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Aufbruch in Venedig oder: ALLES NETFLIX

1945 1960 1980 2000 2020

Mit dem Goldenen Löwen für "Roma" des Mexikaners Alfonso Cuarón wurde erstmals eine Netflix-Produktion mit einer solch hochrangigen Ehrung bedacht.

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Mit dem Goldenen Löwen für "Roma" des Mexikaners Alfonso Cuarón wurde erstmals eine Netflix-Produktion mit einer solch hochrangigen Ehrung bedacht.

Dass beim 75. Filmfestival von Venedig mit Alfonso Cuarón ein würdiger Sieger gekürt wurde, dessen elegantes, schwarzweißes Drama "Roma" aus eigenen Kindheitserinnerungen besteht, ist für viele Besucher der Festspiele eine beinahe logische Folge aus dem Programmangebot gewesen; nicht, weil "Roma" dort zuwenig Konkurrenz gehabt hätte, denn selten war ein Wettbewerb so hochkarätig wie in diesem Jahr und die Mitbewerber so erstklassig.

Nein, "Roma" war deshalb preiswürdig, weil er völlig außerhalb jeder Erzählnorm stand und eine poetische Langsamkeit propagiert, auf die man sich als Zuschauer erst einlassen muss. Besonders bemerkenswert ist dies, weil "Roma" keine kleine Independent-Arthaus-Produktion ist, sondern vom Branchenriesen Netflix produziert wurde - der Streamingdienst steht seit Monaten im Zentrum einer Debatte um die Zukunft des Kinos, weil sich Netflix zwar künstlerischen Projekten namhafter Regisseure annimmt, aber einen Kinorelease seiner Produktionen konsequent verweigert (oder zumindest auf die gleichzeitige Streaming-Verwertung besteht).

Skeptiker verorten dahinter das Ende des Kinos, wie wir es kennen, und das Festival von Cannes hat darauf heuer mit einem totalen Netflix-Bann aus seinem Wettbewerb reagiert. Sehr zur Freude von Venedig, wo nun insgesamt sechs Netflix-Filme, darunter auch "Roma", gelaufen sind. Und Cuarón den ersten Hauptpreis eines A-Festivals für einen Netflix-Titel holte. Ein Schlag ins Gesicht von Cannes, das plötzlich als elitärer Minderheitenverein dasteht, weil es sich der Filmzukunft bewusst verschließt. Ist "Roma" also eigentlich ein Filmpolitikum? Oder tatsächlich eines solchen Preises würdig?

Ein Film aus Cuaróns Kindheit

Es ist Cuaróns erster mexikanischer Film seit seinem Durchbruch "Y tu Mama Tambien"(2001). Der Film schildert weniger eine Erzählung als vielmehr Situationen aus der Kindheit des Regisseurs, der vom Aufwachsen vor einem politisch angespannten Hintergrund berichtet, jedoch ganz beiläufig auch auf Erinnerungsstücke fokussiert, die scheinbar unwichtig, nebensächlich waren; diesen Hintergrund nach vorn zu holen, ist das Meisterstück Cuaróns, der komplexe gesellschaftliche Strukturen im Mexiko der 1970er Jahre mit großer Leichtigkeit und Eleganz durchdringt. Cuarón lässt die eigene Jugend durch die Augen seines Kindermädchens Revue passieren, und bis zu einem gewissen Punkt folgt man seiner elegischen Ausschweifung, seinen Erinnerungsstücken; aber dann ist da auch eine narrative Leere, die man von Cuarón noch nicht kannte; der Film ist bei all seiner Eleganz auch eine Herausforderung fürs Publikum.

Und es ist bestimmt kein Film, den man sich am Handy oder Tablet ansieht, wofür die Netflix-Produkte ja eigentlich gemacht sind. Ein Widerspruch, ebenso wie die Vermutung, "Roma" könnte demnächst auch Oscar-Karriere machen, wie viele andere Filme, die zuletzt in Venedig gewonnen haben, etwa "La La Land" oder "The Shape of Water". Widerspruch deshalb, weil Filme, um einen Oscar zu gewinnen, regulär im US-Kino gelaufen sein müssen -ob Netflix hierfür doch noch über den eigenen Schatten springt und dem Film zumindest einen kleinen Release gönnt? Es wäre kaum mit vielen Mühen verbunden, und auch unter normalen Bedingungen wäre die Veröffentlichung des Films wohl kaum allzu groß gewesen. Für Netflix bedeutete sie aber die Chance, Oscar-Geschichte zu schreiben.

Vieles hat diese Netflix-Debatte in Venedig zugedeckt, weil es rund um den Wandel in der Mediennutzung derzeit kaum ein hysterischeres Feld gibt als das Kino und seine Zukunft. Immerhin hatten die anderen Beiträge, die am Siegertreppchen standen, durchaus das Potenzial gezeigt, sich der großen Leinwand würdig zu erweisen.

Die anderen Preisträger(innen)

"The Sisters Brothers" zum Beispiel, ein Western des Franzosen Jacques Audiard, gedreht in Rumänien, mit John C. Reilly und Joaquin Phoenix als zwei Killer-Brüder, die halb-launig durch den Wilden Westen ziehen. Audiard bekam dafür den Regie-Löwen. Yorgos Lanthimos aus Griechenland wiederum erhielt für "The Favourite" den Großen Preis der Jury, die Britin Olivia Colman, die darin in einer sehr humorvollen Verfilmung Queen Anne spielt, an deren Hof allerlei Wirrungen auftreten, auch etliche Intrigen, erhielt den Preis als Beste Darstellerin. Bester Darsteller wurde Willem Dafoe, der in Julian Schnabels fiebriger, subjektiv gefilmter Biografie "At Eternity's Gate" den am Wahnsinn dahinschrammenden Vincent van Gogh spielt und sich damit auf Oscar-Kurs begibt. Und dann ist da noch der Drehbuchpreis für den -ebenfalls durchaus witzigen -neuen Coen- Film "The Ballad of Buster Scruggs", ein Western in sechs Szenen.

Alles Filme, die zu den populäreren Vertretern des Kunstkinos zählen, ausgenommen vielleicht der einzige Wettbewerbsbeitrag von einer Frau: "The Nightingale" brachte der Australierin Jennifer Kent den Spezialpreis der Jury und den Nachwuchs-Darstellerpreis für Baykali Ganambarr. Dies sind die radikalsten Preise, die die Jury unter Guillermo del Toro vergab, auch weil der Film ebenso radikal den Rachefeldzug einer im Outback anno 1825 vergewaltigten Frau schildert, der man Mann und Kind ermordet hat. Man denkt: Gäbe es den Netflix-Aspekt nicht, hätte "The Nightingale" auch mit dem Goldenen Löwen rechnen können.