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Besonnen ins Glück

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Ob in der Arbeit oder auf dem Weg in den Urlaub - wir steigen gerne aufs Gas. Zeit ist schließlich Geld, und beides will gut genutzt sein. Doch in der Eile begehen wir einen fundamentalen Denkfehler.

Der Mensch ist ein Fluchttier. Deshalb versteht er sich aufs Tempo auch so gut. Irgendwann in grauer Urzeit, in der Hitze der Savanne, ist er vor Löwen davongerannt. Die Schnelleren retteten sich rechtzeitig auf den sicheren Baum, die Langsameren aber ... Genauso geht das auch in der schönen Welt der Arbeit. Pünktlich zu Ferienbeginn finden sich alle an der Startlinie ein. Die Löwen von früher, die heißen heute Arbeitgeber, der Fluchtbaum von einst heißt nun Strand - oder Altaussee.

Die Sonne glüht also, der Tank ist voll, jetzt noch ein Tritt aufs Gaspedal, und schon sind die alten Zeiten wiederhergestellt. Manche brauchen ungebremste drei Stunden von Wien nach Klagenfurt, und von dort noch eine halbe Stunde bis zur italienischen Grenze. Das Rasen ist uns von den Instinkten in die Wiege gelegt. Und wie wir auch auf Seite 14/15 erfahren, können die Männer das mit dem Fliehen genetisch besser als die Frauen, was uns zu denken geben sollte, wenn auch nicht hier in diesem Artikel. Wir können das später noch besprechen - am Strand.

Wieso wir die gewonnene Zeit verlieren

Hier geht es zunächst in die Ferien. Der Motor, das Satelliten-gesteuerte Navigationssystem, der satte Treibstoff. Diese Mischung holt uns das Meer fast vor die Haustüre. So steht es jedenfalls in den Fluchthilfemittel-Katalogen der Autoindustrie. Ein Versprechen, das die Statistik unterstützt: Die modernen Transportmittel haben demnach die Erde für uns heute auf ein Sechzigstel ihrer ursprünglichen Größe geschrumpft - oder einfach gesagt: Wir sind sechzig mal schneller geworden als zu Zeiten, in denen wir in der Savanne mit den Löwen spielten.

Ja, so heil bleibt unsere Welt - bis zur ersten Blockabfertigung. Wenn die Kolonne steht hilft nicht einmal das beste Anti-Blockier-System. Denn im Stau ist aller Fortschritt, der unser Leben so viel schneller, einfacher und effizienter machen soll, plötzlich unnütz. Der Treibstoff mit extra hoher Energiedichte hält dann nur noch die Klimaanlage am Laufen und die eben noch heiß ersehnte Sommerhitze aus dem Auto fern.

Da nähern wir uns nun dem Ernst der Angelegenheit: Ob Einspritzmotor oder Breitbandinternet, Smartphones oder Digitalfotografie - tatsächlich dienen alle relevanten technischen Erfindungen dem Zeitsparen. Doch der Zeitgewinn wird aufgefressen, weil Benutzerdichte und Anforderungen noch schneller wachsen.

Handy und E-mail beschleunigen zwar die Kommunikation, erzeugen aber gleichzeitig einen höheren Kommunikationsaufwand. Online-Shopping erspart zwar den Weg ins Fachgeschäft, dafür suchen wir zwei Stunden vor dem Bildschirm nach dem besten Angebot. Und die Beschleunigung der Verkehrsmittel haben wir nicht genutzt, um Zeit für anderes zu gewinnen, sondern um unseren Fortbewegungsradius zu vergrößern.

Geht es nach den Studien von Zeitforschern, hat sich das tägliche Mobilitätszeitbudget seit Jahrhunderten nicht verändert. Ein- bis eineinhalb Stunden pro Tag verbringen wir mit unseren täglichen Wegen. In mittelalterlichen Städten waren das ein paar Kilometer, die fußläufig zurückgelegt wurden. Heute schlägt die 150 Kilometer lange Strecke Mattersburg-Wien-Mattersburg ins Zeitbudget oder das Sitzen in der U-Bahn. Ergebnis: Wir machen alles schneller, und gewinnen dadurch nichts an Zeit.

Gleiches gilt für Produktions- und Stückzahlen. Sie wachsen, damit sie wachsen, damit wir Arbeit haben, damit wir noch effizenter werden und weiter wachsen. Tendenziell führt das zu "Multitaskern“. Wir telefonieren, während wir eine E-mail lesen und beantworten sie, während wir Mittagessen. Kurz: wir erhöhen die Handlungsepisoden pro Zeiteinheit. Denn das hat man uns in Kindertagen beigebracht: Zeit ist Geld.

So wie in Europas größtem Finanzzentrum, der Londoner City. Dort braucht der Transfer von Milliarden Dollar in Investements eine zehntausendstel Sekunde. Berechnet von programmierten mathematischen Logarithmen nimmt der Computer jede kleinste Veränderung auf den Finanzmärkten wahr und verarbeitet sie in sein System. Der Broker sieht bloß zu - und nicht wenige bekommen davon Schuldgefühle. Der Kontrollverlust plagt die Psyche. In dem Dokumentarfilm "Speed“ des deutschen Filmemachers Florian Opitz erzählt ein ehemaliger Lehman-Brothers-Banker, wie ihm die Geschwindigkeit seines Geschäfts die Lebensenergie aussaugte. Heraus kam eine lupenreine Depression. Der Banker arbeitet heute auf einer Schweizer Alm, wo er Gästen die Tische wischt und ihnen Speckjausen serviert. Und das alles macht er ganz, ganz langsam. Glücklich, sagt er, sei er.

Dabei ist Beschleunigung ein Naturgesetz der Moderne, und Tempo wird als hoher Entwicklungsstand gewertet. Das zeigt eine Untersuchung des Psychologen Robert Levine, der das Lebenstempo in 31 Ländern untersucht hat: Österreich liegt auf Platz 7 hinter anderen Industrieländern wie der Schweiz, Deutschland oder Japan. Die letzten Plätze belegen Mexiko, Indonesien und Brasilien - Länder, in denen gehetzte Europäer gerne ihren Winterurlaub verbringen. Ist Geschwindigkeit der Schlüssel zum Erfolg, die Triebkraft des Fortschritts? Oder eher ein Fluch?

Beschleunigung wird zum Selbstzweck, meint der Sozialtheoretiker Hartmut Rosa zum großen Paradoxon unserer Zeit und nennt das ganze "rasender Stillstand“. Es muss etwas Wahres daran sein. Rosas Buch wurde allein in Deutschland mehr als 50.000 Mal verkauft.

Eigentlich lernen wir das, was Rosa uns sagt, schon in der ersten Klasse Physik. Da gibt es die zumeist etwas trocken vorgetragene Gleichung Geschwindigkeit = Weg/Zeit. Wenn wir aus dieser Gleichung unsere Geschwindigkeit erhöhen wollen, müssen wir auf der anderen Seite des Gleichheits-Zeichens den Zähler, also den Weg, erhöhen und den Nenner, also die Zeit, verkleinern. So ist es auch in unserem Leben. Eine Erhöhung unserer Arbeits-Geschwindigkeit muss immer auf Kosten unserer Zeit passieren -, es sei denn, wir lassen jemand anderen für uns arbeiten. So betrachtet sieht das schöne Gesicht des immer schneller werdenden Internets schon ganz anders aus.

Warum Fortschritt Zeit braucht

Nun funktioniert aber trotz gegenläufiger Meinung der Fortschritt ganz anders, als wir uns das vorstellen. Denn jene, die Fortschritt erreichten, hatten just ein Ingredienz im Übermaß zu Verfügung: Zeit. Das beginnt schon ganz früh. Irgendwann im Paläolithikum muss einer der Jäger und Sammler - oder eine der Frauen - ganz lange über einen Grassamen nachgedacht haben. Dieser Mensch experimentierte, zerstampfte das Korn, sammelte das Mehl, mischte es mit Wasser und fabrizierte Brei und Flade. So etwas erfindet sich nicht beim Mammutjagen - und vermutlich war es nicht einfach, den anderen deutlich zu machen, was man da eigentlich tue, und warum man so "faul“ sei.

Jahrtausende später flog ein gewisser James Watt wegen Faulheit von der Schule und wurde Instumentenmacher an der Universität Glasgow. Dort sah er den nicht funktionierenden Prototyp einer Dampfmaschine. Und er nahm sich Zeit, zwölf lange Jahre, in denen er die Maschine zerlegte, experimentierte, Teile veränderte, wieder zusammenbaute. Dann war die Dampfmaschine fertig - just jene Maschine, die unsere Zivilisation so unglaublich beschleunigt hat, dass sie noch heute mit ihrer Reichtum schaffenden Kraft die Welt dominiert.

Nach Watts Beispiel bringt also die Geduld den Fortschritt und nicht die Schnelligkeit. Die Schnelligkeit könnte demnach nur ein Produkt des Fortschritt sein, nicht der Weg dorthin. Aber das ist in einer so dynamischen und auf Wachstum gegründeten Welt schwer zu vermitteln. Es ist so wie damals in der Savanne und bei den Löwen. Die meisten glauben immer noch, dass Mitrennen mehr Glück bringt als Nachdenken.

Dabei verstellt gerade das kollektive Abhetzen, um sich damit Schönes zu kaufen, den Blick auf das Schöne. Besonders dann, wenn wir Zeit als monetäres Gut sehen.

Der kanadische Sozialpsychologe Sanford DeVoe hat untersucht, wie es sich auf das persönliche Glücksgefühl auswirkt, wenn man einer Zeiteinheit einen bestimmten Geldwert zuschreibt - oder anders gesagt - wenn man die Zeit in Geld umrechnet. Er ließ also eine Gruppe Studenten den Stundenlohn für einen bestimmten Job kalkulieren. Das allein reichte schon, um sie ungeduldig zu machen. Sie konnten danach weder freier Zeit im Internet noch dem Duft von Rosen oder einer Opernarie etwas abgewinnen. Die Referenzgruppe hingegen, die nicht ans Geld erinnert wurde, konnte all die die schönen Dinge genießen.

Ist es nicht der Lebensgenuss, was wir wollen? Gerade im Urlaub. Wie schwer uns das oft fällt, hat der Schriftsteller Heinrich Böll in einer bezaubernden Fabel formuliert, die den rasenden Urlauber mit einem einfachen Fischer konfrontiert: Der Tourist, nach Stunden im Stau, doch endlich am Meer angekommen, geht am Vormittag am Strand spazieren und sieht einen Fischer im Schatten rasten. "Warum sind Sie nicht draußen, auf dem Meer?“, fragt er. "Ich war heute schon draußen“, antwortet der Fischer. "Warum fahren Sie nicht noch einmal? Dann könnten Sie mehr Fische fangen und mehr Geld verdienen.“ Der Fischer schaut den Fremden fragend an: "Warum sollte ich das?“ "Sie könnten ein weiteres Boot anschaffen und Leute bezahlen, die Ihnen beim Fischen helfen. Sie könnten ein Fischverwertungsunternehmen gründen und höhere Gewinne erzielen. Und irgendwann verdienen Sie damit so viel, dass Sie selbst nicht mehr arbeiten müssen. Dann können Sie sich in den Schatten setzen und entspannen.“ Der Fischer versteht nicht: "Aber das mache ich doch bereits …“ Daraufhin geht der Tourist weg. Nachdenklich, und ein wenig neidisch.

Ob in der Arbeit oder auf dem Weg in den Urlaub - wir steigen gerne aufs Gas. Zeit ist schließlich Geld, und beides will gut genutzt sein. Doch in der Eile begehen wir einen fundamentalen Denkfehler.

Der Mensch ist ein Fluchttier. Deshalb versteht er sich aufs Tempo auch so gut. Irgendwann in grauer Urzeit, in der Hitze der Savanne, ist er vor Löwen davongerannt. Die Schnelleren retteten sich rechtzeitig auf den sicheren Baum, die Langsameren aber ... Genauso geht das auch in der schönen Welt der Arbeit. Pünktlich zu Ferienbeginn finden sich alle an der Startlinie ein. Die Löwen von früher, die heißen heute Arbeitgeber, der Fluchtbaum von einst heißt nun Strand - oder Altaussee.

Die Sonne glüht also, der Tank ist voll, jetzt noch ein Tritt aufs Gaspedal, und schon sind die alten Zeiten wiederhergestellt. Manche brauchen ungebremste drei Stunden von Wien nach Klagenfurt, und von dort noch eine halbe Stunde bis zur italienischen Grenze. Das Rasen ist uns von den Instinkten in die Wiege gelegt. Und wie wir auch auf Seite 14/15 erfahren, können die Männer das mit dem Fliehen genetisch besser als die Frauen, was uns zu denken geben sollte, wenn auch nicht hier in diesem Artikel. Wir können das später noch besprechen - am Strand.

Wieso wir die gewonnene Zeit verlieren

Hier geht es zunächst in die Ferien. Der Motor, das Satelliten-gesteuerte Navigationssystem, der satte Treibstoff. Diese Mischung holt uns das Meer fast vor die Haustüre. So steht es jedenfalls in den Fluchthilfemittel-Katalogen der Autoindustrie. Ein Versprechen, das die Statistik unterstützt: Die modernen Transportmittel haben demnach die Erde für uns heute auf ein Sechzigstel ihrer ursprünglichen Größe geschrumpft - oder einfach gesagt: Wir sind sechzig mal schneller geworden als zu Zeiten, in denen wir in der Savanne mit den Löwen spielten.

Ja, so heil bleibt unsere Welt - bis zur ersten Blockabfertigung. Wenn die Kolonne steht hilft nicht einmal das beste Anti-Blockier-System. Denn im Stau ist aller Fortschritt, der unser Leben so viel schneller, einfacher und effizienter machen soll, plötzlich unnütz. Der Treibstoff mit extra hoher Energiedichte hält dann nur noch die Klimaanlage am Laufen und die eben noch heiß ersehnte Sommerhitze aus dem Auto fern.

Da nähern wir uns nun dem Ernst der Angelegenheit: Ob Einspritzmotor oder Breitbandinternet, Smartphones oder Digitalfotografie - tatsächlich dienen alle relevanten technischen Erfindungen dem Zeitsparen. Doch der Zeitgewinn wird aufgefressen, weil Benutzerdichte und Anforderungen noch schneller wachsen.

Handy und E-mail beschleunigen zwar die Kommunikation, erzeugen aber gleichzeitig einen höheren Kommunikationsaufwand. Online-Shopping erspart zwar den Weg ins Fachgeschäft, dafür suchen wir zwei Stunden vor dem Bildschirm nach dem besten Angebot. Und die Beschleunigung der Verkehrsmittel haben wir nicht genutzt, um Zeit für anderes zu gewinnen, sondern um unseren Fortbewegungsradius zu vergrößern.

Geht es nach den Studien von Zeitforschern, hat sich das tägliche Mobilitätszeitbudget seit Jahrhunderten nicht verändert. Ein- bis eineinhalb Stunden pro Tag verbringen wir mit unseren täglichen Wegen. In mittelalterlichen Städten waren das ein paar Kilometer, die fußläufig zurückgelegt wurden. Heute schlägt die 150 Kilometer lange Strecke Mattersburg-Wien-Mattersburg ins Zeitbudget oder das Sitzen in der U-Bahn. Ergebnis: Wir machen alles schneller, und gewinnen dadurch nichts an Zeit.

Gleiches gilt für Produktions- und Stückzahlen. Sie wachsen, damit sie wachsen, damit wir Arbeit haben, damit wir noch effizenter werden und weiter wachsen. Tendenziell führt das zu "Multitaskern“. Wir telefonieren, während wir eine E-mail lesen und beantworten sie, während wir Mittagessen. Kurz: wir erhöhen die Handlungsepisoden pro Zeiteinheit. Denn das hat man uns in Kindertagen beigebracht: Zeit ist Geld.

So wie in Europas größtem Finanzzentrum, der Londoner City. Dort braucht der Transfer von Milliarden Dollar in Investements eine zehntausendstel Sekunde. Berechnet von programmierten mathematischen Logarithmen nimmt der Computer jede kleinste Veränderung auf den Finanzmärkten wahr und verarbeitet sie in sein System. Der Broker sieht bloß zu - und nicht wenige bekommen davon Schuldgefühle. Der Kontrollverlust plagt die Psyche. In dem Dokumentarfilm "Speed“ des deutschen Filmemachers Florian Opitz erzählt ein ehemaliger Lehman-Brothers-Banker, wie ihm die Geschwindigkeit seines Geschäfts die Lebensenergie aussaugte. Heraus kam eine lupenreine Depression. Der Banker arbeitet heute auf einer Schweizer Alm, wo er Gästen die Tische wischt und ihnen Speckjausen serviert. Und das alles macht er ganz, ganz langsam. Glücklich, sagt er, sei er.

Dabei ist Beschleunigung ein Naturgesetz der Moderne, und Tempo wird als hoher Entwicklungsstand gewertet. Das zeigt eine Untersuchung des Psychologen Robert Levine, der das Lebenstempo in 31 Ländern untersucht hat: Österreich liegt auf Platz 7 hinter anderen Industrieländern wie der Schweiz, Deutschland oder Japan. Die letzten Plätze belegen Mexiko, Indonesien und Brasilien - Länder, in denen gehetzte Europäer gerne ihren Winterurlaub verbringen. Ist Geschwindigkeit der Schlüssel zum Erfolg, die Triebkraft des Fortschritts? Oder eher ein Fluch?

Beschleunigung wird zum Selbstzweck, meint der Sozialtheoretiker Hartmut Rosa zum großen Paradoxon unserer Zeit und nennt das ganze "rasender Stillstand“. Es muss etwas Wahres daran sein. Rosas Buch wurde allein in Deutschland mehr als 50.000 Mal verkauft.

Eigentlich lernen wir das, was Rosa uns sagt, schon in der ersten Klasse Physik. Da gibt es die zumeist etwas trocken vorgetragene Gleichung Geschwindigkeit = Weg/Zeit. Wenn wir aus dieser Gleichung unsere Geschwindigkeit erhöhen wollen, müssen wir auf der anderen Seite des Gleichheits-Zeichens den Zähler, also den Weg, erhöhen und den Nenner, also die Zeit, verkleinern. So ist es auch in unserem Leben. Eine Erhöhung unserer Arbeits-Geschwindigkeit muss immer auf Kosten unserer Zeit passieren -, es sei denn, wir lassen jemand anderen für uns arbeiten. So betrachtet sieht das schöne Gesicht des immer schneller werdenden Internets schon ganz anders aus.

Warum Fortschritt Zeit braucht

Nun funktioniert aber trotz gegenläufiger Meinung der Fortschritt ganz anders, als wir uns das vorstellen. Denn jene, die Fortschritt erreichten, hatten just ein Ingredienz im Übermaß zu Verfügung: Zeit. Das beginnt schon ganz früh. Irgendwann im Paläolithikum muss einer der Jäger und Sammler - oder eine der Frauen - ganz lange über einen Grassamen nachgedacht haben. Dieser Mensch experimentierte, zerstampfte das Korn, sammelte das Mehl, mischte es mit Wasser und fabrizierte Brei und Flade. So etwas erfindet sich nicht beim Mammutjagen - und vermutlich war es nicht einfach, den anderen deutlich zu machen, was man da eigentlich tue, und warum man so "faul“ sei.

Jahrtausende später flog ein gewisser James Watt wegen Faulheit von der Schule und wurde Instumentenmacher an der Universität Glasgow. Dort sah er den nicht funktionierenden Prototyp einer Dampfmaschine. Und er nahm sich Zeit, zwölf lange Jahre, in denen er die Maschine zerlegte, experimentierte, Teile veränderte, wieder zusammenbaute. Dann war die Dampfmaschine fertig - just jene Maschine, die unsere Zivilisation so unglaublich beschleunigt hat, dass sie noch heute mit ihrer Reichtum schaffenden Kraft die Welt dominiert.

Nach Watts Beispiel bringt also die Geduld den Fortschritt und nicht die Schnelligkeit. Die Schnelligkeit könnte demnach nur ein Produkt des Fortschritt sein, nicht der Weg dorthin. Aber das ist in einer so dynamischen und auf Wachstum gegründeten Welt schwer zu vermitteln. Es ist so wie damals in der Savanne und bei den Löwen. Die meisten glauben immer noch, dass Mitrennen mehr Glück bringt als Nachdenken.

Dabei verstellt gerade das kollektive Abhetzen, um sich damit Schönes zu kaufen, den Blick auf das Schöne. Besonders dann, wenn wir Zeit als monetäres Gut sehen.

Der kanadische Sozialpsychologe Sanford DeVoe hat untersucht, wie es sich auf das persönliche Glücksgefühl auswirkt, wenn man einer Zeiteinheit einen bestimmten Geldwert zuschreibt - oder anders gesagt - wenn man die Zeit in Geld umrechnet. Er ließ also eine Gruppe Studenten den Stundenlohn für einen bestimmten Job kalkulieren. Das allein reichte schon, um sie ungeduldig zu machen. Sie konnten danach weder freier Zeit im Internet noch dem Duft von Rosen oder einer Opernarie etwas abgewinnen. Die Referenzgruppe hingegen, die nicht ans Geld erinnert wurde, konnte all die die schönen Dinge genießen.

Ist es nicht der Lebensgenuss, was wir wollen? Gerade im Urlaub. Wie schwer uns das oft fällt, hat der Schriftsteller Heinrich Böll in einer bezaubernden Fabel formuliert, die den rasenden Urlauber mit einem einfachen Fischer konfrontiert: Der Tourist, nach Stunden im Stau, doch endlich am Meer angekommen, geht am Vormittag am Strand spazieren und sieht einen Fischer im Schatten rasten. "Warum sind Sie nicht draußen, auf dem Meer?“, fragt er. "Ich war heute schon draußen“, antwortet der Fischer. "Warum fahren Sie nicht noch einmal? Dann könnten Sie mehr Fische fangen und mehr Geld verdienen.“ Der Fischer schaut den Fremden fragend an: "Warum sollte ich das?“ "Sie könnten ein weiteres Boot anschaffen und Leute bezahlen, die Ihnen beim Fischen helfen. Sie könnten ein Fischverwertungsunternehmen gründen und höhere Gewinne erzielen. Und irgendwann verdienen Sie damit so viel, dass Sie selbst nicht mehr arbeiten müssen. Dann können Sie sich in den Schatten setzen und entspannen.“ Der Fischer versteht nicht: "Aber das mache ich doch bereits …“ Daraufhin geht der Tourist weg. Nachdenklich, und ein wenig neidisch.