prinzip der Verhältnismäßigkeit (die Mittel des Krieges müssen die Proportion zwischen der Bedeutsamkeit des Ziels und dem angerichteten Schaden wahren), das Prinzip der ständigen Prüfung der Notwendigkeit des Kriegs (auch und gerade durch Dritte!) und das Prinzip der Schonung von Zivilisten.

Im Fall des Krieges gegen das Talibanregime in Afghanistan kann man sich in jedem einzelnen dieser Punkte fragen, ob der Krieg, so wie er begonnen hat und so wie er geführt wird, diese Kriterien erfüllt, um als notwendiges Übel ausgewiesen werden zu können. Ob in diesem konkreten Fall die Entscheidung für einen Krieg als dem geringeren Übel moralisch gerechtfertigt ist oder nicht, kann nur in Kenntnis aller relevanten Umstände beurteilt werden, die letztlich bloß einigen wenigen zur Verfügung stehen. Eine moralische "Ferndiagnose" wäre höchst fragwürdig.

Die mit einer solchen Bewertung verbundenen Fragen erfordern eine eingehende öffentliche Erörterung. Dieser Reflexionsbedarf entsteht auch anderswo: Im Zusammenhang mit den Terroranschlägen werden auf der ganzen Welt Sicherheitsmaßnahmen diskutiert, durch welche grundlegende Freiheitsrechte eingeschränkt werden. Eine besonders gravierende Meldung blieb dabei trotz ihrer Tragweite weitgehend unkommentiert: "Das Pentagon gestattet den Abschuss verdächtiger Zivilflugzeuge, wenn diese eine Gefahr für amerikanische Städte darstellen". Diese Entscheidung stellt einen radikalen Wandel in unseren Rechts- und Moralauffassungen dar. Ein solches Umdenken darf - wenn überhaupt - auf keinen Fall kommentar- und diskussionslos erfolgen.

Die Autoren sind Professoren für Philosophie an der Geisteswissenschaftlichen und Theologischen Fakultät Salzburg.

Einen gerechten Krieg kann es gar nicht geben - genauso wenig wie ein hölzernes Eisen oder einen viereckigen Kreis.

Ein gerechter Krieg ist etwas, was sowohl ein Krieg als auch gerecht ist. Ob es sich bei den Angriffen der USA und ihrer Verbündeten auf Ziele in Afghanistan um einen Krieg handelt oder nicht, mag völkerrechtlich so oder so gesehen werden; aus moralischer Sicht wäre es bloß Wortklauberei, das Wort "Krieg" in diesem Zusammenhang zu vermeiden. Gerecht ist dieser Krieg aber sicher nicht, denn einen gerechten Krieg kann es gar nicht geben - genauso wenig wie ein hölzernes Eisen oder einen viereckigen Kreis. Hinter diesem Gerede vom "gerechten Krieg" steckt die Auffassung, ein Krieg lasse sich dadurch - und nur dadurch - rechtfertigen, dass man ihm das Mäntelchen der Gerechtigkeit umhängt. Ein Krieg ist und bleibt aber immer ein Übel und kann deswegen nie "gerecht" sein.

Dennoch: Die aktuellen Ereignisse haben uns drastisch vor Augen geführt, dass vielleicht sogar schlimmere Übel vorstellbar sind als ein Krieg. Oft haben wir nur die Wahl zwischen verschiedenen Übeln. Moralisch richtige Entscheidungen beziehungsweise Handlungen müssen also nicht automatisch zu guten beziehungsweise gerechten Ergebnissen führen. Als das geringere Übel kann unter Umständen auch ein Krieg zum notwendigen Übel werden. Auch ein notwendiges Übel bleibt aber immer ein Übel und wird durch seine Notwendigkeit nicht in etwas Gutes verwandelt. Man sollte es daher auch nicht durch Attribute wie "gerecht" schönfärben.

Allerdings ist zu überlegen, welche Umstände vorliegen müssen, damit ein Krieg zu einem notwendigen Übel werden kann. Hier kann man folgende Fragen stellen: Liefert die Vorgeschichte des Krieges einen hinreichenden Grund für den Krieg? Welche Autorität hat den Krieg zu verantworten? Welche Absicht wird mit dem Krieg verfolgt - dient der Krieg tatsächlich ausschließlich dem Zweck, Frieden zu schaffen? Stellt der Krieg wirklich das letzte Mittel nach Ausschöpfung aller anderen Möglichkeiten dar? Ist es realistisch, dass das angestrebte Ziel durch den Krieg erreicht wird?

Von allen diesen Überlegungen ist noch die Frage nach der Art und Weise der Kriegsführung zu unterscheiden. Hier sind zumindest die folgenden Prinzipien zu beachten: das Prinzip der Verhältnismäßigkeit (die Mittel des Krieges müssen die Proportion zwischen der Bedeutsamkeit des Ziels und dem angerichteten Schaden wahren), das Prinzip der ständigen Prüfung der Notwendigkeit des Kriegs (auch und gerade durch Dritte!) und das Prinzip der Schonung von Zivilisten.

Im Fall des Krieges gegen das Talibanregime in Afghanistan kann man sich in jedem einzelnen dieser Punkte fragen, ob der Krieg, so wie er begonnen hat und so wie er geführt wird, diese Kriterien erfüllt, um als notwendiges Übel ausgewiesen werden zu können. Ob in diesem konkreten Fall die Entscheidung für einen Krieg als dem geringeren Übel moralisch gerechtfertigt ist oder nicht, kann nur in Kenntnis aller relevanten Umstände beurteilt werden, die letztlich bloß einigen wenigen zur Verfügung stehen. Eine moralische "Ferndiagnose" wäre höchst fragwürdig.

Die mit einer solchen Bewertung verbundenen Fragen erfordern eine eingehende öffentliche Erörterung. Dieser Reflexionsbedarf entsteht auch anderswo: Im Zusammenhang mit den Terroranschlägen werden auf der ganzen Welt Sicherheitsmaßnahmen diskutiert, durch welche grundlegende Freiheitsrechte eingeschränkt werden. Eine besonders gravierende Meldung blieb dabei trotz ihrer Tragweite weitgehend unkommentiert: "Das Pentagon gestattet den Abschuss verdächtiger Zivilflugzeuge, wenn diese eine Gefahr für amerikanische Städte darstellen". Diese Entscheidung stellt einen radikalen Wandel in unseren Rechts- und Moralauffassungen dar. Ein solches Umdenken darf - wenn überhaupt - auf keinen Fall kommentar- und diskussionslos erfolgen.

Die Autoren sind Professoren für Philosophie an der Geisteswissenschaftlichen und Theologischen Fakultät Salzburg.