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Bauten gegen die Schwerkraft

Beeindruckende Präsentation des Architekten Santiago Calatrava im Kunsthistorischen Museum in Wien.

Mit den poetischen, skulpturhaften Modellen der Bauten des prominenten Spaniers erobert das Kunsthistorische Museum neues Terrain. Zeitgenössische Architektur, die in ihrer metaphernreichen Formensprache gut zum ehrwürdigen Haus am Ring passt. Calatrava ist nicht nur Architekt und innovativer Ingenieur, er ist auch ein hervorragender Zeichner. Faszinierende Bewegungsstudien "fliegender" Menschen im Sprung stimmen auf die ungewöhnliche Architekturschau ein. Etwa 30 Modelle von Calatravas Bauten werden hier mit zehn Vogelpräparaten aus dem benachbarten Naturhistorischen Museum kombiniert - ein reizvoll spielerischer Zugang. Sehr deutlich wird dabei die Wesensverwandtschaft des besonders leichten, flugtauglichen Vogelskeletts als natürlicher Tragkonstruktion des Körpers mit Calatravas scheinbar abhebender Architektur. Parallelen zur Konstruktion der gefiederten Schwingen, dem Schwung ihrer Schnäbel und Kopfformen stellen sich ebenso ein wie zu Gräsern, Pflanzen, Halmen, Schuppen und Bäumen. Wie ein Stamm mit Ästen ist die Tragkonstruktion des Restaurants Bauschänzli in der Schweiz gestaltet, wie Blätter erscheint das Dach. Nach einem ähnlichen Prinzip überdachte Calatrava die Gleise im Bahnhof "Oriente" in Lissabon. An Schilfrohre im Wind erinnert das Stadtzentrum in Alcoy, Spanien. Der monumentalste gebaute "Vogel" ist das Milwaukee Art Museum in den USA, das mit seiner Brücke und der Lage am Fluss aber auch an ein riesiges Schiff mit Segeln, Tauen und Masten erinnert. Die städtebauliche Dimension jüngerer Calatrava-Projekte ist gewaltig, sie sind in ihrer Gesamtkomposition ebenso zu bewundern wie als einzelne Bauten.

Wie Vogelgerippe streben auch Calatravas Konstruktionen nach Gewichtsreduktion, Leichtigkeit und Optimierung. Am deutlichsten wird das bei seinen Brückenkonstruktionen, deren Spannweiten mit filigranen, fächerartig abgespannten Seilen elegant bewältigt werden. Calatravas Alamillo-Brücke in Sevilla ist wohl die schlankste, berühmteste und dynamischste von allen. In ihrer Symmetrie harmonischer erscheint das Projekt der Medoc-Brücke in der Schweiz, formal verspielt gibt sich mit geschwungenem Steg und Parabel die Fußgängerbrücke am Campo Volantin in Bilbao. Die starke Affinität zum Vogelflug wird beim Entwurfsmodell für die IBA Squash-Halle in Berlin besonders deutlich. Frappant zeigt sich diese Analogie auch im Projekt des Cathedral Square in Los Angeles, dessen fächerartige Dachkonstruktion auch bewegt gedacht ist. Von zelthafter Beschirmung bis hin zum Schweben reicht das Spektrum. Eigens für die Ausstellung wurde das Skelett eines fliegenden Höckerschwans angefertigt. Hier wird, ebenso wie in einem Video mit Vogelaufnahmen, die Parallele gut nachvollziehbar.

"Es gibt zwei Arten von Architektur. Solche, die der Gravitation gehorcht, und solche, die ihr entgegenwirkt," meint Calatrava. Selbst wenn einige größere Projekte in ihrer reichen Formensprache sehr opulent anmuten - das Streben zum Himmel kann man ihnen nicht absprechen. Eine hochästhetische, zugängliche Schau, die sicher neue Besucherschichten anspricht und bei der Stammklientel das Interesse für Architektur weckt.

Santiago Calatrava - Like a Bird

Kunsthistorisches Museum, Bassano-Saal Bis 25. 5. Di-So 10-18, Do bis 21 Uhr

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