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Aus der Symmetrie gerückt

Ab diesem Samstag ist Venedig wieder der Nabel der internationalen Kunstwelt. Und die 54. Auflage der renommiertesten Leistungsschau zeitgenössischer Kunst ist mit 87 teilnehmenden Ländern die größte ihrer 116-jährigen Geschichte. Österreich schickt Markus Schinwald.

Zehn Nationen weniger waren vor zwei Jahren in Venedig mit dabei, besucht von mehr als 360.000 Kunstfreunden. Wie viele es heuer sein werden, wird man nach dem 27. November wissen, wenn sich die Länder-Pavillons in den Giardini, die allein schon architektonisch eindrucksvollen Hallen des benachbarten Arsenale, und diverse Kunstorte in der ganzen Stadt wieder für zwei Jahre leeren. Die 63-jährige Schweizer Kunsthistorikerin und Ausstellungsmacherin Bice Curiger ist die starke Frau der 54. Biennale von Venedig, deren wie meist schwammiges Generalthema diesmal "ILLUMInations“ heißt. Nicht wirklich schlüssig konkretisiert durch fünf Fragen. "1. Is the art community a nation? 2. How many nations are inside you? 3. Where do you feel at home? 4. Which language will the future speak? 5. If art were a state, what would its constitution say?“

Wie geschickt bzw. artifiziell sich die nach Venedig geschickten Künstler aus der Affäre ziehen bzw. die gestellten Fragen schlicht und einfach ignorieren, wird sich zeigen. Auch bei den 85 - darunter aus Österreich Franz West und die Künstlergruppe Gelitin -, die Bice Curiger für die von ihr kuratierte zentrale Schau eingeladen hat; von denen 32 nach 1975 geboren bzw. Frauen sind.

Ein Mann und Jahrgang 1973 ist der Salzburger Markus Schinwald, den die heurige Österreich-Kommissärin Eva Schlegel ausgesucht hat. Ihre Shortlist mit Biennale-Kandidaten sei ziemlich lang gewesen, verriet die als erfolgreiche Künstlerin hier einmal die Seiten wechselnde Schlegel im Vorfeld. Um mit Schinwald einen Künstler auszuwählen, dessen inhaltlich wie formal komplexe Arbeiten nicht nur für ein Fachpublikum, sondern auch kunstferne Schichten attraktiv und spannend sei.

Das "Unter-der-Fahne-Stehen“ im Giardini-Park der Nationen ist Schinwald dagegen zutiefst "unsympathisch“. Fühlt er sich doch als "alles andere als ein österreichischer Skifahrer“ und schon gar nicht als österreichischer Künstler.

Latentes Unbehagen

Studiert hat der 38-Jährige an der Linzer Hochschule für künstlerische und industrielle Gestaltung bei Herbert Lachmayr, bevor er zum Studium der Kulturwissenschaften an die Berliner Humboldt-Universität ging. Im Jahr 2000 ergatterte er eines der begehrten Schindler-Stipendien in Los Angeles, wo er seither - alternierend zu Wien - auch lebt. Und zunehmend international gefragt ist: 2004 widmete ihm etwa der Frankfurter Kunstverein eine große Personale, fünf Jahre später verzauberte er das Kunsthaus Bregenz mit seinen verrückten Bildern von verstörender Schönheit. Noch heuer richten ihm das Linzer Lentos und der Kunstverein Hannover repräsentative Einzelausstellungen aus, und auch bei der Surrealisten-Schau der Wiener Kunsthalle wird Schinwald mit dabei sein.

Ein latentes Unbehagen am individuellen und kollektiven Sein ist die Triebfeder seines künstlerischen Tuns. Festgemacht an Körpern und Räumen, wozu er sich der unterschiedlichsten Medien bedient. Um auf höchst intelligente, subversiv irritierende Weise mit Kontexten zu spielen, Bedeutungen zu verschieben, erwartete Stimmigkeiten zu stören. Etwa durch seine schrägen Eingriffe in die Porträts anonymer alter Meister, seine Tischbeine, die sonderbar berührend lebendig anmuten, oder seine surreal verstörenden Kurzfilme in der Art klassischen Slapsticks.

All das wird Schinwald auch in dem 1934 von Josef Hoffmann gebauten österreichischen Biennale-Pavillon zeigen - dessen Eingang ihm so gar nicht gefällt, lasse er in seiner Monumentalität doch "den Besucher schrumpfen“. Weshalb er ihn mit einer Wand verstellt, in die nur ein schmaler Schlitz geschnitten ist und die der vom Künstler als faschistisch empfundenen Symmetrie den Garaus macht. Das Innere des Pavillons verbaut Schinwald mit labyrinthähnlichen Räumen, die einerseits als Bühne für seine Kunst dienen, aber auch durch die ganz neue Erfahrung des altehrwürdigen Raumes ein "Moment der Störung zwischen Sichtbarem und Verborgenem“ erzeugen sollen.

www.labiennale.at

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