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"Aus diesem Land stammen die ersten Kulturen"

1945 1960 1980 2000 2020

Eine dokumentarische Reflexion über eine Familie aus Bagdad, die heute in aller Welt verstreut ist: Filmemacher Samir im Gespräch über politische Kunst und seinen Film "Iraqi Odyssey".

1945 1960 1980 2000 2020

Eine dokumentarische Reflexion über eine Familie aus Bagdad, die heute in aller Welt verstreut ist: Filmemacher Samir im Gespräch über politische Kunst und seinen Film "Iraqi Odyssey".

Eigentlich ist Samir Schweizer, denn dieses Land betrachtet er als seine Heimat. Doch der Filmemacher, der mit vollem Namen Samir Jamal Aldin heißt, kam am 29. Juli 1955 in Bagdad zur Welt -und das ist weit weg von der Schweiz. Mit neun Jahren zog er mit seinen Eltern hierher, machte später eine Typographenlehre, und wurde auch als Kameramann ausgebildet. Als Filmschaffender arbeitet er seit 1983, zwei Jahre später nahm er das Schweizer Bürgerrecht an. Bis 1991 war er Mitglied der genossenschaftlichen Filmproduktion "Filmladen Zürich", 1994 übernahm er die Firma "Dschoint Ventschr". Samir ist in der Schweiz heimisch geworden, drehte aber immer wieder Filme, die mit seinen Wurzeln zu tun hatten, darunter Festivalerfolge wie "Babylon 2" (1993), "Forget Baghdad" (2002), "Snow White"(2005) oder zuletzt "Iraqi Odyssey" (2014), der als Schweizer Kandidat für den Auslandsoscar 2016 eingereicht wurde. Der Film kommt nun in unsere Kinos und befasst sich mit Samirs Familie, die in alle Welt verstreut ist und doch einen gemeinsamen Nenner kennt: Das geschäftige Bagdad, von wo sie stammt.

Die Furche: Sie haben mit "Iraqi Odyssey" sehr konsequent daran gearbeitet, die eigene Familien-Befindlichkeit in Hinblick auf Ihr Heimatland zu erforschen. Warum?

Samir: Ich habe es hier mit dem seltenen Fall zu tun, dass die Geschichte meiner Familie zugleich auch wie ein Stellvertreter für eine ganze Generation steht. Meine Familie entstammt dem Mittelstand, es geht um meinen Großvater, seine Kinder, meine Tanten und Onkeln und wie sie alle in aller Welt verstreut sind. Sie sind Teil der irakischen Diaspora. Sie waren Patrioten, wehrten sich gegen den britischen Kolonialismus. Sie wollten etwas für ihr Land erreichen, aber ihre Geschichten sind vergessen oder wurden von religiösen Fanatikern diskreditiert. Die

Furche: Sieht man sich den Irak heute an, glaubt man, von der blühenden Vorstellung ihrer Vorfahren ist nichts mehr übrig.

Samir: Ich bin da weniger pessimistisch. Wenn man zurückblickt, bemerkt man, wie aufstrebend dieses Land einmal war: Der Irak in den 50er-Jahren war voll von Frauen, die studierten und elegant gekleideten Männern in Bagdad, einer überaus modernen Stadt. Aus diesem Land stammen die ersten Kulturen, man hätte diesen Staat auch zu einem Vielvölkerstaat wie die Schweiz machen können. Die Chancen dazu waren da.

Die Furche: Stattdessen sind viele Ihrer Verwandten vor Saddam Hussein geflohen, und teils nie zurückgekehrt in die Heimat.

Samir: Eigentlich wollte ich nicht auf Bagdad fokussieren, sondern eher auf die grundlegende Veränderung in unserer Welt, die aus ihrer 200-jährigen Nationalgeschichte ausgebrochen ist. Staaten sind plötzlich nicht mehr das, was sie einmal waren. Ihre behauptete Homogenität ist durch Globalisierung ersetzt worden. Alte Muster fallen auseinander.

Die Furche: Inwiefern hilft Ihnen Ihr Migrationshintergrund beim Begreifen dieser veränderten Welt?

Samir: Die Erfahrungen, die ich als Migrantenkind gemacht habe, versuche ich einzuordnen. Wie funktioniert diese Welt? Ich bin geprägt durch die 70er-Jahre und ihr Klima des Aufruhrs. Wäre ich damals nicht zum Austausch meiner Befindlichkeiten mit Freunden gezwungen worden, wäre ich wohl ein autistischer Künstler geworden, der im stillen Kämmerlein vor sich hinschafft. Wäre ich 20 Jahre früher geboren, wäre ich also ein ganz anderer Künstler geworden.

Die Furche: Viele Ihrer Arbeiten sind sehr politisch. Hat das mit Ihrer Herkunft zu tun?

Samir: Vielleicht. Denn alles im Leben ist politisch, jede Entscheidung, die man trifft. Ich muss aber ehrlich sein: Ich wäre gern auch mal unpolitisch. Es ist mir bisher aber leider nicht gelungen.

Die Furche: Sind Sie trotz Ihrer Schweizer Staatsangehörigkeit mit Vorurteilen bezüglich Ihrer Herkunft konfrontiert?

Samir: Ich selbst eher weniger. Aber ich weiß schon, dass viele Leute denken, aus dem Irak kommen viele Terroristen. Ich bin wegen meiner Religionszugehörigkeit einer, der für Terrorismus angeblich anfällig ist. Trotzdem schaut mich aus dem Spiegel kein bärtiger islamischer Fanatiker an. Ich ärgere mich auch, wenn die Vorurteile als Tatsachen hingestellt werden. In vielen US-Filmen sind Iraker lediglich Monster ohne Skrupel, die es auf das Töten von Menschen aus dem Westen abgesehen haben. Insofern verstehe ich "Iraqi Odyssey" als konkreten Gegenentwurf zum Vorurteilskino: Es geht darin nämlich nicht um Killer, sondern um ganz normale Menschen wie du und ich, die ihre eigenen, meistens ganz banalen Probleme haben, im Job oder mit der Familie.

Die Furche: Ihr Film war in der Schweiz sehr erfolgreich. Hat Sie das überrascht?

Samir: Ich wollte mit diesem Film immer Leute erreichen, die sich Gedanken machen. "Iraqi Odyssey" war gerade dort sehr erfolgreich, wo man glauben könnte, es wäre unmöglich. Die kleine Stadt Frauenfeld zum Beispiel ist eine bekannte SVP-Hochburg, und ich habe mit meinem Film dort ausverkaufte Häuser. Der Wissenshunger hört nicht auf, die meisten Zuschauer blieben dort nach dem Film sitzen und wollten diskutieren.

Die Furche: Wieso sind Sie eigentlich nicht in die Politik gegangen?

Samir: Dass ich in der Kunst gelandet bin, hat sicher auch damit zu tun, dass ich an phänomenologischen Aspekten des Lebens interessiert war, die sich im Ästhetischen äußern. Das kollidiert immer mit Fragen, die ich mir als Individuum in der Gesellschaft stellen muss: Wo bin ich, wer bin ich, wie konnte es so kommen, wie es gekommen ist? Diese Fragen muss sich ja jeder Mensch stellen, auch ein Politiker. Aber bei mir kam ein formales Interesse hinzu, diese Fragen in eine gewisse ästhetische Form zu bringen.

Die Furche: Ästhetik als der wahre Auftrag eines Künstlers?

Samir: Ja, durchaus, aber ich glaube, Ästhetik sollte sich der Erkenntnis unterordnen. Sie passiert nicht ohne Sinn. Meine Filme müssen ästhetisch aussehen, weil es diese Form zu mehr Aufmerksamkeit bringt, bei den Leuten, die ich erreichen möchte.

Das Gespräch führte Matthias Greuling

Iraqi Odyssey

CH/D/IQ 2014. Regie: Samir. Mit Souhir R. Ahmed, Jamal Al Tahir. Polyfilm. 162 Min.

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