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Auch Vernunftehen zeugen kluge Kinder

Die tschechische Geschichte der letzten 70 Jahre vom Münchner Abkommen 1938 bis zur eben beginnenden tschechischen EU-Präsidentschaft ist auch die Lebensgeschichte von Jirí Grusa.

Für die Europäische Integration könnte 2009 ein gutes Jahr werden, zumindest was den EU-Vorsitz betrifft. In der ersten Jahreshälfte 2009 hat die Tschechische Republik die Präsidentschaft der EU inne. In Teilen der europäischen Öffentlichkeit hat dies bereits vorauseilend zu besorgten Kommentaren über die Führungsqualitäten eines kleinen mitteleuropäischen Staates geführt, dessen Präsident sich selbst als Speerspitze der Europaskeptiker versteht, dessen Regierung über keine stabile Mehrheit im Parlament verfügt und dessen Intellektuelle in der Regel einen angelsächsisch anmutenden Pragmatismus vertreten, den aus der rezenten historischen Erfahrung mit ganz unterschiedlichen Imperien von der Habsburgermonarchie über das "Tausendjährige Reich" bis zum Sowjetkommunismus viel Skepsis gegenüber großen Entwürfen auszeichnet.

Wenn man die Geschichte Tschechiens von der eben begonnenen EU-Präsidentschaft rückwärts liest, dann sind Geschichtsbewusstsein und Skepsis nicht überraschend: Beitritt zur Europäischen Union, Trennung von der Slowakei, Samtene Revolution, Charta 77, Prager Frühling, Kafkakonferenz, kommunistische Machtübernahme, Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung, Befreiung vom Nationalsozialismus, Münchner Abkommen, die letzte Demokratie Mitteleuropas, Befreiung von der Herrschaft der Habsburger, Teil einer multinationalen europäischen Macht. In Mitteleuropa kann man die Geschichte in alle Richtungen lesen und jede macht Sinn. Und es gibt Menschen, deren Leben mehr über die Geschichte ihres Landes vermittelt, als dies die besten Geschichtsbücher können.

70 Jahre: Katastrophen und Erfolge

Wenn man den aufmerksamen Beobachter der mitteleuropäischen Welt, den tschechischen Schriftsteller, Diplomaten und derzeitigen Wahlwiener Jirí Grusa als Beispiel nimmt, dann zeigt sein Lebensweg, dass in ein tschechisches Leben von siebzig Jahren alle großen Katastrophen und Erfolge Europas eingewoben sind. Zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse 2004 sagte er: "Nicht die Geschichte, sondern die Geschichten werden uns freier machen."

Tschechien ist eine Erfindung seiner Schriftsteller, schreibt Grusa. Seine eigene Lebensgeschichte scheint diese These beweisen zu wollen. Geboren in der Pogromnacht des Novembers 1938 im nordböhmischen Pardubice im Jahr des Münchner Abkommens, erlebte er die Zeiten der nationalsozialistischen und kommunistischen Diktaturen und ihrer Fremdbestimmung über die Tschechen. Schon seine ersten literarischen Arbeiten brachten ihn in Konflikt mit dem realen Sozialismus, dem alles Subjektive und Ambivalente, so auch eine Literaturzeitschrift mit dem Titel Tvar (Gesicht), nicht geheuer sein durfte. Freiheit gab es vor 1989 nur im Widerstand oder im westlichen Ausland. Für tschechische Schriftsteller wie Václav Havel, Josef Skvoreck´y, Milan Kundera oder eben Jirí Grusa konnte dies Publikationsverbot, Gefängnis und/oder Emigration bedeuten.

Erzwungene Zweisprachigkeit

Grusa lebte in den Achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts in Deutschland, ausgebürgert und umgeben von einer neuen Sprache, die immer mehr zu seiner eigenen zweiten Sprache wurde. Die Ironie der mitteleuropäischen Geschichte hat aus ihm einen zweisprachigen Autor gemacht, eine Zweisprachigkeit, die hundert Jahre davor in Prag zumindest für einen tschechischen Schriftsteller noch selbstverständlich gewesen war. Nach 1989 geschah ähnliches wie am Beginn der Tschechoslowakei 1918. Aus Dissidenten wurden Staatsmänner, Politiker, Diplomaten. Jirí Grusa wurde Botschafter in Deutschland, später Bildungsminister in Prag, dann tschechischer Botschafter in Wien und er ist bis heute Direktor der Diplomatischen Akademie.

Kein Leben eines Menschen lässt sich zur Gänze aus der Geschichte seines Landes verstehen. Aber es gibt Menschen, deren Schicksal und Handeln von der Geschichte des eigenen Landes geprägt scheinen, weil sie die Möglichkeiten und Gefahren historischer Wendezeiten erkannt oder empfunden haben. Die tschechische Geschichte der letzten siebzig Jahre vom Münchner Abkommen 1938 bis zur eben beginnenden tschechischen Präsidentschaft der Europäischen Union ist auch die Lebensgeschichte von Jirí Grusa. Er hat viele widersprüchliche Wirklichkeiten erlebt. Deutsche Bombenangriffe und deutsche Ehrungen, tschechische Gefängnisse und tschechische Ministerzimmer, die Panzer der "Brüderstaaten" und die tschechische NATO-Mitgliedschaft, die Solidarität von Österreichern 1968 und Grenzblockaden wegen eines Atomkraftwerkes, Ausbürgerung und Anbiederung, Publikationsverbot und den mühevollen Übergang in eine neue Sprache.

Zwischen Prag, Wien und Bonn ist das keine ungewöhnliche Geschichte. Die Mitte Europas war im 20. Jahrhundert immer eine Grenze, ein Randgebiet, Peripherie verschiedener Imperien, eine Peripherie der Kulturen, Provinz. Vielleicht ist daraus seine Überzeugung gewachsen, dass Europa ein kulturelles Projekt ist. Nicht ein Projekt der Zivilisierung von Völkern oder Territorien, aber der Zivilisierung von Menschen.

Zwanzig Jahre nach der friedlichen Überwindung des ideologisch geteilten Europas könnte der richtige Zeitpunkt sein, um Europa erstmals für sechs Monate von einem Staat führen zu lassen, der noch im magischen Jahr 1989 Teil des Warschauer Paktes war und dessen Bevölkerung in einer friedlichen Revolution gemeinsam mit Slowaken, Polen und Ungarn als erste dazu beigetragen hat, dass der Eiserne Vorhang und die Berliner Mauer nur mehr in Bruchstücken in Museen ausgestellt wird.

Die heutige Tschechische Republik wird nicht mehr von ehemaligen Dissidenten geführt, die nach 1968 als Heizer arbeiten mussten, aber das Gefühl, dass es bei Europa um Grundsätzliches geht, ist nicht völlig verloren gegangen. Der Philosoph Jan Patocka, erster Sprecher der Charta 77, beschrieb wohl am besten den Widerspruch in den Interpretationen der tschechischen Geschichte. Als eine im europäischen Vergleich erst spät und in zwei Etappen (1918 und 1992) zu nationaler Eigenständigkeit gekommene Nation schwankt das tschechische Selbstverständnis stets zwischen den Extremen identitätssichernder Selbstbezogenheit und universalistischem Europäertum. Patocka beschrieb in einem Essay "Was sind die Tschechen?" die Spannungen zwischen den kleinen und großen Traditionen der tschechischen Geschichte.

Sehnsucht nach k. und k.

Es geht um das Verhältnis zu den dominanten großen Nachbarn, um die Lage zwischen Deutschland und Russland, um die permanente Beschäftigung mit der Frage der nationalen Identität, so typisch für die kleinen mitteleuropäischen Völker, um die Skepsis gegenüber verlockend einfachen großen Ideen, um den ironischen Umgang mit Ideologien, um die merkwürdige Präsenz der Geschichte. Daraus resultiert eine Sehnsucht nach kultureller Komplexität oder in den Worten von Grusa eine Sehnsucht nach k. und k.

Die tschechische Geschichte ist wohl nicht wesentlich komplizierter als jene aller anderen kleineren Völker, die in der Mitte Europas leben und stets mit Ambivalenzen, nahen Nachbarschaften und großen äußeren Einflüssen konfrontiert sind. Dies sind eigentlich die aktuellen europäischen Herausforderungen, die sich auch für Österreich stellen. Haben wir die Konzepte für einen Patriotismus, der nationale Interessen vertritt und gleichzeitig eine vernünftige europäische Zusammenarbeit stärkt? Die historisch gewachsenen tschechischen Stärken bestehen aus einer kreativen Mischung aus Pragmatismus und Ironie. Dies mag für eine neue europäische Vision nicht ausreichen, aber beides gehört zu den großen unterschätzten Traditionen der europäischen Kultur, die geholfen haben, die Vielfalt dieses Kontinents zu bewahren. In diesem Sinn wird die Mischung aus einem wirtschaftsliberalen Staatspräsidenten, einem christlichsozialen Ministerpräsidenten und einem alteuropäischen Außenminister eine spannende EU-Präsidentschaft ergeben.

Wenn man Grusa beim Wort nimmt, dann ist es übrigens auch eine österreichische Präsidentschaft. Er lässt keinen Zweifel daran, dass Österreicher und Tschechen "eine einzige Kultur" sind. Für einen Österreicher sollte das eigentlich nicht schwer zu verstehen sein. Wer an Mitteleuropa denkt, denkt jedenfalls sowohl an Wien wie auch an Prag. Die Verwandtschaft zwischen Tschechen und Österreichern gilt als so eng, dass man die Stärken und Schwächen des anderen gut kennt, weil sie den eigenen Stärken und Schwächen so ähnlich sind. Die mentale Nähe macht diese Nachbarschaft anspruchsvoll, aber gleichzeitig zur Chance für eine aktive Außenpolitik. Der neue österreichische Außenminister weiß um diesen Arbeitsauftrag Mitteleuropa. Er wird den ersten bilateralen Auslandsbesuch in Prag absolvieren.

Es gibt ein Vermächtnis aus den Erfahrungen von Jirí Grusa und aller anderen tschechischen Dissidenten vor 1989, das für die tschechische EU-Ratspräsidentschaft einen Auftrag darstellt: Europa darf nicht nur als gemeinsamer Markt gedacht werden, sondern als kreative Kultur- und Wertegemeinschaft. Aber es wäre nicht Jirí Grusa, wenn er nicht auch ein pathetisches Bild für den unpathetischen Charakter der tschechischen Europaliebe parat hätte: "… jede Braut zieht zur Hochzeit das beste Kleid an, auch wenn sie nicht aus der heißesten Liebe heiratet … aber wenn sie sich dann abends vor dem Bräutigam auszieht … na ja, aber auch Vernunftehen zeugen kluge Kinder, das ist unsere Hoffnung!"

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