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Auf ein Wort über Worte und Werte

Die großen Worte über die hohen Werte laufen in Gefahr, durch unbedachten, inflationären Gebrauch zu einer Worthülse zu verkommen. Besinnung auf ihren Gehalt ist geboten.

Derzeit rauscht es wieder heftig im Blätterwald und tönt aus aller Munde. Was Politiker sonst eher in Sonntagsreden und zu Wahlkampfzeiten auf der Zunge führen, ist nunmehr als fester Bestandteil des Alltagsjargons und zwischenparteilichen Diskurses zu vernehmen. Die Rede ist von einem Kanon unverzichtbarer Werte, von Transparenz und einer ethischen Neubesinnung, wie sie etwa im Kriterienkatalog der ÖVP gerade Gestalt annimmt und demnächst publiziert werden soll.

Wert, das ist ein ehrwürdiger Begriff, der bereits in der griechischen Philosophie wurzelt: Platon hat mit seiner Idee des Guten (agathón) eine Tradition begründet, die in verschiedenen Variationen und wechselnden Facetten über Denker wie Thomas von Aquin, Immanuel Kant, Friedrich Nietzsche, Edmund Husserl und Martin Heidegger bis in unsere Gegenwart hereinragt. Neben diesem idealistischen Paradigma hat sich freilich schon seit Aristoteles ein pragmatisches Seitenstück etabliert, gleichsam ein ökonomischer Gegenentwurf also, wie ihn neben Thomas Hobbes oder Adam Smith besonders Karl Marx nachhaltig geprägt hat.

Doch zurück zu jener Lesart, die in einer vereinfachten Auslegung Kant’scher Begrifflichkeit - absoluter Wert sittlicher Personen versus bedingter Wert von Gegenständen unserer Neigung - unser triviales Verständnis des Ausdrucks bestimmt.

Dass Worte und Werte zusammenhängen, anders gesagt: dass der Verfall der Sprache einem Defizit der öffentlichen Moral Vorschub leistet oder es wenigstens widerspiegelt, hat schon der römische Historiker Sallust ausgesprochen, wenn er Cato im Prozess um die Verschwörung Catilinas sinngemäß sagen lässt: "Wir haben schon längst die echten Bezeichnungen für wichtige Sachverhalte verloren. Denn wir nennen das Verschleudern fremden Eigentums und die Bestechung mit finanziellem Aufwand Großzügigkeit. Daher geht es mit dem Staat und der Politik steil abwärts.“ Dass die Sprache unser Denken prägt, ist heute wissenschaftlich nicht unumstritten, doch ein Zusammenhang der beiden Parameter, wenigstens im Sinne einer Pendelbewegung, lässt sich kaum leugnen.

Der wahre Gehalt des Wortes Kultur

Betrachten wir aber beispielhaft einige wenige Wertvokabel, wie sie derzeit bis zum Überdruss verlautbart werden, etwas genauer.

Da bietet sich zunächst das arg strapazierte Konzept der politischen Kultur an. Fast jeder führt das Wort im Mund, ohne dass sich noch ein fester "Sitz im Leben“ ausmachen ließe. Dass der Ausdruck letztlich auf lateinisch colere "pflegen, bebauen“ zurückgeht, kann leicht nachgeschlagen werden. Wie so oft im gehobenen Wortschatz geht die konkret-dingliche der abstrakt-sublimen Semantik voraus - man denke nur an den deutlich erkennbaren Ursprung von ‚Intellektualverben‘ wie verstehen, begreifen oder erfassen. Die cultura animi, also die Erziehung zum geselligen Leben, zur Beherrschung der freien Künste und zu einem ehrbaren Lebenswandel, geht demnach auf die agricultura, den Ackerbau zurück, ist somit in der Bestellung der Felder verortet. Im Rückgriff auf diese Grundbedeutung ließe sich für politische Kultur vielleicht doch ein minimaler gemeinsamer Verständnisnenner gewinnen: nämlich nach einer harten Auseinandersetzung das politische Terrain so zu verlassen, dass darauf wieder der Weizen blühen oder wenigstens darüber das Gras wachsen kann - und nicht bloß das Unkraut gedeiht.

Die Ehre - mehr als nur ein Wort?

Blicken wir weiters auf den Leitbegriff der Ehre. Der Ursprung des Begriffes führt uns zu einem Bedeutungskern "Scheu, Ansehen, Berühmtheit, Achtung“, der dem Wort auch gegenwärtig noch innewohnt. Doch sind in einem Zeitalter der Ehrenbürgerschaften und anderer ‚honoriger‘ Funktionen die semantischen Ränder des Ausdrucks schon reichlich ausgefranst. Vom überzeugten Pathos des Schillerwortes ("Die Jungfrau von Orleans“) "Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles setzt an ihre Ehre“ ist wenig geblieben.

Freilich haben Pragmatiker schon früh am ‚Nährwert‘ dieses Prestigevokabels und seiner Konnotationen gezweifelt. Giuseppe Verdis beleibter Titelheld Sir John Falstaff jagt - auf den Spuren von William Shakes-peare - sein Gesinde fort, als dieses die Rücksicht auf Ehre (l’onore) als Ausrede benützt: "Die Ehre! Gauner! Ihr wollt die Ehre blank erhalten, Kloaken Ihr der Schande! … Was ist Ehre? Vermag sie was zu leisten? Nichts. Kann die Ehre wohl ein Bein Euch wiedergeben? O nein. Den Fuß dann? Nein. Die Zehe? Nein. Den Nagel? Die Ehre ist kein Wunderarzt. Was ist sie? Nur ein Wort. Was steckt denn in dem Worte? Ein Hauch nur, der versäuselt.“

Kant und Kraus zur Würde

Auch von Anstand ist heute oft die Rede - nicht nur im privaten Bereich, auch im öffentlichen Miteinander. Das schon mittelhochdeutsch belegte Substantiv meint primär gutes Benehmen, also: was sich schickt und einem ‚ansteht‘. Surft man freilich ein wenig in seinem eigenen Wortschatz, so fallen einem unwillkürlich das Verbum beanstanden und die Phrase an etwas Anstand nehmen ein, die in eine ganz andere Richtung weisen. Im moralischen Sinn hatten das Wort und seine Ableitungen im Jargon des Fin de Siècle Hochkonjunktur. "Ich bin eine anständ’ge Frau“, singt Valencienne in Franz Lehárs "Lustiger Witwe“ ihrem Verehrer Rosillon zu. Und in Arthur Schnitzlers "Reigen“ sagt der junge Herr am Ende seiner Episode mit der jungen Frau: "Jetzt habe ich ein Verhältnis mit einer anständigen Frau!“ Was war also ein solches Wesen in der unausgesprochenen Definition jener Epoche? Vielleicht eine Dame, die ihre Seitensprünge geschickt und raffiniert zu verbergen wusste!

Kommen wir abschließend zur Würde, die schon in Immanuel Kants Lehrgebäude einen wichtigen Baustein bildete und sich dort als "innerer Wert“ darstellt. Etymologisch führt dieses Vokabel auf Wert zurück, was sich auch in den Ableitungen würdig oder würdigen bewahrt hat. Friedrich Schiller hat in seinem Gedicht "Die Künstler“ diesem Berufsstand eine besondere ethische Verpflichtung auferlegt: "Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben.“ Doch gerade dieser Ausdruck läuft durch unbedachten, inflationären Gebrauch und ein auf Gewinnmaximierung erpichtes Ambiente gegenwärtig Gefahr, zu einer Worthülse zu verkommen. Der Gleichklang mit dem Konjunktiv des Hilfszeitwortes werden mag zum Verschleiß weiter beigetragen haben. Wie sagt doch Karl Kraus in einem seiner gelungensten Aphorismen: ",Würde’ ist die konditionale Form von dem, was einer tut.“

Biografie und Bücher von Oswald Panagl

Oswald Panagl, Jahrgang 1939, absolvierte das Studium der Klassischen Philologie, der Indogermanistik und Germanistik an der Universsität Wien. Im Gesangsstudium an der Kunst-Universität Wien absolvierte er die Künstler-Reifeprüfung. Er legte 1977 seine Habilitation für "Historisch-vergleichende und allgemeine Sprachwissenschaft“ vor, war ab 1979 ordentlicher Professor für allgemeine und vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität Salzburg, ist seit 2008 Emeritus.

Oswald Panagl übte weiterhin zahlreiche Funktionen aus. Er ist Korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (seit 1999), Leiter der AG "Sprache und Öffentlichkeit“ in der ÖFG (seit 1995). Seit 2007 ständiger Gastdozent an der Musikuniversität Mozarteum. Panagl betreut Forschungsprojekte und leitet Tagungen an den beiden Salzburger Universitäten sowie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Darüber hinaus widmet er sich dramaturgischen Aufgaben bei den Salzburger Festspielen, am Salzburger Landestheater sowie an den beiden Wiener Opernhäusern.

Als Wissenschafter ist Panagl zudem Autor bzw. Herausgeber von 15 Büchern und Verfasser von rund 150 Aufsätzen Einige seiner Publikationen: "Ring und Gral.“, Würzburg 2002 (mit Ulrich Müller); "Text und Kontext“, Würzburg 2004 (mit Ruth Wodak); "Poetische Lizenzen“ (mit Wolfgang Dressler), Wien 2008; "Wörterbuch der politischen Sprache in Österreich“, Wien 2008, her-ausgegeben mit Peter Gerlich. (red.)

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