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Avantgarde und SpirituAlität

Gegenwartskunst und Kirche haben ihre Grabenmentalität, so scheint es, verloren. Das ist gut und schlecht zugleich. Es ist leichter, aber auch seichter, dieses uralte Terrain, dessen Gedeihlichkeit in der Moderne ziemlich ins Schlingern geraten ist, zu betreten. Nur einige Fakten: Ausgerechnet in der historischen Wiener Votivkirche wurde am vergangenen Wochenende eine sehenswerte Ausstellung "Leiblichkeit und Sexualität" eröffnet. Ehrenschutz, Redner und Leihgeberin ließen einen möglichen kritischen Blick erst gar nicht aufkommen. Die (angekündigte) Künstlerliste reicht von Damien Hirst über Alfred Hrdlicka, Joseph Beuys bis Erwin Wurm. Der theologische Bezugspunkt sind 129 Ansprachen vom eben heilig gesprochenen Papst Johannes Paul II., der "eine Vision des Körpers und der Sexualität dargelegt hat, die man als revolutionär bezeichnen könnte". So die Einleitungssätze zum Katalogbuch von P. George Elsbett, dem Hausoberen der Legionäre Christi in Wien, der die vom finnisch-australischen Kurator David Rastas seriös kuratierte Ausstellung ermöglicht hat. Das ist ein schönes Geschenk -gerade auch dieses Ordens - zur Heiligsprechung des polnischen Papstes vom vergangenen Wochenende. Ob das alle hier gezeigten Künstler auch so sahen, ist zwar nicht ganz gewiss. Manche angekündigte wurden denn auch nicht gezeigt. Einige vielleicht nicht informiert. Aber Erwin Wurm sah es wahrscheinlich sicher so. Und Francesca Habsburg-Lothringen auch.

Unermüdlich ist in unterschiedlichsten Ländern seit sieben Jahren der von Kardinal Ravasi, dem engagierten Kulturminister des Papstes, betriebene "Vorhof der Völker" unterwegs, der ursprünglich "Vorhof der Heiden" hieß. Zuletzt in Berlin, nun auch in den USA: Ein Forum, Ungläubige (darunter auch Künstler) und Gläubige auf einen Ort zu versammeln. Im Vorjahr nahm der Vatikan auch erstmals an der Biennale Venedigs teil -allein die Teilnahme erregte großes Aufsehen. Papst Benedikt XVI. hatte 2009 Künstler in die Sixtinische Kapelle geladen, und es waren viele mit den klingendsten Namen gekommen. Bill Viola, Jannis Kounellis, Daniel Libeskind, Zaha Hadid, Mario Botta, Nanni Moretti, Peter Stein et ceteri et ceterae genossen diesen unvergleichlichen Raum und lauschten der Rede des Papstes über die Schönheit. Ralf van Bühren, ein Mitglied der Personalprälatur des Opus Dei, legte 2008 eine über 900-seitige Dissertation über "Kunst und Kirche im 20. Jahrhundert" vor, die das Verhalten des kirchlichen Lehramtes zur modernen Kunst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil als eine einzige Erfolgsgeschichte preist: Von Entfremdung also keine Spur. - Stopp!

Verhältnis zwischen Moderne und Religion

Am 22. April 2014 verstarb im oberösterreichischen Vorchdorf 85-jährig ein Mann, den man im Verhältnis von Kunst und Religion wirklich "als revolutionär bezeichnen könnte": Wieland Schmied. Als Kunsthistoriker und Ausstellungsmacher hat er mit dazu beigetragen, das Verhältnis der Moderne zur Religion neu zu definieren. Insofern kann er mit gutem Grund ein "Epochendiagnostiker" genannt werden. Waren doch zwei Fronten bis dahin klar: Christliche Kunst entschwand aus der Kunst der Moderne. Die Kunst der Moderne war autonom und mitunter sogar antireligiös. Das korrigierte Wieland Schmied nachhaltig, mit der ganzen Macht des Wortes und des Geistes, die ihm gegeben war. In seinem Aufsatz "Spiritualität in der Kunst des 20. Jahrhunderts" formulierte er 1983 -noch ganz gegen den damaligen Zeitgeist: "Nur die Frage nach der Spiritualität wird -wie in jedem Jahrhundert menschlicher Geschichte so auch in diesem -uns ins Zentrum aller Kunst führen, nur von der Erkenntnis ihrer Spiritualität her wird sich die Kunst unseres Jahrhunderts in ihrer Substanz, wie in ihrer Qualität, wie in ihrer Fülle ganz erschließen". Schmied widersprach damit der Herrschaft jener "orthodoxen Ästheten", deren Begriff der Moderne "darauf hinauslief, dass die moderne Malerei angeblich nur noch ihre eigenen Mittel -Farbe, Formen, Umriss - reflektierte und sonst gar nichts". Gegen die herrschende Meinung, einzig die "Idee der Innovation", die Einführung und Erprobung immer neuer künstlerischer Medien und Materialien sei die Leitlinie der Entwicklung der modernen Kunst wie ihrer adäquaten Wahrnehmung und Beschreibung, war Schmieds These zuallererst gerichtet. Er widersprach dem Konzept der "Autonomie der Mittel", das über Bedeutung und Botschaft ein Tabu verhängt. Er ging noch weiter: "Spiritualität" galt Wieland Schmied sogar "als das geheime Kennzeichen aller wahrhaft großen Kunst dieses Jahrhunderts".

Damit drehte er eine Sicht um, die bis dahin vor allem von der Kirche und ihren Epochendiagnostikern besonders mittransportiert wurde: dass die moderne Kunst abgefallen sei: Hans Sedlmayrs "Verlust der Mitte" könnte hier als Gegenpol in Erinnerung gerufen werden.

Zwei Mal, 1980 und 1990, hatte er die Möglichkeit, diese Sicht epochendiagnostisch zu zeigen: Aus Anlass der deutschen Katholikentage in Berlin 1980 und 1990 gewann die Guardini-Stiftung den berühmten Kunsthistoriker als Kurator: Es waren Ausstellungen, die Geschichte schrieben. "Zeichen des Glaubens -Geist der Avantgarde" versammelte 225 Werke von 90 namhaften Künstlern aus der Zeit von 1890-1980, die eine neue Sicht auf die moderne Kunst insgesamt ermöglichte. Zehn Jahre später war mit dem Titel "GegenwartEwigkeit. Spuren des Transzendenten in der Kunst unserer Zeit" die Kunst seit den 1950er-Jahren ins Blickfeld genommen worden. Was neu war: ausdrücklich ging es nicht um so genannte religiöse oder gar christliche Kunst! Eine explizite Terrainverlagerung von einer ikonografisch gebundenen Kunst hin zu einer im öffentlichen Kunstdiskurs diskutierten und besprochenen Kunst hatte damit Wieland Schmied in diesen beiden Ausstellungen unternommen. Ihm folgten in den darauffolgenden 25 Jahren zahlreiche weitere Ausstellungen, die diesem Dammbruch folgten.

Neue Codes religiöser christlicher Kunst

Das hat, im Nachhinein betrachtet, eine ziemliche Verschiebung bewirkt: Nicht mehr die bisherigen bekannten Codes religiöser christlicher Kunst konnten als Merkmale einer Ars religiosa weiterhin kenntlich gemacht werden, sondern eine allgemeine Transzendenz, eine frei flottierende Spiritualität, das Ritual selbst, die Mythen, die freilich ziemlich individuell geartet waren. So hatten damals Mark Tobey neben Hermann Nitsch, James Lee Byars neben Francis Bacon, Barnett Newman neben Joseph Beuys ihren Platz: Dort, und nicht mehr in den alten, mitunter gut gemeinten Ikonografien, befände sich, so die implizite geistesgeschichtliche These, worauf Alex Stock hingewiesen hat, der wahre Geist der Kunst. Und eben als solcher (wahrer) Geist -das ist sein religionsgeschichtliches Implikat - auch der Geist der Religion. Das ist freilich nicht weniger dramatisch: Heißt das, dass man dabei glücklich war, dass er wenigstens irgendwo sei, dieser Geist -auf der Höhe der Zeit und auf der Höhe der Intellektualität, wenn schon nicht in ihren Kirchen, dann wenigstens in der modernen Kunst? Wieland Schmied, 1990: "Gott ist tot - in der Kirche. Die Kirchen scheinen gottverlassen. Darum lasst uns einen weiten Bogen um sie spannen, um Gottes willen. Gott ist in der Kirche nicht mehr zu Hause. Darum lasst uns ihn dort suchen, wo wir ihn vielleicht noch finden können -in den Resten der uns verbliebenen Natur; im Dickicht der Städte, in den Augen eines Menschen, der uns ansieht; in Werken der Kunst." Die Härte dieser Diagnose Wieland Schmieds ist 25 Jahre alt. Unter ihrem Niveau sollten wir auch Kunst in den Kirchen nicht suchen. Oder beherbergen. Der Autor ist Leiter des Kulturzentrums bei den Minoriten in Graz

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