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Feuilleton

Aus eines Taugenichts Leben

1945 1960 1980 2000 2020
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"Slacker“ heißt auf Neudeutsch ein Angehöriger der verlorenen Generation von heute, und Tom Schilling stellt im Film "Oh Boy!“, der auch eine Liebeserklärung an Berlin ist, einen solchen dar. Oder auch nicht, wie er im Gespräch klarstellt. Das Gespräch führte Alexandra Zawia

Er ist 30 Jahre alt und hat schon viele unterschiedliche Rollen gespielt - vom Teenschwarm bis zum jungen Adolf Hitler in der filmischen George-Tabori-Adaption "Mein Kampf“ (2011). In Jan Ole Gerstners Debütfilm "Oh Boy!“ gibt Tom Schilling einen Berliner Taugenichts, in dessen Leben(sgefühl) der Streifen konzis und atemberaubend Einblick verleiht.

Die Furche: Sie wohnen selbst in Berlin, entspricht denn das Bild, das der Film von der Stadt zeichnet, auch Ihrem eigenen?

Tom Schilling: Mir erscheint Berlin oft sehr hübsch und lebendig, aber auch einsam und kaputt. Es ist leicht, zu dieser Stadt eine Hassliebe zu entwickeln, die sicher auch Jan Ole Gerster pflegt - wodurch er ein relativ genaues Berlinbild schaffen konnte, das nichts verklärt. Es ist aber auch kein typischer Berlinfilm.

Die Furche: Inwiefern nicht?

Schilling: Weil er zum Beispiel nicht dieses Markenzeichen bedient, das Berlin als Partystadt hat. "Oh Boy“ ist nicht jung und hip, das ist kein Hipsterfilm, der eine trendige Oberfläche poliert. Sondern er zeigt viele Facetten der Stadt und verschiedene Generationen. Deswegen wurden im Soundtrack zum Beispiel auch bewusst Jazz-Songs eingesetzt und nicht die "Berlin typische“ elektronische Musik.

Die Furche: Was hat Sie an der Rolle des Niko interessiert?

Schilling: Sie ähnelt literarischen Figuren, die ich mag: Holden Caulfield aus der "Der Fänger im Roggen“ und Herman Hesses "Demian“. Niko vermischt diese Figuren mit der Biografie von Jan Ole Gerster. Der hatte übrigens zuerst Bedenken, weil ich immer noch sehr jung wirke. In einem langen Brief habe ich ihn davon überzeugt, dass die Haltung und nicht das Alter für die Figur entscheidend ist.

Die Furche: Sie beide waren am Ende zufrieden?

Schilling: Sehr. "Oh Boy“ war eines meiner tollsten Projekte. Ich bin echt stolz darauf. Aber da muss man fast aufpassen, dass man nicht total abhebt, das ginge sehr leicht in diesem Job. Der totale Egoboost ist verlockend, die Bestätigung, die man bekommt, wenn man eine Rolle gut gemacht hat. Doch man muss sich immer darüber klar sein, dass das nicht dauern muss. Das muss ich mir auch selbst immer wieder vorsagen. Nach dem einen Film bist der Geilste, nach einem anderen der Arsch. Deswegen sehe ich auch immer zu, dass ich gleich weiterarbeite.

Die Furche: Sie sind also kein Slacker?

Schilling: Oh nein, viel eher ein Workaholic. Viele Leute ziehen ihren Selbstwert aus ihrem Beruf und ich zähle leider dazu. Der Begriff Slacker trifft übrigens auch auf Niko in "Oh Boy“ nicht zu. Er tut ja nur nichts, um Geld zu verdienen. Eigentlich ist er in dieser Verweigerungshaltung total mutig und fast ein Anarchist. Sein Vater hätte lieber, dass er so ist wie er selbst - also jemand, der die Ärmel hochkrempelt und eine Firma gründet. Im Film sieht man, was man dafür zunächst tun muss: Der Lakai genau eines solchen Typs sein. Dem verweigert sich Niko Fischer. Er sieht das Leben nicht in Schwarz-Weiß, für ihn gibt es nicht nur das Eine oder das Andere, diese Ambivalenz macht den Film aus.

Die Furche: Aber es wurde in Schwarz-Weiß gedreht.

Schilling: Gäbe es nicht so viele Leute, die bei der Filmfinanzierung mitreden und Filmemachern einreden wollen, schwarz-weiß sei Kassengift, würden viel mehr Filme so gemacht. Ich finde schwarz-weiß verdichtet, bringt einen dazu, genauer hinzugucken und es erzeugt schon von sich aus eine gewisse Melancholie.

Die Furche: Gingen Sie selbst einmal durch eine Phase der Orientierungslosigkeit wie Niko?

Schilling: Nein. Ich habe früh mit der Schauspielerei begonnen und einfach weiter gemacht. Aber unsere Generation heute ist sicher allgemein viel stärker mit dem Thema Selbstverwirklichung beschäftigt, und wir haben überhaupt die Freiheit, über solche Dinge zu reflektieren. Es heißt ja auch: 30 sei das neue 20 …

Oh Boy!

D 2012. Regie: Jan Ole Gerstner. Mit Tom Schilling, Marc Hosemann, Friederike Kempter, Justus von Dohnányi, Filmladen. 82 Min.