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Bauten als Lebenszeugnis

Ernst Epstein, Baumeister und Architekt, im Wiener Jüdischen Museum.

Das Haus von Adolf Loos am Michaelerplatz schrieb Architekturgeschichte, die damals revolutionär schmucklose Fassade wurde zu einem Wiener Bauskandal. Im Schatten von Loos und seinem überragenden Konzept des Raumplans geriet Ernst Epstein, der Bauleiter des Looshauses, in Vergessenheit. Eine Ausstellung im jüdischen Museum schließt nun diese Lücke. Epstein hatte keine akademische, dafür eine gediegene bautechnisch-konstruktive Ausbildung: er absolvierte die Staatsgewerbeschule in der Schellinggasse. Die Lehrerpersönlichkeiten, die ihn prägten, waren Camillo Sitte, Julius Deininger und Ferdinand Fellner von Feldegg.

Epstein verzichtete auf ein weiteres akademisches Studium, am 9. Mai 1906 erhielt er die Baumeisterkonzession und nannte sich "Architekt". Epstein war ein typisches Kind seiner Zeit: er plante qualitätsvolle Häuser, deren Fassaden dem Stilpluralismus des Späthistorismus folgten und sich dem Repräsentationsbedürfnis des Bauherrn oder der Umgebung anpassten. Das bürgerliche Mietshaus gestaltete er bevorzugt in Anlehnung ans Biedermeier, Wohn- und Geschäftshäuser neoklassizistisch. Über 100 durchaus anspruchsvolle Bauten hat Epstein verwirklicht und so das Stadtbild Wiens wesentlich mitgeprägt.

"Und man wird dem Miterbauer des Hauses, dem Architekten Baumeister Ernst Epstein danken, dessen großzügiges Organisationstalent und reiches technisches Wissen nach Fertigstellung des Hauses wohl ganz gewürdigt werden wird", schrieb Adolf Loos im Oktober 1910. Es blieb bei dieser einzigen Erwähnung. Epstein führte die Bauleitung am Looshaus allen Widrigkeiten zum Trotz zu Ende. Eine reife Leistung: der damals 28jährige war erstmals mit der Eisenbetonskelettbauweise konfrontiert.

Mitarbeiter von Adolf Loos

Die Mitarbeit am Looshaus prägte Epsteins spätere Entwürfe stark. Dem Raumplan folgte er nicht, doch seine Fassaden wurden puristischer, er wandte sich vom Historismus ab, sah das Verhältnis von Struktur und Dekoration neu und entwickelte ein ausgeprägtes Verständnis für Material und Details. Motive aus dem Looshaus kehrten in abgewandelter Form bei Epstein wieder. 1910 arbeitete er auch am Wohn- und Geschäftshaus Barbara Waldemann in der Lerchenfelderstraße 54-56. Zwei von monumentalen Säulen flankierte bay-windows variierten das prominente Loos-Motiv, sie bildeten die Erker der Fassade, die auch im Zusammenspiel von Fläche und plastischen Elementen vom Looshaus beeinflusst schien. Sehr gelungen ist auch das Fabriksgebäude "Bothe & Ehrmann" in der Schlossgasse 14, bei dem die getrennten Funktionen im Inneren des Hauses, Wohnen und Geschäft, an der Fassade ablesbar sind.

Der Funktion entsprechend einfach klar gegliedert und funktional waren Epsteins Industriebauten für die "Kapsch A.G." und die "Wirkwarenfabrik Paul M. Glaser".

Epsteins Hauptwerk

Ein spätes, eindrucksvolles Hauptwerk lässt sein ganzes Potential gestalterischen Könnens sichtbar werden. 1928 wurde das Büro- und Geschäftshaus der "Allgemeinen Versicherungs-Gesellschaft Phönix" auf dem städtebaulich schwierigen Frankhplatz in der prominenten Nachbarschaft eines Otto-Wagner Mietshauses, des josephinischen Krankenhauses und des spätklassizistisch-frühhistoristischen Landesgerichts erbaut. Epstein ist es gelungen, ein gleichermaßen dezentes wie repräsentatives Gebäude zu konzipieren, das in Wien seinesgleichen sucht und an den tschechischen Kubismus erinnert. Die Aufnahmen der originalen Inneneinrichtung zeigen seine Liebe für Details. An der Sorgfalt, die er auf Stiegenläufe, Türschnallen und ähnliches anwendet, sind seine Bauten zu erkennen.

Die Ausstellung im Jüdischen Museum ist ein Zeitdokument, sie stellt einen Architekten und Baumeister vor, der seine Aufgaben mit hohem Berufsethos erfüllte. Die herausragende, erneuernde Kraft eines Adolf Loos, Otto Wagner oder Josef Hoffmann war ihm fremd. Doch sein sorgfältiger Umgang mit dem Städtebau, klare Lösungen in Grundriss, Fassaden und Details trugen zur hohen Wiener Baukultur bei. Epstein wählte 1938 aus Angst vor den Nazis den Freitod, viele seiner Gebäude stehen noch immer. Sie erweisen einem gewissenhaften Baumeister letzte Reverenz.

Bis 29. September Sonntag-Freitag 10-18 Uhr,

Donnerstag 10-20 Uhr

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