Aussichtsloser Kampf der Gleichgültigen

Ewald Palmetshofer neuestes sprachmächtiges Stück "tier. man wird doch bitte unterschicht“ ist in der wuchtigen und berührenden Inszenierung von Felicitas Brucker im Schauspielhaus Wien zu sehen.

Der 1978 im oberösterreichischen Mühlviertel geborene Dramatiker Ewald Palmetshofer ist so etwas wie ein ein Spezialist fürs Prekariat. Im Wiener Schauspielhaus waren seit 2007 - als er hier Hausautor war - schon seine zeitkritischen Stücke "hamlet ist tot. keine schwerkraft“, wo er den Verfall einer Familie schildert, "wohnen. unter glas“ und "faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete“, in denen es um die Lebenskrisen sprach- und fühlloser urbaner Mitdreißiger geht, zu sehen. In seinem jüngsten Stück "tier. man wird doch bitte unterschicht“ nimmt er wieder prekäre Lebensverhältnisse in den Blick, Lebensumstände, die geprägt sind von Armut, Illusionslosigkeit, sowie sexueller und sozialer Gewalt.

Nichts als das nackte Leben

Diesmal führt ihn seine dramatische Recherche in eine namenlose Provinz. Denn wie es im Stück heißt, stinkt das Soziale von den Rändern her! So begegnen uns gleich zu Beginn der von Felicitas Brucker besorgten Inszenierung fünf beflissene, ganz in korrektes Schwarz gekleidete, unablässig pseudosoziologisches Kauderwelsch produzierende Experten, ein Chor selbsternannter "Kernphysiker des Sozialen“, der hierher an den Rand aufgebrochen ist, die "Fäulnisschicht“ zu untersuchen, um möglicherweise die "Sollbruchstelle“ der Gesellschaft zu orten.

Die Bühnenbildnerin Frauke Löffel hat auf der Bühne einen unbestimmbaren, aber dennoch sprechenden Ort gestaltet: eine rechteckige, zu zwei Dritteln mit Erde bedeckte Arena samt Waschtrögen und Waldblick. Denn Thema von Palmetshofer ist auch in diesem Stück der Kampf jener, die nichts als das nackte Leben haben. Er zeigt jenes soziale Beben, das die Zerstörung der Gemeinschaft heißt, der lautlose und unerklärte Krieg ohne Schlacht, ein aussichtsloser Kampf der Gleichgültigen gegeneinander und gegen sich selbst, der begleitet ist von einer kalten Müdigkeit und einer epidemischen Sprachlosigkeit für das Leiden des anderen und für sich selbst.

Hier an diesem Ort an der Peripherie, wo nur noch Missgunst, Neid und Aggression gegeneinander Konjunktur zu haben scheinen, wohnt Erika, der Myriam Schröder eine phänomenale Präsenz zu geben vermag. Sie kellnert in der Kellerbar, dem einzigen Treffpunkt in dieser dörflichen Ödnis, und besorgt nebenbei dem ehemaligen Schuldirektor (Michael Gempart), der eine sadistische Freude daran hatte, mit unfassbarer Subtilität Schüler zu demütigen, den Haushalt. Das ist dem Sohn (Steffen Höld) gar nicht geheuer, denn eigentlich möchte er den Alten in einem Heim wissen, und zudem ist er der Haupttäter jener Gruppe, die Erika als Jugendliche vergewaltigt haben.

Brucker zeigt diese Szene kunstvoll verfremdet und dennoch mit beklemmender Intensität. Seit dieser von allen totgeschwiegenen, ungesühnten Tat kann Erika, die die einzige Figur im Stück mit Namen ist, nicht Ich sagen. Zerstört ist in ihr alles, was Mensch war. Traumatisiert, zerfressen von Ekel, Selbsthass und Rachegedanken, spricht sie von sich stets als "sei es das Mädchen“. Dennoch kämpft sie, um aus dem Elend herauszukommen - und vor allem gegen den Hass in sich, der ihr die Sprache raubt. Letztlich bleibt sie ohnmächtig, sprachlos, unten. Das Tier in ihr obsiegt: Sie rächt sich am Direktor, der die Tat seines Sohnes vertuschen half, indem sie das Haus anzündet und dieser darin den Tod findet. Wo keine Sprache spricht, spricht die Tat davon - wie es im jüngst viel diskutierten Manifest "Der kommende Aufstand“ heißt, das im Programmheft zitiert wird: "dass alles nur noch schlimmer werden kann“.

Sprachlich hochkomplexe Partitur

Der Star dieses denkwürdigen Theaterabends ist nicht die gelungene Regie oder das groß aufspielende Ensemble (Nicola Kirsch, Veronika Glatzner, Thiemo Strutzenberger, Vincent Glander), sondern Palmetshofers sprachlich hochkomplexe Partitur. Seine enorme Sprachkraft, die jambisch rhythmisierten, meist unfertigen Sätze schaffen Raum für Andeutungen, Zweifel, Ahnungen, Echos, vielleicht sogar Empathie. Und vielleicht ist das die einzige Art und Weise, wie von der Bühne herab Sozialkritik betrieben werden kann, wie dem Unausdrückbaren Sprache und Gehör zu geben ist.

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