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Feuilleton

Autor Bruno Schulz im Kopf eines anderen

1945 1960 1980 2000 2020
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Maxim Biller mag überall sein, in den Kopf des polnischen Schriftstellers Bruno Schulz schafft er es nicht, obwohl der Titel seines neuen Buches eben das verheißt. Auch an dessen ganz eigene poetische Kraft, aus fantastischen Sprachbildern realistische Erzählgeflechte zu formen, reicht Biller nicht heran. Vielmehr sieht er von außen seiner Bruno Schulz-Figur zu, die von dunklen, historisch durchaus realistischen Ängsten beherrscht, in einem Kellerloch einen brieflichen Hilferuf an Thomas Mann verfasst.

Biller nimmt Details aus dem wirklichen Leben von Bruno Schulz, reichert sie mit psychopathologischen Zuschreibungen an und macht daraus eine zum Teil beunruhigende, zum Teil auch etwas billige Geschichte, und das meint nicht die Kürze des Textes, der bei großzügigem Satzspiegel knapp 50 Seiten umfasst. Biller spielt mit dem Schrecken der Gaskammer auf Kosten der Figur seines großen Schriftstellerkollegen. Nahe tritt ihm Biller allerdings namentlich: Wie meist nur bei Autorinnen üblich, wird Bruno Schulz durchgängig auf seinen Vornamen reduziert, was grammatische Gründe haben mag, der Genitiv von Schulz ist einfach unschön.

Bruno Schulz und Thomas Mann

Die Realien konzentrieren sich auf die Tatsache, dass Bruno Schulz (geb. 1892) sein Leben in der polnischen Kleinstadt Drohobycz verbracht hat, wo er als Zeichenlehrer arbeitete, bis er 1942 von den Nationalsozialisten auf offener Straße ermordet wurde. Mit Thomas Mann hat Schulz tatsächlich in Kontakt zu treten versucht. Biller macht daraus die skurrile Geschichte eines sardonischen Thomas Mann-Doppelgängers, von dessen Umtrieben sein "Bruno" dem wirklichen Thomas Mann in einem langen Brief Mitteilung macht. Das schaurige Gebaren des ominösen Fremden mischt den Ort auf und praefiguriert die NS-Gräuel gegen die jüdische Bevölkerung - bis hin zum ausgeräumten "Badezimmer" mit Gasduschen. Im Schlussbild ist das "prähistorische Insekt, dessen Füße wie Panzerketten klingen", angekommen, und "die Tauben am Himmel von Drohobycz", zu denen "Brunos" Zeichenschüler mutiert sind, fliegen "eine nach der anderen in den roten Feuerschein hinein, wo sie wie Zunder verbrannten".

Da Biller bei seiner imaginierten Hauptfigur eine masochistische Sexualorientierung zentral setzt, gerät der historische Hintergrund der Schoa dabei irritierend ins Schlingern. Trotzdem oder gerade deswegen klingt ein Urteil wie eine "luftig-freche Novelle" (Süddeutsche Zeitung) beinahe frivol, ist aber vielleicht durchaus im Sinne des Autors. Einige der beigegebenen Zeichnungen sind übrigens dem posthum erschienenen Buch "Das Sanatorium zur Sanduhr" von Bruno Schulz entnommen, und dort kann man nachlesen, wie aus winzigen Realitätspartikeln poetische Weltreiche aufgebaut werden können.

Im Kopf von Bruno Schulz

Novelle von Maxim Biller.

Kiepenheuer und Witsch 2013.80 Seiten, geb., € 17,50