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Feuilleton

Berufung, Sehnsucht, Abgrund und zurück

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Es ist der 3. Juni 2007, als Matthäus Xaver Faustmann, Pfarrer von Leoben Donawitz und Waasen, nach den beiden Messen am Dreifaltigkeitssonntag eine persönliche Erklärung verliest. "Seit meiner Jugend war es mein Traum, Priester zu werden, und ich danke Gott, dass dieser Traum auch wahr werden konnte", sagt er vor seinen Gemeinden. Doch seit er vom Kaplan zum Pfarrer avanciert sei, habe sich "etwas Schweres" auf seine Seele gelegt. Nach reiflicher Überlegung sei er nun zum Schluss gekommen,"dass ich zwar sehr gerne Priester bin, aber ehrlicherweise nicht in der Lage, dem Zölibat entsprechend zu leben". Die Sehnsucht nach menschlicher Nähe und Familie sei stärker. Deshalb werde er sein Amt in Bälde niederlegen.

Die Leute sind wie paralysiert. In Donawitz kommt der Pfarrgemeinderats-Vorsitzende nach der Messe in die Sakristei, fällt dem Pfarrer um den Hals und beginnt gemeinsam mit ihm hemmungslos zu weinen. Faustmann ist beliebt bei den Leuten, mit seinen pointierten Predigten bringt er die Menschen nicht nur zum Nachdenken, sondern manchmal auch zum Lachen. Vor allem in der Liturgie ist er daheim, im Altarraum bewege er sich "so natürlich wie im Wohnzimmer", heißt es.

Nur die Lebensform liegt ihm nicht. Schon im Grazer Priesterseminar deutet sich das an. Aber weil Faustmann den Priesterberuf liebt und "auch ein bissi mutig" ist, wird er 2001 geweiht. Drei Jahre ist er in der Folge Kaplan in der Weststeiermark, dann zwei Jahre Kaplan im ersten steirischen Fünfer-Pfarrverband rund um Knittelfeld und schließlich Pfarrer von Leoben Donawitz und Waasen.

"Ich könnte vier wie dich brauchen"

Am Dreifaltigkeitssonntag 2007 ist es damit freilich vorbei. Das Gespräch vorab mit den Eltern macht ihm Sorgen, doch sie reagieren gelassen. "Wir verlieren einen Priester", sagt seine Mutter, "aber wir gewinnen eine Schwiegertochter." Sie heißt Petra und ist Pastoralassistentin, die beiden haben sich im Rahmen der jährlichen Kaplanwoche auf Schloss Seggau kennengelernt. Drei Mal ist es nur Sympathie, dann wird daraus Liebe. Als ihm der damalige Generalvikar für das zweite Pfarrerjahr vier Grazer Stadtpfarren übertragen will, eröffnet ihm Faustmann, dass er aufhören wird. "Ich könnte vier Priester wie dich brauchen - aber halt mit Zölibat", antwortet der Generalvikar. Für Faustmann ein Kompliment - und zugleich ein Beleg dafür, wie die Kirche nach sieben Jahren teurer Topweiterbildung mit Personalressourcen umgeht. Doch insgesamt verhält man sich sehr fair ihm gegenüber, wie er sagt: Er bekommt eine Stelle als Religionslehrer, 2013 heiratet er seine Petra (die ebenfalls den kirchlichen Dienst quittiert), 2014 und 2016 kommen zwei Söhne zur Welt.

Matthäus Faustmann ist nicht der einzige geweihte Priester, der auch Ehemann und Vater wird. Jährlich gibt es zwar in Graz-Seckau durchschnittlich nur ein Laisierungsverfahren, viele katholische Priester machen ihre Zölibatsprobleme aber nicht öffentlich. "Es gibt etliche, die Frau und Kinder haben -von ganz oben bis ganz unten", weiß Faustmann. Natürlich gebe es auch Priester, die den Zölibat gut und überzeugend leben könnten -als Zeichen für die Nachahmung Christi und des Frei-und Verfügbarseins für die Gemeinde. Doch ein ganzes Priesterleben lang wirklich zölibatär zu bleiben, würde viele überfordern.

Der Zölibat ist freilich nicht die einzige Herausforderung, mit der katholische Priester konfrontiert sind. Das Schwinden der Volkskirche und die nicht enden wollenden Missbrauchsfälle haben das Bild und Prestige katholischer Priester radikal verändert. Parallel dazu sinken die Priesterzahlen: Im Jahr 2005 gab es österreichweit noch 2400 Welt-und 1530 Ordenspriester, im Jahr 2017 nur noch 2100 bzw. 1460. Die Diözesen reagieren auf die geänderten Bedingungen mit Strukturreformen, insbesondere Pfarrzusammenlegungen: In der Erzdiözese Wien hat man im Rahmen des "Entwicklungsprozesses Apg2.1" 140 "Entwicklungsräume" kreiert (siehe rechts), in der Diözese Linz hat man einen "Zukunftsweg" vorgeschlagen - mit neuen Pfarren, die nicht zwingend von Priestern geleitet werden müssen; und in Graz-Seckau schließt man ab 2020 die bisherigen Pfarren in 50 "Seelsorgeräume" zusammen, in denen Priester, Diakone sowie Hauptamtliche kooperieren.

Matthäus Faustmann hat den Knittelfelder Pfarrverband damals -gemeinsam mit anderen -gut managen können. "Ob so etwas funktioniert, hängt oft mehr von den beteiligten Personen als von der Struktur an sich ab", meint er rückblickend. "Aber große Einheiten führen natürlich auch zu mehr struktueller Arbeit, Sitzungen und Gremien." Helmut Schüller, Obmann der Pfarrerinitiative und selbst Pfarrer im niederösterreichischen Probstdorf, sieht diese Entwicklung noch deutlich kritischer: "Die Pfarrer werden von den Kirchenleitungen regelrecht verheizt", meint er im FURCHE-Gespräch. In den immer größeren Pfarren würden sich die "letzten Geweihten" nur mehr als Koordinatoren und "Sakramentenreisende" erleben - mit dem Gefühl, selbst nirgendwo mehr zu Hause zu sein.

"Aufgeladenheit und Abgehobenheit"

Den Pflichtzölibat abzuschaffen oder das Priesteramt für Frauen oder Verheiratete zu öffnen, werde das pastorale Dilemma nicht mehr lösen können, ist er überzeugt: "Die klerikale Verfasstheit, diese Kombination von Aufgeladenheit und Abgehobenheit, spricht einfach immer weniger Leute an." Wie Paul Michael Zulehner (vgl. Seite 3) plädiert deshalb auch Schüller für ein völlig neues Pastoralmodell, bei dem die Gemeinden selbst bewährte Frauen und Männer mit der Leitung der Liturgie und der Feier der Sakramente beauftragen. "Aber solche nach Zukunft schmeckenden Perspektiven haben leider derzeit realpolitisch in der Kirche keine Chance", fürchtet er. Dabei dränge die Zeit: Schon in fünf Jahren könnten sich "die letzten Kerne in den Gemeinden verlaufen haben", so Schüller.

Was bringt die Zukunft? Diese Frage wird spätestens beim Blick in die hiesigen Priesterseminare virulent. Als Matthäus Faustmann Mitte der 1990er-Jahre ins Grazer Seminar in der Bürgergasse eintritt -nicht als Folge eines spektakulären "Damaskus-Erlebnisses", sondern als Folge eines "natürlichen Hineinwachsens in Pfarre und Religiosität" -, wohnen darin etwa 55 Seminaristen. Als er nach der Affäre Groer und dem Studium das Haus verlässt, sind es nur noch 18. Über das Thema Sexualität wird in den sieben Jahren nie offiziell gesprochen. Nur einmal wird auf Wunsch der Seminaristen eine Art Symposium angekündigt -das sich am Ende nur als öffentlicher Diskussionsabend entpuppt.

Seither hat sich in der Priesterausbildung viel getan. Bereits im einjährigen Propädeutikum, das für Interessierte aus allen Diözesen im Linzer Priesterseminar angeboten wird, kommt das Thema Sexualität ausführlich zur Sprache. "Sollten hier Auffälligkeiten zutage kommen, würde der Bewerber bereits für das Priesterseminar ausscheiden", betont Martina Greiner-Lebenbauer, Leiterin der Stabsstelle Missbrauchs- und Gewaltprävention der Erzdiözese Wien. In den Seminaren selbst kommen individuelle Ausbildungsmodule dazu. "Wir haben verschiedene Module, die sich mit dem Thema Sexualität bzw. Nähe und Distanz auseinandersetzen", erklärt etwa Thorsten Schreiber, Regens des Grazer Priesterseminars, das heute 20 Seminaristen für Graz-Seckau und Gurk-Klagenfurt ausbildet. Intensiv werde nicht nur die "Identität des Priesters" reflektiert, sondern auch auf die menschliche Reife der Kandidaten geachtet, so Schreiber. Vor der Aufnahme ins Seminar würden psychologische Gutachten eingeholt, es gebe mehrere Gespräche, insbesondere bei Spätberufenen werde auch deren Vorleben abgeklopft. "Am Ende wird einer von drei Kandidaten aufgenommen, ungefähr die Hälfte davon macht die Priesterausbildung tatsächlich zu Ende", erklärt Schreiber.

Anders als früher ist die Ausbildung heute oft auch maßgeschneidert, zumal Menschen mit unterschiedlichsten Biografien beginnen. Dazu kommen in Graz verpflichtende Praktika, Freisemester und eine fünfjährige Berufsbegleitung im Dienst. Viele der Anregungen, welche die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Graz unlängst in einem Papier namens "Vertrauen und Freiheit" zur Reform der Priesterausbildung formuliert hat, seien schon umgesetzt, so Schreiber.

Auch im Wiener Priesterseminar, wo unter einem Dach 38 Seminaristen für die Erzdiözese Wien, acht Seminaristen für St. Pölten und sechs Seminaristen für Eisenstadt ausgebildet werden, gibt es psychologische Tests, um die Eignung von Priesteramtskandidaten festzustellen. Sowohl die Aufnahme-wie auch die Absolventenraten sind ähnlich wie jene in Graz. Zur Prävention von Missbrauch sind in Wien - wie auch in Heiligenkreuz, wo derzeit 41 Seminaristen das überdiözesane Priesterseminar Leopoldinum besuchen - eigene Weiterbildungen vorgesehen. Es geht um das Verhalten bei der Beichte und vertrauensvollen Vier-Augen-Gesprächen, die Folgen sexuellen Missbrauchs für die Betroffenen sowie generell die Rahmenordnung "Die Wahrheit wird euch frei machen" der Erzdiözese Wien. Diese sieht neben Verhaltensrichtlinien bei sexueller Gewalt auch eine Meldepflicht an die diözesane Ombudsstelle vor. "Nachdem die ersten sexualisierten Übergriffe statistisch etwa 15 Jahre nach der Priesterweihe erfolgen, ist auch eine gute Begleitung der Priester wichtig, um sie vor Überforderung, Vereinsamung und Suchtmittelmissbrauch zu schützen", betont Martina Greiner-Lebenbauer von der Stabsstelle Prävention. Denn diese drei Faktoren würden Übergriffe fördern: "Priester, die ihren fehlenden Selbstwert durch ihr Amt zu kompensieren versuchen, haben oft Probleme und machen auch Probleme", lautet ihr Resümée.

Glaubwürdig leben: Das sei heute angesichts der Missbrauchsfälle und des verständlichen Misstrauens gegenüber Priestern das Um und Auf, betont der Regens des Wiener Priesterseminars, Richard Tatzreiter. "Bei allem, was man über Priester hört, dürfen wir uns nicht wundern, dass man unseren Botschaften nicht mehr glaubt", meint er selbstkritisch. Auch sei es kein Wunder, dass der Priesternachwuchs ausbleibe. "Ich weiß auch nicht, ob ich mich angesichts des heutige Klimas für das Priestersein entscheiden würde", so Tatzreiter. "Ich habe es damals getan, weil ich glaubwürdige, lebensfrohe und in ihrem Dienst glückliche Priester getroffen habe."

Empfangen und loslassen

Authentizität und Lebensfreude: Das waren auch für Matthäus Xaver Faustmann die wesentlichen Gründe, am Dreifaltigkeitssonntag 2007 seine Erklärung zu verlesen. Er liebe den Priesterberuf, sagt er damals, doch auch die Sehnsucht nach einer menschlichen Beziehung sei da. Diese Sehnsucht durch bewusste Freundschaftspflege, Kunst oder Sport "sublimieren" zu können, hält er für ein Konstrukt. Er will mit einem geliebten Menschen zusammenleben, mit seiner Petra. 2008 beginnt ihre gemeinsame Grazer Zeit, fünf Jahre später heiraten sie und ziehen neben das Bauernhaus, in dem Petra aufgewachsen ist. Als ihr Mann eine Stelle als Religionslehrer in der Nähe bekommt und der erste Sohn geboren wird, scheint alles perfekt. Dann erwartet Petra ihr zweites Kind. Im Februar 2016, zehn Tage nach dem Termin, wird die Geburt eingeleitet. Petra presst und presst, dann macht sie eine Pause und legt ihren Kopf auf ihre Unterarme. Die Pause dauert eine Spur zu lang. Plötzlich geht der Alarm los, den Ärzten gelingt es noch, den Buben herauszuziehen, dann stirbt Petra in den Armen ihres Mannes an einer Lungenembolie.

"Ein Hammer ist durch meinen Körper gefahren. Dort, wo vorher ein pulsierendes Herz war, hingen Fetzen und eine Hälfte fehlte", sagt Matthäus Faustmann über den damaligen Moment. Zum Begräbnis kommen über tausend Menschen, davon 18 Priester; 700 Kondolenzschreiben treffen ein. Der Witwer erbittet sich vom Pfarrer, selbst predigen zu dürfen, er bedankt sich für jede Blume und jede Träne.

Heute schafft er es mit Hilfe von Verwandten und Freunden, für sich und seine Kinder gut zu sorgen. Das Leben geht weiter, Fragen wie "Warum?" stellt sich Faustmann nicht. Wochentags unterrichtet er Religion, sonntags spielt er Orgel und macht Einführungen in den Gottesdienst. "Fängst du wieder an?", hat man ihn schon gefragt, doch sein Leben hat sich verändert. Er ist Vater geworden, er ist Lehrer, er kann Orgel spielen und helfen, wie es ihm gefällt."Vom Priestersein habe ich viel Gutes in mein Leben retten können", sagt er. "Und die Sitzungen erspare ich mir."

Es ist der 3. Juni 2007, als Matthäus Xaver Faustmann, Pfarrer von Leoben Donawitz und Waasen, nach den beiden Messen am Dreifaltigkeitssonntag eine persönliche Erklärung verliest. "Seit meiner Jugend war es mein Traum, Priester zu werden, und ich danke Gott, dass dieser Traum auch wahr werden konnte", sagt er vor seinen Gemeinden. Doch seit er vom Kaplan zum Pfarrer avanciert sei, habe sich "etwas Schweres" auf seine Seele gelegt. Nach reiflicher Überlegung sei er nun zum Schluss gekommen,"dass ich zwar sehr gerne Priester bin, aber ehrlicherweise nicht in der Lage, dem Zölibat entsprechend zu leben". Die Sehnsucht nach menschlicher Nähe und Familie sei stärker. Deshalb werde er sein Amt in Bälde niederlegen.

Die Leute sind wie paralysiert. In Donawitz kommt der Pfarrgemeinderats-Vorsitzende nach der Messe in die Sakristei, fällt dem Pfarrer um den Hals und beginnt gemeinsam mit ihm hemmungslos zu weinen. Faustmann ist beliebt bei den Leuten, mit seinen pointierten Predigten bringt er die Menschen nicht nur zum Nachdenken, sondern manchmal auch zum Lachen. Vor allem in der Liturgie ist er daheim, im Altarraum bewege er sich "so natürlich wie im Wohnzimmer", heißt es.

Nur die Lebensform liegt ihm nicht. Schon im Grazer Priesterseminar deutet sich das an. Aber weil Faustmann den Priesterberuf liebt und "auch ein bissi mutig" ist, wird er 2001 geweiht. Drei Jahre ist er in der Folge Kaplan in der Weststeiermark, dann zwei Jahre Kaplan im ersten steirischen Fünfer-Pfarrverband rund um Knittelfeld und schließlich Pfarrer von Leoben Donawitz und Waasen.

"Ich könnte vier wie dich brauchen"

Am Dreifaltigkeitssonntag 2007 ist es damit freilich vorbei. Das Gespräch vorab mit den Eltern macht ihm Sorgen, doch sie reagieren gelassen. "Wir verlieren einen Priester", sagt seine Mutter, "aber wir gewinnen eine Schwiegertochter." Sie heißt Petra und ist Pastoralassistentin, die beiden haben sich im Rahmen der jährlichen Kaplanwoche auf Schloss Seggau kennengelernt. Drei Mal ist es nur Sympathie, dann wird daraus Liebe. Als ihm der damalige Generalvikar für das zweite Pfarrerjahr vier Grazer Stadtpfarren übertragen will, eröffnet ihm Faustmann, dass er aufhören wird. "Ich könnte vier Priester wie dich brauchen - aber halt mit Zölibat", antwortet der Generalvikar. Für Faustmann ein Kompliment - und zugleich ein Beleg dafür, wie die Kirche nach sieben Jahren teurer Topweiterbildung mit Personalressourcen umgeht. Doch insgesamt verhält man sich sehr fair ihm gegenüber, wie er sagt: Er bekommt eine Stelle als Religionslehrer, 2013 heiratet er seine Petra (die ebenfalls den kirchlichen Dienst quittiert), 2014 und 2016 kommen zwei Söhne zur Welt.

Matthäus Faustmann ist nicht der einzige geweihte Priester, der auch Ehemann und Vater wird. Jährlich gibt es zwar in Graz-Seckau durchschnittlich nur ein Laisierungsverfahren, viele katholische Priester machen ihre Zölibatsprobleme aber nicht öffentlich. "Es gibt etliche, die Frau und Kinder haben -von ganz oben bis ganz unten", weiß Faustmann. Natürlich gebe es auch Priester, die den Zölibat gut und überzeugend leben könnten -als Zeichen für die Nachahmung Christi und des Frei-und Verfügbarseins für die Gemeinde. Doch ein ganzes Priesterleben lang wirklich zölibatär zu bleiben, würde viele überfordern.

Der Zölibat ist freilich nicht die einzige Herausforderung, mit der katholische Priester konfrontiert sind. Das Schwinden der Volkskirche und die nicht enden wollenden Missbrauchsfälle haben das Bild und Prestige katholischer Priester radikal verändert. Parallel dazu sinken die Priesterzahlen: Im Jahr 2005 gab es österreichweit noch 2400 Welt-und 1530 Ordenspriester, im Jahr 2017 nur noch 2100 bzw. 1460. Die Diözesen reagieren auf die geänderten Bedingungen mit Strukturreformen, insbesondere Pfarrzusammenlegungen: In der Erzdiözese Wien hat man im Rahmen des "Entwicklungsprozesses Apg2.1" 140 "Entwicklungsräume" kreiert (siehe rechts), in der Diözese Linz hat man einen "Zukunftsweg" vorgeschlagen - mit neuen Pfarren, die nicht zwingend von Priestern geleitet werden müssen; und in Graz-Seckau schließt man ab 2020 die bisherigen Pfarren in 50 "Seelsorgeräume" zusammen, in denen Priester, Diakone sowie Hauptamtliche kooperieren.

Matthäus Faustmann hat den Knittelfelder Pfarrverband damals -gemeinsam mit anderen -gut managen können. "Ob so etwas funktioniert, hängt oft mehr von den beteiligten Personen als von der Struktur an sich ab", meint er rückblickend. "Aber große Einheiten führen natürlich auch zu mehr struktueller Arbeit, Sitzungen und Gremien." Helmut Schüller, Obmann der Pfarrerinitiative und selbst Pfarrer im niederösterreichischen Probstdorf, sieht diese Entwicklung noch deutlich kritischer: "Die Pfarrer werden von den Kirchenleitungen regelrecht verheizt", meint er im FURCHE-Gespräch. In den immer größeren Pfarren würden sich die "letzten Geweihten" nur mehr als Koordinatoren und "Sakramentenreisende" erleben - mit dem Gefühl, selbst nirgendwo mehr zu Hause zu sein.

"Aufgeladenheit und Abgehobenheit"

Den Pflichtzölibat abzuschaffen oder das Priesteramt für Frauen oder Verheiratete zu öffnen, werde das pastorale Dilemma nicht mehr lösen können, ist er überzeugt: "Die klerikale Verfasstheit, diese Kombination von Aufgeladenheit und Abgehobenheit, spricht einfach immer weniger Leute an." Wie Paul Michael Zulehner (vgl. Seite 3) plädiert deshalb auch Schüller für ein völlig neues Pastoralmodell, bei dem die Gemeinden selbst bewährte Frauen und Männer mit der Leitung der Liturgie und der Feier der Sakramente beauftragen. "Aber solche nach Zukunft schmeckenden Perspektiven haben leider derzeit realpolitisch in der Kirche keine Chance", fürchtet er. Dabei dränge die Zeit: Schon in fünf Jahren könnten sich "die letzten Kerne in den Gemeinden verlaufen haben", so Schüller.

Was bringt die Zukunft? Diese Frage wird spätestens beim Blick in die hiesigen Priesterseminare virulent. Als Matthäus Faustmann Mitte der 1990er-Jahre ins Grazer Seminar in der Bürgergasse eintritt -nicht als Folge eines spektakulären "Damaskus-Erlebnisses", sondern als Folge eines "natürlichen Hineinwachsens in Pfarre und Religiosität" -, wohnen darin etwa 55 Seminaristen. Als er nach der Affäre Groer und dem Studium das Haus verlässt, sind es nur noch 18. Über das Thema Sexualität wird in den sieben Jahren nie offiziell gesprochen. Nur einmal wird auf Wunsch der Seminaristen eine Art Symposium angekündigt -das sich am Ende nur als öffentlicher Diskussionsabend entpuppt.

Seither hat sich in der Priesterausbildung viel getan. Bereits im einjährigen Propädeutikum, das für Interessierte aus allen Diözesen im Linzer Priesterseminar angeboten wird, kommt das Thema Sexualität ausführlich zur Sprache. "Sollten hier Auffälligkeiten zutage kommen, würde der Bewerber bereits für das Priesterseminar ausscheiden", betont Martina Greiner-Lebenbauer, Leiterin der Stabsstelle Missbrauchs- und Gewaltprävention der Erzdiözese Wien. In den Seminaren selbst kommen individuelle Ausbildungsmodule dazu. "Wir haben verschiedene Module, die sich mit dem Thema Sexualität bzw. Nähe und Distanz auseinandersetzen", erklärt etwa Thorsten Schreiber, Regens des Grazer Priesterseminars, das heute 20 Seminaristen für Graz-Seckau und Gurk-Klagenfurt ausbildet. Intensiv werde nicht nur die "Identität des Priesters" reflektiert, sondern auch auf die menschliche Reife der Kandidaten geachtet, so Schreiber. Vor der Aufnahme ins Seminar würden psychologische Gutachten eingeholt, es gebe mehrere Gespräche, insbesondere bei Spätberufenen werde auch deren Vorleben abgeklopft. "Am Ende wird einer von drei Kandidaten aufgenommen, ungefähr die Hälfte davon macht die Priesterausbildung tatsächlich zu Ende", erklärt Schreiber.

Anders als früher ist die Ausbildung heute oft auch maßgeschneidert, zumal Menschen mit unterschiedlichsten Biografien beginnen. Dazu kommen in Graz verpflichtende Praktika, Freisemester und eine fünfjährige Berufsbegleitung im Dienst. Viele der Anregungen, welche die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Graz unlängst in einem Papier namens "Vertrauen und Freiheit" zur Reform der Priesterausbildung formuliert hat, seien schon umgesetzt, so Schreiber.

Auch im Wiener Priesterseminar, wo unter einem Dach 38 Seminaristen für die Erzdiözese Wien, acht Seminaristen für St. Pölten und sechs Seminaristen für Eisenstadt ausgebildet werden, gibt es psychologische Tests, um die Eignung von Priesteramtskandidaten festzustellen. Sowohl die Aufnahme-wie auch die Absolventenraten sind ähnlich wie jene in Graz. Zur Prävention von Missbrauch sind in Wien - wie auch in Heiligenkreuz, wo derzeit 41 Seminaristen das überdiözesane Priesterseminar Leopoldinum besuchen - eigene Weiterbildungen vorgesehen. Es geht um das Verhalten bei der Beichte und vertrauensvollen Vier-Augen-Gesprächen, die Folgen sexuellen Missbrauchs für die Betroffenen sowie generell die Rahmenordnung "Die Wahrheit wird euch frei machen" der Erzdiözese Wien. Diese sieht neben Verhaltensrichtlinien bei sexueller Gewalt auch eine Meldepflicht an die diözesane Ombudsstelle vor. "Nachdem die ersten sexualisierten Übergriffe statistisch etwa 15 Jahre nach der Priesterweihe erfolgen, ist auch eine gute Begleitung der Priester wichtig, um sie vor Überforderung, Vereinsamung und Suchtmittelmissbrauch zu schützen", betont Martina Greiner-Lebenbauer von der Stabsstelle Prävention. Denn diese drei Faktoren würden Übergriffe fördern: "Priester, die ihren fehlenden Selbstwert durch ihr Amt zu kompensieren versuchen, haben oft Probleme und machen auch Probleme", lautet ihr Resümée.

Glaubwürdig leben: Das sei heute angesichts der Missbrauchsfälle und des verständlichen Misstrauens gegenüber Priestern das Um und Auf, betont der Regens des Wiener Priesterseminars, Richard Tatzreiter. "Bei allem, was man über Priester hört, dürfen wir uns nicht wundern, dass man unseren Botschaften nicht mehr glaubt", meint er selbstkritisch. Auch sei es kein Wunder, dass der Priesternachwuchs ausbleibe. "Ich weiß auch nicht, ob ich mich angesichts des heutige Klimas für das Priestersein entscheiden würde", so Tatzreiter. "Ich habe es damals getan, weil ich glaubwürdige, lebensfrohe und in ihrem Dienst glückliche Priester getroffen habe."

Empfangen und loslassen

Authentizität und Lebensfreude: Das waren auch für Matthäus Xaver Faustmann die wesentlichen Gründe, am Dreifaltigkeitssonntag 2007 seine Erklärung zu verlesen. Er liebe den Priesterberuf, sagt er damals, doch auch die Sehnsucht nach einer menschlichen Beziehung sei da. Diese Sehnsucht durch bewusste Freundschaftspflege, Kunst oder Sport "sublimieren" zu können, hält er für ein Konstrukt. Er will mit einem geliebten Menschen zusammenleben, mit seiner Petra. 2008 beginnt ihre gemeinsame Grazer Zeit, fünf Jahre später heiraten sie und ziehen neben das Bauernhaus, in dem Petra aufgewachsen ist. Als ihr Mann eine Stelle als Religionslehrer in der Nähe bekommt und der erste Sohn geboren wird, scheint alles perfekt. Dann erwartet Petra ihr zweites Kind. Im Februar 2016, zehn Tage nach dem Termin, wird die Geburt eingeleitet. Petra presst und presst, dann macht sie eine Pause und legt ihren Kopf auf ihre Unterarme. Die Pause dauert eine Spur zu lang. Plötzlich geht der Alarm los, den Ärzten gelingt es noch, den Buben herauszuziehen, dann stirbt Petra in den Armen ihres Mannes an einer Lungenembolie.

"Ein Hammer ist durch meinen Körper gefahren. Dort, wo vorher ein pulsierendes Herz war, hingen Fetzen und eine Hälfte fehlte", sagt Matthäus Faustmann über den damaligen Moment. Zum Begräbnis kommen über tausend Menschen, davon 18 Priester; 700 Kondolenzschreiben treffen ein. Der Witwer erbittet sich vom Pfarrer, selbst predigen zu dürfen, er bedankt sich für jede Blume und jede Träne.

Heute schafft er es mit Hilfe von Verwandten und Freunden, für sich und seine Kinder gut zu sorgen. Das Leben geht weiter, Fragen wie "Warum?" stellt sich Faustmann nicht. Wochentags unterrichtet er Religion, sonntags spielt er Orgel und macht Einführungen in den Gottesdienst. "Fängst du wieder an?", hat man ihn schon gefragt, doch sein Leben hat sich verändert. Er ist Vater geworden, er ist Lehrer, er kann Orgel spielen und helfen, wie es ihm gefällt."Vom Priestersein habe ich viel Gutes in mein Leben retten können", sagt er. "Und die Sitzungen erspare ich mir."