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Auswege aus der Albtraumwelt

Henrik Ibsens "Nora oder ein Puppenhaus“ ist eines der meistgespielten Stücke, nicht nur auf unseren Bühnen. Grund dafür ist keineswegs die im Berufsleben noch immer nicht vollzogene Emanzipation der Frau. Der Dichter hat selbst darauf hingewiesen, dass es ihm bei seinem Schauspiel keineswegs nur um die Rolle der Frau gehe. Die Titelheldin, die als Heimchen am Herd an der Seite eines soeben ernannten Bankdirektors ihre Familienidylle pflegt, wird bekanntlich wegen einer von ihr zugunsten ihres Mannes begangenen Unterschriftenfälschung erpresst und dadurch aus ihrer Scheinwelt gerissen.

In der aktuellen ausdrucksstarken Grazer Inszenierung wird einem bewusst, warum Nora ihren Mann und ihre Kinder verlässt. Ihre Umwelt gleicht der unseren gespenstisch und ist aus sich heraus nicht mehr zu erneuern. Jeder kämpft hier um Geld, Karriere und gesellschaftlichen Status. Der Sozialismus ist längst zum Slogan "Steh auf, Prolet - und lass mich setzen“ verkommen; die Politik zum frechen Raub am Staatshaushalt; die Freundschaft zur Anbiederung; Ehe und Familie zu Zweckgemeinschaften; Kinder werden hin-, her- und abgeschoben; Gefühle dem allgemeinen Leistungsdruck geopfert.

Gibt es Auswege aus diesen Albträumen? Erste Ansätze werden spürbar, wenn man mit den jungen Darstellern spricht. Ihrer Meinung nach geht es vor allem darum, sich nicht mehr dem gesellschaftlichen Druck auszusetzen und sich nicht in Rollen zwängen zu lassen. Karriere sei eben nicht das einzig Glückbringende, und Beziehungen könnten nicht bestehen, wenn sie Geschäftlichem untergeordnet werden. Es müsste doch gerade heute nicht mehr so schwer fallen zu seiner Persönlichkeit zu stehen, wo doch das Geld und alles, was man uns zu unserem Glück versprochen hat, längst ins Irreale entglitten sind. Irgendwie logisch oder nicht?

* Der Autor ist Kulturmoderator beim Privatsender ATV

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