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Aus Verzweiflung ins LÄCHERLICHE

1945 1960 1980 2000 2020

Geschichten erzählen, "als ob dies alles zum lachen wäre": Der schriftsteller arnold stadler begegnet leid und last mit Komik.

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Geschichten erzählen, "als ob dies alles zum lachen wäre": Der schriftsteller arnold stadler begegnet leid und last mit Komik.

Jede Sichtung der relevanten deutschsprachigen Literatur dieser Jahre bliebe unvollständig, wenn nicht auch - und gerade -von Arnold Stadler die Rede wäre. Seine Romane besonders, neun an der Zahl bisher, haben verlässlich dazu beigetragen. Höchst unverwechselbar kommen sie daher, und das hängt großenteils mit ihrem Grundmuster zusammen. Professionellen Beurteilern ist es im Begriff der "Verzweiflungskomik" nachgerade zum Topos geronnen. Tatsächlich gehen diese beiden scheinbar so disparaten Haltungen in Stadlers Büchern eine untrennbare Verbindung ein. Konkrete Gestalt nehmen sie zumal in einer Schar wunderlicher Anti-Helden an, deren Grenzen und Leiden notorisch ins Lachhafte schillern.

Bei aufmerksamen Lesern ist dieses Verfahren durchaus geeignet, Irritationen auszulösen. Peter Handke, einer von Stadlers Bewunderern, hat sich früh schon entsprechend geäußert, sei dessen Prosa doch von "einer ungeheuren Verzweiflung" grundiert, "die mich -nicht erschreckt, dafür jedoch manchmal empört. Und zwar deswegen, weil sie sehr oft in das Lustige übergeht." Wenn umgekehrt Stadler selbst gesprächsweise die obendrein "eindrückliche Lächerlichkeit dieser Untergangsgeschichten" hervorhebt, mag dies vollends Anlass dazu bieten, ihr eigentümliches Ineinander von Abwärtsschrägen und Schrägheiten in seiner Funktion genauer unter die Lupe zu nehmen. Beispielhaft hierfür eignet sich "Mein Hund, meine Sau, mein Leben", Stadlers dritter Roman, das Panorama von vierzig Jahren eines völlig verkorksten Daseins. Dem damals gleichaltrigen Autor, der hier unverkennbar auch mit eigenen Erfahrungen spielt, verhalf sie 1994 triumphal zum Durchbruch.

Kleine Passionsgeschichte

Als "Ausschnitte aus meiner kleinen Passionsgeschichte" bezeichnet der Erzähler den Text, in dem sein heilloser Werdegang ausgebreitet wird. Schon vor der Geburt einsetzend, führt er durch diverse Stationen bis zur endgültigen Vertreibung aus einer abseitigen alemannischen Heimat, die in Wahrheit niemals eine solche gewesen ist.

Dieses Ich ist offensichtlich auf den Hund gekommen und selbst ein "armes Schwein": darauf weist der Titel hin. Aber nicht erst die Bezüge auf das schlimme Geschick zweier tierischer Gespielen des Kindes wenig später stellen eine kuriose Brechung her. Gleich zu Beginn wird treuherzig über erwogene, doch verworfene Überschriften sinniert. "Eine Verbindung aus Ernst und Rosa", lesen wir dort etwa, "klang nach Rilke und war kitschig, überdies entlarvend." Welch ein Auftakt für jenes Leben, das am Ende die Parallele zu einem ebenfalls "verratenen" Schmerzensmann in Anspruch nimmt!

Gegen erlittene Verletzungen

Und so geht es unablässig weiter. Missverhältnisse allenthalben, schneidende Inkongruenzen zwischen Vorstellungsebenen, die sich gegenseitig widersprechen. Mit anderen Worten: zahlreiche Facetten und Formen des Komischen hintertreiben den Eindruck der vorgetragenen Leidenshistorie, von purem Nonsens über allerlei Witze, Kalauer und manchem Bären, der dem Leser aufgebunden wird, bis hin zu karikierenden Bloßstellungen haarsträubender Verhältnisse. Letztere treffen ausführlich die Zustände im Hauptquartier der katholischen Kirche, wenn der Erzähler, der Priester werden möchte und (beides wie Stadler selbst einmal) zur Ausbildung nach Rom gerät, uns an seinen Einblicken teilhaben lässt. Aber auch hier, wo - ohne erbarmungslos abzurechnen übrigens -Komik als Waffe gegen erlittene Verletzungen gehandhabt wird, geht es, wie in einer detailliert geplanten Operation zum Kidnapping der englischen Königin, als Oberhaupt einer häretischen Gruppierung, nicht ohne lustvoll geschilderten Ulk ab.

Um zur letzten Tiefenschicht des Spektrums komischer Aussageweisen bei Stadler vorzudringen, ist ein Seitenblick auf zwei kluge Theoriebildungen hilfreich. So bringt der Philosoph Helmuth Plessner das Phänomen des Lachens mit der Spannung eines Unbeantwortbaren in Verbindung. Auf eine Komplexität menschlicher Erfahrung antworte es, die sinnhaft nicht zu bewältigen scheint. Sozialwissenschaftlich unterfüttert, geht Peter L. Berger noch einen Schritt weiter. Anhand der Erfahrung des Komischen als kurzzeitige Aufhebung herrschender Alltagsrealität mit ihrem Ernst ortet er eine religiöse Implikation, das mögliche Aufblitzen einer gänzlich verschiedenen, gar transzendenten "Welt, die geheilt und in der das Elend der menschlichen Existenz ausgelöscht worden ist".

Darauf hindeutende Signale sendet Stadler zur Genüge aus. Vom "Schmerz über Kürze und Verlauf dieses Lebens hier" spricht sein Erzähler, von "Lektionen unserer Vergänglichkeit", vom "Tod (dessen wahren Namen wir nicht kennen) mitten im Leben", und sich selbst bezeichnet er als einen verbannten "Wanderer"."Grabredner" ist er noch dazu. Im Gewand seines zeitgenössischen all time losers wird eine Art von barocker Desillusionierung aller diesseitigen Glücksverheißungen durch die Provokation der traurigen Lächerlichkeit des Menschen betrieben, eine Relativierung des Lebens ins Banale hinein, gerade weil es kontingent ist -woraus sich gewisse Folgerungen ergeben könnten. Nein, diesem Ich in der Nachfolge des Narrenduos Don Quixote und Sancho Pansa, das direkt aufgerufen wird, wäre auf Erden nicht zu helfen, selbst wenn alles einen besseren als den von ihm erlittenen Gang gehen würde. Was den Erzähler trifft und woran er sich verstärkend wundscheuert, dagegen ist letztlich kein Kraut gewachsen.

Komische Brechung

Wohl aber gibt es die Komik. Sie ist es, die in doppelbödig-paradoxer Vertracktheit dem "Hoffnungsschmerz" unverkürzt Asyl zu geben vermag, der Aporie eines Bewusstseins, das nicht davon ablassen will, sich eine Selbst-Überschreitung vorzustellen, obwohl es zugleich an deren Möglichkeit verzagt. Vielleicht kann davon nur mehr gehandelt werden, indem man, wie Stadlers Held, "Geschichten" erzählt, "als ob dies alles zum Lachen wäre". Über eine bloß drollige Tarnung von Katastrophen geht derlei, wenn man so will, Perspektive auf deren Rückseite weit hinaus. Es mag ja absurd sein, dennoch ist unser "Verlangen" nach einer radikalen Gegenwelt nun einmal da, und deswegen, findet Stadler wohl, bleibt einem nichts anderes übrig, als sich rechtschaffen damit herumzuschlagen.

Von hier aus erklärt sich die zentrale Rolle von "Heimat". Das Gedächtnis ihrer Versehrtheiten steht im Zeichen der Beschwörung eines "Ortes zum Ausruhen und trotz allem zu bleiben" -"wer weiß", ob es ihn gibt? Wach gehalten wird die "Sehnsucht" danach inmitten aller Drangsal von der flüchtigen Erfahrung einer eigentlichen, "zweiten Heimat". Just auf dem Tiefpunkt angelangt, steigen in Stadlers Erzähler Bilder eines Kindheitsausflugs in die "schönste Dorfkirche der Welt" auf: "Es war am Tag nach der ersten heiligen Kommunion. Über Steinhausen habe ich den Himmel gesehen, in seinem Licht sah ich das Licht, ich hörte die Engel singen ( ), mein Schutzengel war auch dabei." In solch einer Wirklichkeit erst käme die "Sehnsucht" zur Ruhe. Angesichts des realen, verstörenden Lebens aber: Wäre das nicht viel zu schön, um wahr sein zu können?"Erinnerung, Advocatus diaboli meiner Gegenwart: es war doch Gesang und Licht und oben?" Angesichts solcher Unschärfen bleibt es eben Sache der komischen Brechung, die unausrottbare Offenheit einer angefochtenen Transzendenz zu vertreten. Wie in einem "Versteckspiel", sagt Peter L. Berger. Während wir vermeintlich nur lachen.

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