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Zum 90er von Thomas Bernhard

DISKURS
Bernhard - © Foto: Monozigote

Bernhards Baukasten

1945 1960 1980 2000 2020

Die Werkausgabe bringt Erstdrucke und Kommentare, ohne die der Autor nicht mehr gelesen werden sollte.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Werkausgabe bringt Erstdrucke und Kommentare, ohne die der Autor nicht mehr gelesen werden sollte.

Fern sind die Kontroversen und Skandale, die Thomas Bernhard zu Lebzeiten provoziert hat, eingespielt ist die praktische Handhabung seines Testaments, vergessen hingegen vieles von seinen literarischen Anfängen. Der Bernhard-Sound jedoch ist noch immer produktiv - oder eine literarische Falle. Jedenfalls ist er in Alois Hotschnigs Roman "Ludwigs Zimmer" ebenso zu hören wie in Margit Schreiners Prosa "Heißt lieben" und bei Marianne Fritz bis in den Titel "Naturgemäß" hinein präsent. Die ersten Bücher von Andreas Maier belegen, dass diese Wirkung keineswegs auf Österreich beschränkt ist. Um sich ihr zu entziehen, hat Maier eine furiose Abrechnung vorgelegt, die sich wohl durch genaue Lektüre auszeichnet, aber Bernhard dadurch verfehlt, dass er kritisiert, was offensichtlich ist - Bernhards freien Umgang mit Fakten (simple Irrtümer mit eingeschlossen) - und dem Autor gerade das ankreidet, was seine Stärke ist: Stilisierung und kalkulierte Künstlichkeit. Maiers Abrechnung sagt mehr über Maier als über Bernhard.

Erstdruck früher Dramen

Ein neues Licht auf Bernhard hingegen wirft die Werkausgabe, von deren 22 Bänden (Bernhards Lieblingszahl) inzwischen sieben vorliegen und die bis 2008 abgeschlossen sein soll. Im Jahr der unaufhaltsamen Österreich-Jubiläen und 30 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes von Bernhards Autobiografie ist eine Zwischenbilanz dieses Großunternehmens angebracht.

Unbekannte Texte waren aufgrund des Bernhardschen Testaments kaum zu erwarten. Der erste der sechs geplanten Dramenbände hat dennoch Sensationelles zu bieten: den Erstdruck der frühen Kurzdramen "Die Erfundene", "Rosa" und "Frühling" sowie des Librettos "Köpfe", die am Tonhof des Komponisten Gerhard Lampersberg und seiner Frau Maja aufgeführt wurden. Nachzulesen sind auch "die roden der einöde" und "Der Berg", beide seit ihrem Erscheinen 1959 bzw. 1970 nicht mehr gedruckt. So kann Bernhards künstlerische Entwicklung als Dramatiker erstmals im Zusammenhang verfolgt werden und es wird klar, dass ihm mit "Ein Fest für Boris" zwar der Durchbruch als Dramatiker gelungen ist, seine intensive Arbeit für das Theater jedoch viel weiter zurückreicht. Der 65-seitige Anhang zu diesem Band listet nicht nur viele weitere nie aufgeführte oder gedruckte Stücke auf, sondern ist ein spannender Kommentar zu den Umständen der Aufführungen und ihren Reaktionen. Die drei bekannten Stücke "Ein Fest für Boris", "Der Ignorant und der Wahnsinnige" sowie "Jagdgesellschaft" werden auf eine Weise erschlossen, die alle Kommentare zu den bisherigen Bänden auszeichnet: Entstehungsgeschichte, erste Reaktionen und Bernhard-Forschung werden auf konzentrierte und exzellent lesbare Weise präsentiert und eröffnen viele Horizonte der Lektüre.

Wie fruchtbar der Zusammenhang der Entstehungsgeschichte sein kann, beweist auch der erste Band der Erzählungen, der mit "In der Höhe", Bernhards letztem zu Lebzeiten erschienenem Buch, beginnt und anhand von "Der Italiener" und "Der Kulterer" den Vergleich von Prosatext und Filmdrehbuch ermöglicht. Der Kommentar zu "Amras" zeigt, wie Bernhard gezielt in den Text eingegriffen hat, um metaphysische Fragestellungen wie in einer Art Selbstzensur zu tilgen.

Bernhard und Österreich

Dringend notwendig für jede Bernhard-Lektüre ist auch der Anhang zu den fünf Bänden der Autobiografie. Hier wird deutlich, wie lange sich der Autor mit "Ursachenforschung" beschäftigte, wie präzise und in wie vielen Durchgängen er vor allem den Anfang und das Ende seiner Texte komponierte. Er arbeitete oft mit einem "Baukastensystem", das ihm das Verschieben von Textteilen zwischen Autobiografie und fiktionaler Prosa, ja auch zwischen Prosa und Drama ermöglichte - ein deutlicher Beleg für den Zusammenhang der Werkteile und das Fiktionale auch der Autobiografie.

Gerade das aber spricht nicht gegen historische Konkretheit, wie auch der komplexe Zusammenhang Thomas Bernhard und Salzburg zeigt. Hans Höller hat in seiner Bernhard-Monografie darauf hingewiesen, dass Salzburg, die "Kulturstadt par excellence" exemplarisch den "Traditionsbruch, den die nationalsozialistische Vernichtungspolitik bedeutete", vor Augen stellt. Abstrakte Modellhaftigkeit und lokale Konkretheit verbinden sich auch im "Kalkwerk", dessen obsessive Satzperioden Grauen und (lang verkannte) Komik verbinden. Auch hier zeigtZder Kommentar: das Kalkwerk vermittelt nicht nur Traunsee-Lokalkolorit, sondern ist immer auch jener Ort, an dem in der ns-Zeit kz-Häftlinge zu Tode geschunden wurden.

Darum sei ausnahmsweise einmal Karl-Markus Gauß widersprochen: Thomas Bernhard hat nicht "Variationen einer zutiefst unpolitischen Misanthropie" produziert (in die Gauß, wie er im Lesebuch zum Jubiläumsjahr Österreich 2005 schreibt, als Jugendlicher vernarrt war), sondern seine negativ gezeichneten Figuren sind immer auch eine politische Aussage. Dass sie nicht nur das sind, hat von Anfang an die Anhänger eines politisch engagierten Theaters ebenso enttäuscht, wie Bernhards Sprachstrom, der individuelle Charaktere nivelliert, die Verteidiger der traditionellen Dramatik provozierte. Auch das arbeitet der Kommentar zum Dramenband anhand von Bernhards Gegenästhetik zu den Salzburger Festspielen ("Ein Fest für Boris" war ja ursprünglich für Salzburg geschrieben) heraus.

Demnächst soll der zweite und noch im Herbst dieses Jahres der dritte Dramenband herauskommen. Ebenfalls für diesen Frühling angekündigt: Bernhards großer Roman "Korrektur", der vor 30 Jahren zeitgleich mit der "Ursache" erschien. Auch wer diese Texte schon besitzt, sollte sie nicht mehr lesen ohne den Kommentar der Werkausgabe, der ein glänzendes Beispiel darstellt, wie literaturwissenschaftliche Forschung nicht zum Ballast für den Leser, sondern selbst zur faszinierenden Lektüre werden kann.

Neue Lektüre Bernhards

Thomas Bernhard ist tot und kann uns die Suppe der RepublikJubiläen nicht mehr durch einen Skandal versalzen. Dass wir mit dem Wissen von heute seine Werke anders lesen als zu ihrer Entstehungszeit, lässt freilich unseren Blick auf Österreich nicht ungeschoren. Hinter der furiosen Auseinandersetzung mit Heimat und "Herkunftskomplex" sehen wir längst auch die dick durchgestrichenen Liebeserklärungen durchschimmern, die die Kritik freilich nicht relativieren, sondern radikalisieren. Dazu wird der Kommentar zu dem für 2008 angekündigten Roman "Auslöschung" noch einiges zu sagen haben.

THOMAS BERNHARD WERKE

Hg. von Martin Huber und

Wendelin Schmidt-Dengler

Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main

(alle Bände geb. im Schuber)

Das Kalkwerk

Band 3. Hg. von Renate Langer

274 Seiten, e 33,90

Die Autobiographie

Band 10. Hg. von Martin Huber und Manfred Mittermayer

582 Seiten, e 41,10

Erzählungen I

Band 11. Hg. von Martin Huber und Wendelin Schmidt-Dengler

380 Seiten, e 35,90

Dramen I

Band 15. Hg. von Manfred Mittermayer und Jean-Marie Winkler

502 Seiten, e 35,90

Im Mai 2005 erscheinen:

Korrektur

Band 4

Dramen II

Band 16

DIE VERFÜHRUNG

Thomas Bernhards Prosa

Von Andreas Maier

Wallstein Verlag, Göttingen 2004

304 Seiten, kart., e 19,60

Lese-Zeichen

Ungelesene Bücher erkennt man auf den ersten Blick: kein Knick verunstaltet ihr Aussehen. Dafür erzählen sie aber auch keine Geschichten. Denn: wo Leser waren, hinterlassen sie Zeichen. Die Seiten sind abgegriffen oder gar mit unschönen Eselsohren verletzt, die Schutzumschläge zerrissen - und zwischen den Seiten erzählen seltsame Dinge kleine Geschichten aus dem Alltag und aus fremden Ländern, von Kindern und Freunden: Erinnerungen und Mitbringsel, Fahrscheine und Eintrittskarten, Gasthausrechnungen und Schummelzettel, Wegbeschreibungen und Ansichtskarten, in Folie geschweißte Kinderzeichnungen oder getrocknete Blumen, manchmal findet sich sogar ein traditionelles "Lesezeichen". Dass Bücher in Lesern ihre Spuren hinterlassen, wissen letztere ohnehin. Dass die Leser zwischen den Seiten ihrer Bücher Spuren ihrer eigenen Geschichte legen, ist ihnen vielleicht weniger bewusst. Die Furche hat neugierig Bücher von Lesern aufgeschlagen - einige der dabei gefundenen persönlichen Lese-Zeichen begleiten Sie als Illustrationen durch die folgenden Seiten des "Bücher-Frühlings".

Brigitte Schwens-Harrant

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