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Aufmerksamkeit: zu wenig

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Dem österreichischen Film mangelt es an Aufmerksamkeit und Geld. Die Diagonale in Graz gibt einen Überblick über das heimische Filmschaffen.

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Dem österreichischen Film mangelt es an Aufmerksamkeit und Geld. Die Diagonale in Graz gibt einen Überblick über das heimische Filmschaffen.

Im Kulturland Österreich rangiert der Film an letzter Stelle. Weit hinter Staatsoper und Sängerknaben, Burgtheater und Philharmoniker fristet er ein einsames Dasein. Zuwenig finanzielle Mittel, zuwenig Filme, kaum Zuschauer.

Dabei müsste sich der österreichische Film nicht verstecken. Junge Filmemacher wie Barbara Albert, Kathrin Resetarits, Virgil Widrich oder Jessica Hausner zeugen von einer wahren Flut frischer Talente, die das Kino für sich schon entdeckt haben, und die auch von vielen Kinogängern schon entdeckt wurden. Ihre Debütfilme reüssierten auf internationalen Festivals, gewannen Preise und Auszeichnungen. Und doch: den nötigen Aufwind für das heimische Filmschaffen in finanzieller und wirtschaftlicher Hinsicht haben sie noch nicht gebracht.

Die Diagonale, die alljährlich als Werkschau sämtliche österreichischen Filmproduktionen aufführt, vereint die kleine heimische Filmbranche für eine Woche in Graz. Dort wird viel diskutiert über die Zukunft der Branche und über die Perspektiven für österreichische Filme.

Dabei wird die Diagonale heuer erst gar nicht mit einem österreichischen Film eröffnet. "Code: unbekannt", ein fragmentarischer Essay über die Unfähigkeit, miteinander zu kommunizieren, sorgte beim Filmfestival von Cannes im Vorjahr für Aufsehen. Die Hauptrolle spielt Frankreichs Weltstar Juliette Binoche, produziert hat die französische Arthaus-Schmiede mk2. Das einzig Österreichische an "Code: unbekannt" ist der Regisseur: Michael Haneke, der derzeit seinen bereits zweiten französischen Film, die Jelinek-Verfilmung "Die Klavierspielerin" mit Isabelle Huppert, fertig stellt. Haneke hat sich längst in Richtung Frankreich verabschiedet. "Dort ist das Interesse an meinen Filmen größer als anderswo, wenn ich es vorsichtig formuliere", sagt er über seine neue filmische Heimat. Just diesen Film für die Eröffnung der Diagonale auszuwählen, dazu gehört, beäugt von einer nicht selten uneinigen Filmbranche, viel Mut. Aber es ist der Beweis dafür, dass heimische Filmemacher im Ausland häufig größere Anerkennung finden als hierzulande. "Dass die Filme von Haneke im eigenen Land nahezu keine Öffentlichkeit haben, ist eigentlich unfassbar", meint Christine Dollhofer, die seit 1997 gemeinsam mit Constantin Wulff die Diagonale leitet. "Ich verstehe, dass er seine Filme mittlerweile lieber in Frankreich dreht".

Und doch war das abgelaufene Jahr für den heimischen Film eines der stärksten Jahre der letzten Zeit. Neben Publikumserfolgen wie Florian Flickers "Der Überfall" (100.000 Besucher), der auch den Darstellerpreis beim Festival in Locarno erhielt, und Wolfgang Murnbergers "Komm, süßer Tod" (bis dato 220.000 Besucher) mit Josef Hader, zeigt die Diagonale auch die Premiere von "Mein Stern", dem vielversprechenden Debütfilm der Filmakademikerin Valeska Grisebach, die einfühlsam von der Liebe unter Jugendlichen erzählt. Zu weiteren Höhepunkten zählen Elisabeth Scharangs Doku "Normale Zeiten", Frouke Fokkemas holländisch-österreichische Spurensuche nach Thomas Bernhard in "Der Umweg", sowie Kurt Mayers Expedition auf den Spuren des "englischen Patienten" Laszlo Almasy in "Schwimmer in der Wüste". All das gibt ein Konglomerat von intelligenten, spannenden und frischen Impulsen, die dem österreichischen Film zu weiter steigender Anerkennung verhelfen werden.

Doch Festivaleinladungen und Achtungserfolge sind den Geldgebern (hierzulande meist Politiker) zuwenig. Es ist, wie bei Haneke, ein unbekannter Code, in dem Filmschaffende und Politiker miteinander kommunizieren. Die hohe Politik interessiert sich wenig für die chronisch unterbudgetierte Filmförderung in Österreich. Dem Österreichischen Filminstitut etwa standen 1999 noch 169 Millionen Schilling zur Verfügung, 2000 waren es nur mehr 108 Millionen.

Europaweit wird zur Stärkung des lokalen Filmschaffens dagegen kräftig investiert: Die EU stellt im Rahmen ihres Media Plus-Programms in den nächsten fünf Jahren 400 Millionen Euro für Filmprojekte zur Verfügung. Dafür sollen Filme nur mehr zu maximal 50 Prozent ihres Gesamtbudgets gefördert werden. Die bisherige Praxis sah anders aus: zwischen 80 und 100 Prozent eines europäischen Filmbudgets bestehen in der Regel aus Fördergeldern.

Doch der Dorn sitzt noch tiefer: Auch der Verleih hat in Österreich nicht die finanzielle Kraft, um erstklassige Filme so herauszubringen, dass man nicht den Eindruck hat, sie liefen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die bittere Wahrheit ist: mehr als 85 Prozent der Filme, die in Österreichs Kinos gezeigt werden, stammen auf den USA. Wer das eigene Publikum fürs heimische Filmschaffen begeistern will (was mit "Der Überfall" oder "Komm, süßer Tod" in jüngster Zeit ja hervorragend gelungen ist), muss offensives Marketing betreiben und darf sich nicht auf die Überzeugungskraft des Feuilletons verlassen. In England etwa wird seit Jahren ein Teil der Einnahmen aus der staatlichen Lotterie der Filmwirtschaft zugeführt. So ein "Lotterie-Schilling" würde zweifellos auch in Österreich Sinn machen, wo es besonders viele freudige Lotto-Spieler gibt. Damit könnte man unter anderem in verbesserte Infrastrukturen für den Filmverleih investieren.

Was der österreichische Film aber am allermeisten braucht, ist Aufmerksamkeit: Film muss als Kunstform ebenso ernst genommen werden wie das Theater oder die Oper. Die Diagonale erfüllt in dieser Hinsicht, als einzige Bastion für den österreichischen Film, eine wichtige Funktion. Trotz finanzieller Engpässe bleibt zu hoffen, dass der Bestand dieser unverzichtbaren Werkschau noch für viele Jahre gesichert ist.

19. bis 25. März Information: www.diagonale.at

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