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Auf der Suche nach den Paradiesen

Als letzten Donnerstag bekannt wurde, dass Mario Vargas Llosa den Nobelpreis für Literatur erhalten wird, sah man in Frankfurt viel bestätigendes Nicken. Da sich Vargas Llosa aber als politischer Autor versteht und oft und gerne auch entsprechend äußert # er kandidierte 1990 sogar für das Amt des Präsidenten #, kann er nicht nur Freunde haben. Kuba zum Beispiel freut sich nicht sehr über diese Auszeichnung, denn Vargas Llosa hat sich zum vehementen Kritiker Castros gewandelt. Den Linken zu konservativ, versuchte der 1936 im Süden Perus geborene Autor jedenfalls aber im Schreiben das, wofür er nun ausgezeichnet wurde, nämlich eine #Kartographie der Machtstrukturen und seine scharfen Bilder des Widerstands, der Revolte und der Niederlage des Einzelnen#. Das ist nachzulesen in Werken wie #Die Stadt und die Hunde# oder #Der Krieg am Ende der Welt#, und vielleicht auch in seinem neuen Roman, der im November auf spanisch erscheinen wird. Darin greift der Autor die Berichte des Iren Roger Casement auf, der als Zeitgenosse Joseph Conrads die Gräuel im Kongo und im Amazonas aufdeckte.

Eine ständige Bedrohung

Im Roman #Das Paradies ist anderswo# verknüpft der Autor zwei Träume. Paul Gauguins Flucht aus der Gesellschaft in die von ihr vermeintlich unberührte Wildnis, und seinen Versuch, das Paradies durch Kunst zu schaffen, verbindet Vargas Llosa mit dem Leben der Großmutter Gauguins, der französischen Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Flora Tristan, die die als Gefängnis und Unterdrückung erlebte Gesellschaft durch persönlichen Einsatz, durch Politik verändern wollte. Der Mensch und seine Träume, das Verändern der Welt durch Kunst und Politik: Das sind Themen des Autors, der im Bewusstsein schreibt, dass die tragische Situation des Menschen darin besteht, #daß wir immer mehr begehren und erträumen, als wir wirklich erlangen können.# Die literarischen Fiktionen schüren dieses Begehren, indem sie die Fantasie anregen. Literatur sei daher #eine ständige Bedrohung für jede Macht, welche die Menschen zufrieden und konform sehen möchte. Die Lügen der Literatur beweisen uns, wenn sie in Freiheit entstehen, daß dies nie so war. Und sie zetteln eine nicht endende Verschwörung an, damit dies auch in Zukunft nicht so sein möge.# (bsh)

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