Aus der Vogelperspektive

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Radka Denemarková legt in "Ein Beitrag zur Geschichte der Freude" die gesellschaftlichen Strukturen frei, die Gewalt an Frauen begünstigen -ein nicht nur am Internationalen Frauentag relevantes Thema.

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Radka Denemarková legt in "Ein Beitrag zur Geschichte der Freude" die gesellschaftlichen Strukturen frei, die Gewalt an Frauen begünstigen -ein nicht nur am Internationalen Frauentag relevantes Thema.

Die Leipziger Buchmesse bietet immer einen schönen Anlass, über den eigenen Tellerrand zu blicken und sich die Literatur des Gastlandes anzusehen. Beim diesjährigen Gastland Tschechien besteht geographisch und historisch ohnehin eine große Nähe, dennoch gibt es noch viel zu entdecken. Eine der originellsten Stimmen der tschechischen Gegenwartsliteratur ist die hierzulande eher wenig beachtete Radka Denemarková. In Tschechien gehört sie hingegen zu den renommiertesten und meistprämierten Autorinnen. Die 1968 geborene Schriftstellerin bietet keine leichte Kost. In ihrem 2006 erschienenen Roman "Ein herrlicher Flecken Erde" nimmt sie sich mit dem Holocaust und dem Umgang mit den Opfern nach dem Krieg in Tschechien eines Tabuthemas an. Denemarková hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Sprache für Themen zu finden, für die es eigentlich keine Worte gibt.

In ihrem neuen, von Eva Profousová übersetzten Roman, hat Denemarková sich einer schier unlösbaren Herausforderung gestellt: Sie will nichts weniger als die Geschichte der sexuellen Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert schreiben. Einen zynischeren Titel als "Ein Beitrag zur Geschichte der Freude" könnte man dafür kaum finden. Denemarková wagt sich in vermintes Gebiet, aus dem man kaum heil wieder herauskommen kann. Bei einem so sensiblen Thema kann man kaum etwas richtig, aber alles falsch machen. Das zeigen bisherige filmische und literarische Auseinandersetzungen mit Vergewaltigungen zuhauf. Die Darstellung der Gewalt birgt die Gefahr des pornographischen Voyeurismus, sie auszublenden schreibt die Tabuisierung fort.

Das Unsagbare sagbar machen

Denemarková macht es weder sich noch dem Leser einfach. Dieser Roman ist widerborstig und sperrig, er widersetzt sich wohligen Lesegewohnheiten, geht auf Distanz und ist gleichzeitig schonungslos. Der Roman beginnt als Krimi, es gibt einen fingierten Suizid, einen Ermittler, die betörende Witwe des Opfers. Der reiche Geschäftsmann wird erhängt in seinem Luxusapartment aufgefunden. Ihm wurde von mehreren Frauen sexuelle Belästigung und Vergewaltigung vorgeworfen. Bei seinen Ermittlungen stößt der Kommissar auf drei alte Damen, die gemeinsam ein Haus in Prag bewohnen und die dort ein verstörendes Archiv angelegt haben: Sie sammeln Informationen, Dokumente, Zeugenaussagen zu internationalen Sexualverbrechen an Frauen. Von der Gruppenvergewaltigung mit einer Eisenstange in einem Bus in Indien, einem realen Fall, der 2012 für Schlagzeilen sorgte, über die "Trostfrauen", die in den 1930er-Jahren zu Tausenden in von den Japanern besetzten Gebieten eingesperrt und der Armee "zur Verfügung" gestellt wurden, bis hin zur aktuellen Zwangsprostitution in Europa und Vergewaltigungen als Kriegsinstrument. "Das Problem des zwanzigsten Jahrhunderts ist das Problem der Opfer." Vergewaltigungen gab es schon immer, aber auch im angeblich so aufgeklärten Jahrhundert sind die weiblichen Opfer nicht mehr als eine Fußnote. Von offizieller Seite ist keine Hilfe zu erwarten. Auch nicht von inoffizieller. Simon Wiesenthal, der Nazijäger, tritt auf. Bei Melange und Sachertorte und dem Vergleichen von Häftlingsnummern am Handgelenk weigert er sich, Vergewaltiger bei seiner Jagd zu berücksichtigen. "Ich habe Ihnen erklärt, dass ich nach Verbrechern suche." Mit dem Hinweis, dass die Frauen vom richtigen Weg abgekommen seien und sie nicht zur Suffragette werden solle, schickt er Ingrid -die während des Krieges Opfer sexueller Gewalt wurde und eine Art Vorgängerin der Rächerinnen ist -weg. Vergewaltigung ist höchstens Kollateralschaden. Die Frau, die Wiesenthal zurückweist, wird sich später töten. Bleibt nur, sich selbst darum zu kümmern.

Die drei alternden Frauen Diana, Erika und Birgit bilden eine Racheformation, wie man sie vorher noch nie gesehen hat. Sie repräsentieren unterschiedliche Zugänge und Wege, mit der Gewalterfahrung umzugehen. Diana, die Yogalehrerin, setzt am Körper an. Der Körper als Träger kollektiver und individueller Gewalterfahrungen fungiert als Gedächtnis, das nichts vergisst, auch wenn man es will. Selbstermächtigung beginnt für Diana daher in der Körperarbeit. Birgit hingegen gibt Schreibkurse, ihr Instrument der Verarbeitung ist die Sprache. Das Unsagbare sagbar machen -es liegt nahe, dass Denemarková, die selbst kreatives Schreiben unterrichtet, ihren Roman hier verortet. Und Erika schließlich, die Filmemacherin, bedient sich eines Mediums, das die Realität als Bild festhalten möchte. Nur was sichtbar gemacht wird, kann als Realität anerkannt werden. Zu dritt dokumentieren die Frauen, geben den Opfern eine Stimme und lehren die Körper, nach der Erniedrigung wieder aufzustehen.

Die Historiker in dieser "Geschichte der Freude" sind ausgerechnet Schwalben. "Von oben gesehen ist alles brutal einfach." Schon immer hat das Vogelmotiv Schriftsteller fasziniert. Vögel flattern als Symbole der Weisheit, des Unheils, der Freiheit und des Friedens durch die Literaturgeschichte. So originell wie bei Denemarková wurden sie aber selten eingesetzt. "Die Schwalben fliegen und zwitschern. Sie erzählen sich Witze über Männer und Frauen. Sex ist Freude. Die Witze wiederholen sich über die Jahrhunderte, die Schwalben sammeln Beiträge für die Geschichte der Freude. Dabei sind sie auf ein Schlachtfeld gestoßen, das keine Friedenszeiten kennt." Die Schwalben verbinden die Zeiten und die Kontinente und nehmen dabei wortwörtlich die Vogelperspektive ein. Dennoch bleibt ihre genaue Rolle unklar, sie ziehen sich metaphorisch durch den Text, als Engel der Geschichte, als Zeugen, Opfer und Komplizen, sie sind die Frauen, aber sie sind sie auch nicht.

Der Keim der Gewalt

Radka Denemarková hat es geschafft, einen bestürzenden, hochgradig politischen und gleichzeitig poetisch verdichteten Roman vorzulegen. Sie mixt Genres, Krimi, Rape-Revenge, historischer Roman. Sie versucht gar nicht erst, eine Sprache für die Gewalterfahrung zu finden, sie verwebt diese in den Text. Die Stimmung ist kafkaesk und düster. Die Gewalt, die sich in den Körper einschreibt, bleibt irreversibel, daran lässt Denemarková keinen Zweifel. Ihr ist nicht an Katharsis gelegen, sie entschuldigt und relativiert nicht und bietet auch keine Lösungen an. Sie skizziert das "vergewaltigte Jahrhundert" und legt die gesellschaftlichen Strukturen und psychologischen Muster frei, die Gewalt begünstigen. Im namenlos bleibenden Ermittler spiegelt sich jene konfliktbehaftete Männlichkeit, die man seit einiger Zeit gerne toxisch nennt. Gewalt gegen Frauen hindert den Ermittler nicht daran, den mutmaßlich ermordeten Geschäftsmann als sympathisch und "von anderen Männern gern gesehenen Zeitgenossen" zu sehen. Er beginnt eine Affäre mit der Witwe. Eifersucht, Besitzansprüche und gewalttätige Tendenzen werden in bedeutungsschwangere Floskeln übersetzt und legitimiert. Der Keim der Gewalt liegt in der Normalisierung destruktiver Strukturen und Muster. Das Problem sind nicht nur die Vergewaltiger, das Problem sind jene, die als Komplizen agieren, ohne sich dessen bewusst zu sein, wie der Kommissar.

Dass es Denemarková gelingt, einen Roman über sexuelle Gewalt und Selbstjustiz vorzulegen, ohne in die vielen möglichen Fallen zu tappen, ist erstaunlich. Das Konkrete so verrätselt zu präsentieren, dass man es mehr fühlt, als es zu verstehen, erinnert an Denemarkovás großen Landsmann Kafka. Und wie bei Kafka hält das Gefühl nach dem Lesen sehr viel länger an, als es ein Text, der nur an den Verstand appelliert, je könnte.

Ein Beitrag zur Geschichte der Freude Von Radka Denemarková Aus dem Tschechischen von Eva Profousová Hoffmann und Campe 2019 336 Seiten, geb., € 24,70

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