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Aufstieg und Fall im KAPITALISMUS

1945 1960 1980 2000 2020

Geld, Geld, Geld - und mitten drin der Mensch. Eine kleine Reise durch literatur mit Blick auf die Wirtschaft und ihre Folgen - von Thomas Mann bis Jonas lüscher.

1945 1960 1980 2000 2020

Geld, Geld, Geld - und mitten drin der Mensch. Eine kleine Reise durch literatur mit Blick auf die Wirtschaft und ihre Folgen - von Thomas Mann bis Jonas lüscher.

Als Revolutionär wird man Thomas Mann nicht durchgehen lassen. Er stand für eine durch und durch bürgerliche Existenz, gegen die sich sein Bruder Heinrich, der kämpferische unter ihnen, zur Wehr setzte. Für Heinrich Mann, den sozialistischen, in der DDR eingebürgerten Rebellen, kam nur in Frage, dem Kapitalismus den Todesstoß zu versetzen. So weit wollte Bruder Thomas nie gehen.

Doch seit seinem ersten großen Roman "Buddenbrooks" (1901), im Untertitel "Verfall einer Familie" genannt, ließ er sich als Verteidiger des herrschenden Systems nicht vereinnahmen. Eine Familie geht unter, symbolisch für eine Epoche. Unter den Vorfahren gedeihen die Geschäfte prächtig, die alteingesessene Hamburger Familie gehört zu den Vorzeigebürgern der Gesellschaft. Tatkräftigkeit und Lebenstüchtigkeit zeichnet die Vermehrer des Wohlstands aus. Als eine sensiblere Generation heranwächst, schwach an Nerven, den Künsten zugetan, ist es mit dem Aufschwung vorbei. Sensibilität und Kapital gehen bei Thomas Mann eine dauerhafte Verbindung nicht ein. Christian Buddenbrook mit seinem nach innen gerichteten Blick wird in eine Anstalt verfrachtet und Hanno, der Sensibelste überhaupt, musikalisch und feinfühlig, erweist sich sowieso als lebensuntauglich. Im Alter von sechzehn Jahren stirbt er. Wo Aufstieg ist, bleibt der Fall unausweichlich. Zukunftsgewissheit bleibt bei Thomas Mann ausgespart und das zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als andere Träume von Großmacht und Aufschwung hegten. Das Anschauungsmaterial für den Roman bezog er aus dem unmittelbaren Umfeld.

Die ganz unten

Der junge Joseph Roth, dringend auf Geld angewiesen, kannte Not aus eigenem Erleben. Er versuchte ein -zugegeben: mäßiges - Gedicht in Österreichs Illustrierter Zeitung unterzubringen und legte einen Brief bei, der die Lyrik zum bloßen Anhängsel degradiert. "Sehr geehrter Herr Redakteur!", heißt es darin: "Es ist das Schicksal der Armen, dass sie Allem, was sie beginnen, eine Entschuldigung voraus schicken müssen. Ich gehöre leider zu dieser Gattung und deshalb bitte ich Sie um Verzeihung. Wofür? - Nun, dass ich es wage, Sie zu stören. Dass ich es unternehme, Sie mit meiner unbedeutenden Persönlichkeit zu langweilen und Ihnen Ihre gewiss sehr kostbare Zeit zu rauben. Aber, bitte, verlieren Sie nicht die Geduld. Und hören Sie mich einige Minuten an. Sehr geehrter Herr Redakteur! Ich bin einer von denjenigen, die man Lyriker nennt, oder Narren, oder Bettler, oder alles zugleich. Sämtliche drei Attribute passen auf mich. Ganz besonders das letzte " In dieser selbstironischen Annäherung an den großen Redakteur steht schon jener Joseph Roth, der sich als Journalist bald profilieren wird. Er kommt aus der Tiefe der Gesellschaft, hat den Blick für das Elend und das Unglück und kämpft dagegen an. Thomas Mann beschreibt, wie es bergab geht, Joseph Roth fängt gleich ganz unten an. Die im Lichte stehen, interessieren ihn nicht, aber all jene, die es nicht geschafft haben, ein elender Trinker etwa, stellt er heraus als Heros einer Zeit, die es darauf anlegt, kraft eines ausgeklügelten Wirtschaftssystems empörende Unterschiede zu schaffen. Rund hundert Jahre nach Georg Büchner führt Roth nicht vor, wie Wirtschaft gemacht wird, sondern wie sie sich auswirkt auf all jene, die klein gehalten werden.

"Wir arme Leut"

Woyzecks Einsichten, wie sie ihm Büchner in den Mund legt, stellen sich in erschütternd holprigen Sätzen ein. Sie klagen damit ein System an, das so jemanden wie ihn zum Objekt ohne eigene Verfügungsgewalt über Leib und Leben macht.""Wir arme Leut - sehn Sie, Herr Hauptmann: Geld, Geld! Wer kein Geld hat - da setz einmal einer seinesgleichen auf die Moral in die Welt. Man hat auch sein Fleisch und Blut. Unsereins ist doch einmal unselig in der und der anderen Welt. Ich glaub, wenn wir in'n Himmel kämen, so müßten wir donnern helfen."

Im Musterland des Kapitalismus, den USA, arbeitete Upton Sinclair, drei Jahre jünger als Thomas Mann, am groß angelegten Projekt zur umfassenden Desillusionierung einer Menschen fressenden Wirtschaft. Er hatte sich damit keinen leichten Stand verschafft, wurde angefeindet und diffamiert, aber die Leser hatte er auf seiner Seite. Mit dem gut recherchierten Roman "Der Dschungel" machte er aufmerksam auf die katastrophalen Zustände in den Schlachthöfen Chicagos als Folge der kapitalistischen Logik, Profit zu steigern. 1927 erschien der Roman "Öl!", der das Geschäft mit dem Grundstoff des amerikanischen Erfolgs als schmierige Angelegenheit vorführt. Vater J. Arnold Ross und Sohn Bunny sind ein starkes Team. Sie betreiben eine Ölförderfirma, und gerade stehen wieder Verhandlungen an, zumal ein neues Erdölgebiet erschlossen werden soll. Jetzt geht es darum, die Pächter und Landeigentümer dazu zu bringen, ihr Land der Gesellschaft abzutreten. Ein groß angelegter Schwindel? Gewiss, denn wie im großen Stil Landraub betrieben wird, ist eine Lektion im Über-das-Ohr-Hauen des Gegenübers.

Der gelehrige Schüler wird ganz im Sinne eines Familiendramas unfolgsam, als er die Armutswelt kennenlernt. Durch Zufall lernt der Bursche, dem es an nichts mangelt, einen Jugendlichen aus den Kreisen der Unruhestifter kennen. Er wird bekannt mit den Verfemten, die die besseren Leute gerne knebeln und in die Illegalität drängen: Gewerkschafter, Sozialisten, Kommunisten, Anarchisten, alle, die finden, dass der kleine Arbeiter sich ein paar Rechte in einer reichen Gesellschaft verdient hätte.

Der junge Ross ist nie pubertär. Er begehrt nicht auf gegen seinen Vater, schlägt den Weg des sanften Rebellen ein. Er geht seinen eigenen Weg, studiert, stärkt die Linken in ihrem Kampf und unterstützt trotzdem immer seinen Vater. Sein Platz befindet sich zwischen den Stühlen, für einen, der nicht eindeutig Farbe bekennen will, der angemessene Ort. Unternehmer und Politiker zeichnet Sinclair als eine verrottete Bande des Eigennutzes. Präsidenten werden gekauft, Wahlen manipuliert, Bestechung und Korruption sind Alltagsverrichtungen. Alles Schweine bis auf J. Arnold Ross und seinen Sohn, die der Autor glimpflich aussteigen lässt als ein Gegensatzpaar, für das die Killermentalität der großen Entscheidungsträger keine Option darstellt.

Geläufige Weltordnung

In der jungen deutschsprachigen Literatur hat Jonas Lüscher mit seiner Novelle "Frühling der Barbaren" von 2013 die Helden unserer Zeit nicht nur an den Abgrund geführt, er versetzt ihnen auch noch einen kleinen Stoß. Und aus den smarten, adretten jungen Leuten, die gerade noch mit ungeheuren Geldsummen jonglierten, werden Fanatiker. Lüscher denkt die Folgen eines Finanzcrashes, den wir erlebt haben, noch etwas weiter, und der Boden der Zivilisation wird hauchdünn. In einer Oase im Hinterland von Tunesien hat sich ein Trupp dynamischer junger Engländer eingefunden, um eine Hochzeit zu feiern. So wie sie auftreten, machen sie einem jeden klar, dass die Welt ihnen gehört, die anderen dienen allenfalls als Kulisse und Hilfstrupp. Dann bricht der Kapitalmarkt in England zusammen, Kreditkarten sind unbenützbar geworden, die gerade ausgelassen Feiernden erfahren von ihrer Kündigung, nichts läuft mehr nach Plan. Sofort greift das Herrenreiterwesen der Befehlsgewaltigen durch, und in der Oase kommt es wieder zum Krieg der alten Kolonialmacht gegen jene, die gefälligst zu parieren haben. Eine Hemmschwelle ist gefallen, zumal es um die Verteidigung der geläufigen Weltordnung geht.

Es gibt Grund, dass uns unheimlich wird.

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