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Bewegte Orte der Erinnerung

Geschichte wird nicht nur in Museen und Ausstellungen erzählt, sondern auch in Literatur und Film - und im Theater, dieser Kunst des Moments und der Flüchtigkeit.

Gesellschaften können, wie Menschen auch, auf Erinnerungen nicht verzichten. Der Einzelne dehnt mit ihnen seinen Zeitradius über die jeweilige Gegenwart hinaus auf Abwesendes. Die kurze Zeitstrecke des eigenen Lebens kann so in einen längeren historischen Zusammenhang von Erfahrungen und Wirkungen eingegliedert werden.

Auch Gesellschaften halten Erinnerungen lebendig, in der Errichtung von Denkmälern etwa oder in rituellen Feiern von Jahrestagen, in denen in performativer Form das Vergangene wiederholt, reaktiviert wird. Erinnern ist eine kulturelle Verständigungsleistung, Bildung von gemeinsamen Erfahrungen über das Wieder-Holen des Vergangenen, zwecks des Gedenkens eines So-Gewordenseins. Erinnerungen sind gleichsam ein Imperativ zur Konstitution eines bestimmten politischen, ethnischen, sozialen, etc. Selbstbildes: Denk mal! heißt Erinnere dich! Sich erinnern kann aber jenseits der Identitätsvergewisserung auch eine ethische Pflicht sein, wenn es darum geht, bestimmte Episoden aus der Vergangenheit anzuerkennen. Das "Mahnmal“ - dessen etymologischer und semantischer Kern "monere“ von "memoria“ ist - ist mit Mahnung verbunden, was bedeuten soll, etwas nicht zu vergessen, auch wenn es unangenehm ist. Solches im allgemeinen Bewusstsein verankertes Wissen wird heute auch oft mit dem Begriff des "kollektiven Gedächtnisses“ beschrieben.

Gegenwärtigen Sinn geben

Erinnerte Vergangenheit mag dabei, schon wegen der Selektivität, bloß eine Konstruktion, eine Illusion sein. Wie wir das Wirkliche als unsere Bedeutungswelt konstruieren, gibt es auch in historischer Perspektive eine Differenz zwischen dem Faktischen und dem Bedeutsamen. Erinnerung vermag etablierte Bedeutungen immer wieder zu brechen. Deshalb ist wichtiger als die Wahrheit der Erinnerung die Bedeutung des Erinnerten. Es wird - wie der Germanist Hans-Ulrich Treichel einmal schrieb - bedeutsam erst im jeweils gegenwärtigen Erinnern. Erinnern heiße, "dem Abgelaufenen gegenwärtigen Sinn geben“. Und Reinhart Koselleck fügte hinzu, "wer sich mit der Vergangenheit beschäftigt, wird mit sich selbst konfrontiert.“

Erinnerungsanlass ist heuer der hundertste Jahrestag der "Urkatastrophe“ des vergangenen Jahrhunderts, der "great seminal catastrophe“ wie der amerikanische Historiker George F. Kennan den Ersten Weltkrieg genannt hat.

In Österreich kann man einen eigentlich paradoxalen Vergangenheitsverlust konstatieren: denn der Erste Weltkrieg war bei uns lange ein verlorener Krieg, freilich nicht nur in dem Sinne, dass man besiegt wurde, als vielmehr in der Doppeldeutigkeit des Wortes, auf die Walter Benjamin in den 1920er-Jahren hinwies, dass man seiner nur wenig gedacht hat. Das hat vor allem zwei Grunde: einerseits ist die weltgeschichtliche Zäsur des Ersten Weltkrieges der emotionale Bezugspunkt der Nation, bedeutete es doch das schmerzhafte Ende des doppelmonarchischen Großreichs, so dass man sich hierzulande lieber an die Zeit davor erinnert. Andererseits wird die Tiefe der Erinnerung auch beschnitten durch den Fanal des Zweiten Weltkriegs. Nachdem im Zuge der Waldheim-Affäre Ende der 1980er-Jahre die Dynamik des Vergessens, mit der Scham und Schuld so scheinbar einfach entsorgt zu werden versprachen, ein abruptes Ende fand, bestimmen die Zeit des Nationalsozialismus und der Holocaust seither weitgehend die Erinnerungsdiskurse.

Erinnern als dynamischer Prozess

Die Zahlenmystik, denen Jubiläen nur allzu oft gehorchen, bedingt nun, dass der Erste Weltkrieg aus der Engführung der nationalen Erinnerung befreit und in vielen Publikationen, Ausstellungen, Tagungen und mannigfachen anderen Veranstaltungen zurück ins Bewusstsein gebracht wird.

Alle Gesellschaften und Kulturen haben besondere Institutionen und Medien ausgebildet, die für die Speicherung und Tradierung jener für die Ausprägung und Sicherung der nationalen Identität und des kulturellen Erbes, für unablässig erachteten Wissensbeständen. Traditionell sind Bibliotheken, Archive und die Museen die gesellschaftlichen Orte, an denen historische Zeit in materieller und dinglicher Form vor dem Vergessen bewahrt werden. Diese kulturellen Orte dienen als Speichergedächtnisse, an denen eine Gesellschaft die Überreste und Spuren der Vergangenheit aufbewahrt, nachdem diese ihre lebendigen Bezüge und Kontexte verloren haben. Zu solchen latenten Erinnerungstücken gehören neben Gegenständen auch Bücher, Briefe, Schriftzeugnisse sowie Bilder und Photographien, die ausgewählt, gesammelt, bewahrt, besichtigt, erforscht und zu neuen Narrativen (um)geformt werden.

Aber Geschichte wird heute nicht mehr nur in Museen erzählt. Erinnern ist ein dynamischer Prozess, der sich durch demographischen und kulturellen Wandel in beständiger Veränderung befindet. Die Ära der Zeitzeugen - wie sie für die Erinnerungsdiskurse des Zweiten Weltkriegs als Mittler lange eine wichtige Brücke zwischen Geschichte als persönlicher Erfahrung und bloßen Zahlen und Fakten geschlagen haben - neigt sich dem Ende zu. Für den Ersten Weltkrieg ist sie längst abgelaufen. Daher setzen sowohl das Kino wie auch das Theater zunehmend auf die Fiktionalisierung von Geschichte in Form von interessanten, packenden Storys. Vor allem das Kino vermag die zeitliche Ferne historischer Ereignisse effektiv zu überbrücken. Es fungiert heute als bedeutender und privilegierter Ort der Erinnerung und der Konstruktion/Erzählung von Geschichte. Mittels seiner emotionalisierenden Inszenierungsstrategien und über die Personalisierung von Geschicht(en) erhalten wir Zugang zu einem Wissen, das vor allem affektiv ist. Durch ein Erzählkino, das bevorzugt auf viszerale Wirkung, auf affektive Einbindung der Zuschauer abzielt, werden durch die Refigurierung visueller Ikonographien, mit denen wir vertraut sind - verkörpert durch Stars, mit denen wir uns identifizieren - die Erfahrungen anderer zu unseren eigenen.

Überwältigungsstrategien

Dabei spielt es kaum eine Rolle, dass die Repräsentationen im Unterhaltungskino oder im Fernsehen kaum einmal auf historische Faktizität ausgerichtet sind. Denn jede Darstellung von historischen Ereignissen zielt zunächst darauf ab, kollektive Erinnerung und Zugehörigkeit sowie gemeinschaftlich geteiltes Wahrnehmen und Bewerten der vergangenen Ereignisse und Handlungen überhaupt erst herzustellen. Der ontologische Abstand zwischen Geschichte als vergangener Realität und erlebter Wirklichkeit einerseits und Geschichte als Erzählung von dieser Realität und ihrer Erfahrung bleibt zwar unüberbrückbar. Doch Fiktion vermag durchaus ein "wahrhaftiges“ Bild von der Vergangenheit zu zeichnen. Für das "So ist es gewesen!“ eignet sich, wie schon Aristoteles wusste, die stellvertretende Wahrheit der Fiktion manchmal sogar besser als die dokumentarische Wahrheit der Fakten. Darüber hinaus ist der Zuschauer im Kino vom Schrecken der Geschichte abgeschirmt. Die Wirkung von Gewalt beispielsweise ist durch ästhetische Formalisierung abgeschwächt. Im Zusammenhang mit dem Hollywood-Kriegsfilm kann man sogar davon sprechen, dass den vergangenen Kriegen Leben eingehaucht wird, indem der Zuschauer zu ihm zurückkehrt. Denn die Überwältigungsstrategien des Kinos vermitteln in der filmischen Wiederbelebung militärischer Auseinandersetzungen genau die Gewalt, die sie refigurieren. Und das bedeutet, Vergangenheit wieder zu einem Teil der Gegenwart zu machen. Dadurch wird Geschichte begreifbar, als etwas, das nicht vergangen ist, sondern in der Gegenwart insistiert.

Sinnlich greifbare Form

Neben der Literatur, der Ausstellung und dem Kino ist momentan auch das Theater, in seinen vielfältigen Erscheinungsformen, zu einem privilegierten Ort der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg geworden.

Dabei vermag das Theater durch seine räumliche Präsenz die zeitliche Ferne zum Greifen nah zu bringen. Erinnern als eine Form unsinnlicher Wahrnehmung wird durch die performative Vergegenwärtigung in quasi Präsenz des Abwesenden transformiert, das unsinnliche Nicht-Mehr in sinnlich greifbarer, in leibhaftiger, materieller und dinglicher Form vergegenwärtigt. Aber es geht auch anders: Das Wiener Schauspielhaus etwa hat nach Gesprächen mit 100-jährigen Wienerinnen und Wienern in fünf Folgen fünf persönliche Geschichten entworfen und so anhand individueller Lebenslinien eine Landkarte des vergangenen Jahrhunderts gezeichnet. Diese lebendigen Erinnerungsbezüge sind weniger interessant in dem Sinne, dass sie von Schauspielern das Vergangene mimetisch vergegenwärtigen, als vielmehr im Interesse an jenen kleinen authentischen Lebensbereichen, die das Individuelle immer schon im größeren Zusammenhang, im Überindividuellen eingliedert. Dabei erscheint Geschichte nicht als kontinuierliche Entwicklung, sondern als Anhäufung von Fragmenten, als Erzählpartikel die pars pro toto auf ein Ganzes zeigen, das abwesend bleibt.

Theater als Ort des Verlustes

Theater war und ist schon immer ein Gedächtnisraum. Im Gemeinschaftserlebnis der Theateraufführung erinnert sich die Gemeinschaft an ihre konstitutiven Werte, an die Grundlagen, die sie als solche auszeichnet. Dabei spielen die kanonischen Erzählungen eine wichtige Rolle, weil sie Ereignisse thematisieren, die vor der Folie verbindender menschlicher Befindlichkeiten, Ängste, Sehnsüchte, Wünsche gelesen werden können. Natürlich war das Theater auch immer ein Ort des Gegen-Gedächtnisses, das auch daran erinnerte, was gerade ausgegrenzt und verschwiegen wurde. Aber Theater hat als ästhetisches Phänomen ein Reservoir an Bedeutungen jenseits der zur Sprache gebrachten Sachverhalte.

Wir erfahren Theater als eine Kunst des Moments, der Flüchtigkeit. Wenn sich nun das Theater dem Erinnern widmet, so erinnern wir immer schon das Verlorene. In diesem Sinne ist Theater ein Ort des intensiv erfahrenen Verlustes, eine Erinnerung an das Verlieren und Vergehen. Theater bedeutet als sinnliche Präsenz die Wahrnehmung des Abwesenden, Gewesenen, die aber abhängt von einer sinnlichen, körperlich erlebten Wahrnehmung im Hier und Jetzt. Und in dieser Mit-Teilung des Abwesenden artikuliert sich historische Potenzialität, etwas was die Gegenwart unterbricht und sich auf die Zukunft hin öffnet.

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