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Auf der Suche nach der Geliebten

Gaito Gasdanow, ein herausragender Vertreter der russischen Exilliteratur des 20. Jahrhunderts, wird wiederentdeckt; sein Debütroman aus dem Jahr 1930 ist nun auf Deutsch zu lesen.

Sommer 1917. Ein Sportplatz. Ein noch nicht einmal fünfzehnjähriger russischer Junge im Turntrikot begegnet einer drei Jahre älteren Französin, die ihn sofort in ihren Bann zieht. Sie heißt Claire, lackiert sich die Fingernägel rosa und führt mit ihren Eltern und ihrer Schwester ein unkonventionelles, regelfreies Hotelleben. Ihr Verehrer Kolja Sossedow, der Ich-Erzähler in Gaito Gasdanows 1930 erschienenem Debütroman "Ein Abend bei Claire“, wird die schicksalshafte Begegnung mit Claire nie vergessen und zehn Jahre seines Lebens mit der Suche nach ihr verbringen - bis er sie in Paris wiedersieht und einen Abend, eine Nacht mit ihr verbringt. Die Zahl der gemeinsamen Stunden, die er als Jugendlicher mit Claire hatte, ist nicht groß, doch das sagt nichts über deren Intensität und deren Nachwirkung aus. Bald nach dem Kennenlernen verliert Kolja sie aus den Augen, trifft sie erst Monate später noch einmal wieder und muss erfahren, dass sie inzwischen geheiratet hat.

Liebevolle Hommage an den Vater

Dass Gaito Gasdanow (1903-1971) ein herausragender Vertreter der russischen Exilliteratur des 20. Jahrhunderts ist, war hierzulande lange Zeit nur Slawisten bekannt. Erst 2012, als der Hanser Verlag Gasdanows Roman "Das Phantom des Alexander Wolf“ präsentierte, zeigte sich schlagartig, welche unverwechselbare Erzählerstimme es hier zu entdecken galt. Auch sein Debüt in einem kleinen Pariser Verlag, das sofort bei Erscheinen Aufsehen erregte und von Gorki und Nabokov gerühmt wurde, verfügt über seltene literarische Qualitäten und schlägt einen magisch-flirrenden Ton an, der Assoziation an Assoziation, Erinnerungsdetail an Erinnerungsdetail reiht und auf diese Weise die psychische Zerrissenheit seines jungen Helden widerspiegelt.

Der Handlungsrahmen von "Ein Abend bei Claire“, der sich - wie die Übersetzerin Rosemarie Tietze in ihrem klugen Nachwort skizziert - an biografischen Eckdaten des Autors orientiert, ist geprägt durch den frühen Tod des geliebten Vaters. Als Achtjähriger verliert Kolja ihn und wächst nun mit der ihm fremd bleibenden Mutter auf, einer "ruhigen Frau, die einem Gestalt gewordenen Gemälde glich“. Wie sich Kolja an den geliebten Vater, ein passionierter Musikliebhaber und Jäger, erinnert, macht den Roman zu einer liebevollen Hommage. Die Mutter hingegen nötigt ihn, in ein ungeliebtes Kadettenkorps einzutreten, das er bald wieder verlässt. Auf dem Gymnasium trifft der Sechzehnjährige eine folgenreiche Entscheidung: Ohne über ein ausgeprägtes politisches Bewusstsein zu verfügen, schließt er sich 1919 im Russischen Bürgerkrieg den Weißgardisten an und kämpft gegen die Bolschewiken. So sehr Kolja von den Kriegshandlungen geprägt ist, die ihn schließlich zur Flucht nach Frankreich zwingen, so deutlich bleibt, dass Gaito Gasdanows Roman sein Hauptaugenmerk auf die seelischen Zustände seines Protagonisten richtet. Früh unter einer Krankheit leidend, "die mich so unangemessen zwischen Wirklichem und Eingebildetem verharren ließ“, stellt Kolja fest, dass sich sein Innenleben von den äußerlichen Ereignissen zu lösen beginnt und zwischen Gefühlen, Gerüchen und Gedanken hin und her springt.

Man hat Gasdanows Erzählmethode, die sich auch in einer komplexen, verschlungenen Syntax niederschlägt, mit der Marcel Prousts verglichen - eine Parallele, die einiges an Evidenz hat, obwohl Gasdanow auf Prousts Monumentalwerk wohl erst durch die Hinweise von Rezensenten aufmerksam wurde und dann anhand der eigenen Lektüre von "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ selbst überprüfen konnte, was es mit den Vergleichen in der Kritik auf sich hatte.

Die äußere und innere Zeit

Seine Kunst liegt unter anderem darin, den Verästelungen der Gefühle beharrlich nachzugehen und sich darauf einzulassen, dass die vermeintlich objektiv erfahrene Realität von unterschiedlichen Menschen gänzlich unterschiedlich wahrgenommen und verarbeitet wird. Kolja bewahrt sich eine Rolle als Außenseiter, die ihm hilft, mit den für einen Jugendlichen ungeheuer intensiven Erfahrungen zurechtzukommen. Die Epiphanie mit Namen Claire (für die es auch in Gasdanows Biografie ein reales Vorbild gegeben hat) erweist sich als Rettungsanker. Von Gewehrsalven und Feuersbrünsten bedroht, denkt der Flüchtling an die ferne Geliebte, "deren Schatten mich beschirmte“. Die Vorstellung, im Pariser Exil leben zu müssen, verliert mit einem Mal ihren Schrecken: "Noch auf dem Dampfer begann ich eine andere Existenz zu führen, in der all mein Sinnen und Trachten auf meine künftige Begegnung mit Claire gerichtet war, in Frankreich, wohin ich aus dem altehrwürdigen Stambul fahren würde.“

Zehn Jahre, wie gesagt, werden verstreichen, bis Kolja wieder zu Claire zurückfindet, für einen rätselhaften Abend voller Befangenheit, ein Abend, den der Erzähler geschickt in der Schwebe hält und der belegt, wie wenig die äußere und die innere Zeit manchmal miteinander zu tun haben.

Ein Abend bei Claire

Von Gaito Gasdanow, Deutsch und mit einem Nachwort von Rosemarie Tietze, Hanser 2014.

192 Seiten, gebunden, e 18,40

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