Digital In Arbeit

Audienz beim Bürgermeister

So schnell einen Termin beim Landes- und Stadtvater zu bekommen, wer hätte damit gerechnet. Jetzt stand ich vor ihm. Sein keuchendes "Grüß Sie!" drang ins Innerste meines Trommelfells. Dank für all das Schöne, mit dem du uns beschenkst, mein Stadtvater! Vor allem, dass du die geschichtsträchtigen Häuser einem Facelifting unterziehen lässt, ihnen Häferln und Reindln aufsetzt, um den Markt mit lukrativen Wohn-und Büroflächen anzukurbeln. Unsere Stadt platzt schließlich aus allen Nähten und du hast eben ein Herz für Wohnungssuchende. Dass du die Hofburg, statt zu einem Häusl der Geschichte, als "Präsidentencity", zu einem Asyl für amtierende und ausgediente Amtsträger samt gescheiterter Kandidaten ausbauen lässt, verweist du grantelnd ins Reich der Fabeln. Wie klug war es von dir, den Schwarzenbergplatz durch Leuchten und Leitungen zu entstellen. Das geschieht dem Schwarzenberg schon recht! Wie wohltuend auch, dass du die letzten eleganten Geschäftsleute der Innenstadt durch teure Mieten vertrieben hast und die Fußgängerzonen durch Schanigärten, protzige Luxusketten und Fress- und Souvenirläden belebst. Dank auch für deine visionären Vorhaben: Den Eislaufverein durch ein kühnes Hotelhochhaus zu erweitern, so dass der Stadt die Auszeichnung "Weltkulturerbe" entzogen wird -dann kann's erst richtig losgehen. Das ermöglicht die Neugestaltung von Schönbrunn. Du kannst den botanischen Garten dem Tiergarten eingliedern, dass noch mehr Viecher in Käfigen Platz finden und die Bevölkerung diesen viel zu elitären Erholungsraum verliert. Deine hochsubventionierten Musicalbühnen solltest du ermutigen, nach "Elisabeth" und "Rudolf" endlich den Kassenschlager "Michel" komponieren zu lassen. Aber was ist das? Du wirst doch nicht ins Schwitzen gekommen sein? Du zerrinnst. Dieser Stadtvater ist aus Wachs. Madame Tussauds lässt grüßen. Es ist alles net wahr!

Der Autor ist Kulturmoderator beim Privatsender ATV

FURCHE-Navigator Vorschau