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Bewundert viel und viel gescholten

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Ist das Theater in Österreich eine Insel der Seligen?

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Ist das Theater in Österreich eine Insel der Seligen?

Risikofreude und Provokation oder Kalkulieren mit vorhersehbaren Erfolgen - wo steht das Theater in Österreich? Wo sind die Highlights in der beginnenden Theatersaison? Wie erlebt ein erfahrener Theatermann die Szene, und was geschieht hinter den Kulissen? Ein kritischer Vorausblick zu Beginn des Theaterjahres, verfasst von erfahrenen Kritikerinnen. Ein Service für die Planung der nächsten Theaterbesuche.

Redaktionelle Gestaltung: Cornelius Hell

Die österreichische Theaterszene wird oft als Insel der Seligen bewundert und geschmäht. "In Österreich ist öfter schon alles drunter und drüber und dennoch ins Burgtheater gegangen", schrieb Karl Kraus. Das gilt auch heute noch. Unangefochten von der Zuschauermüdigkeit in den Theatern jenseits der Grenzen, füllt ein theaterbegeistertes Publikum aber keineswegs nur das Burgtheater. Stolz melden auch andere österreichische Bühnen Auslastungen, von denen man in Deutschland oder in der Schweiz nur träumen kann. Ihre finanzielle Ausstattung wirkt oft beachtlich und lockt entsprechend erstrangige Künstler an. Ist es also nur Neid, wenn dieses Theaterparadies auch gelegentlich als ein Land der genusssüchtigen Phäaken ein wenig belächelt oder künstlerisch sogar von oben herab angesehen wird. Kann es sein, dass da doch irgendwo der Wurm nagt?

Eines sei zugegeben: Neue Impulse gehen von Österreich nur über Umwege aus. Speziell mit innovativen Theaterformen. Sie werden zwar nicht selten von heimischen Dramatikern kreiert, szenisch aber meist zuerst außer Landes umgesetzt und erprobt. Doch auch die Tage, da Autoren wie Elfriede Jelinek, Thomas Bernhard, Peter Handke, Wolfgang Bauer oder Gert Jonke das Theater mit der Originalität ihrer Stücke beeinflussten und veränderten, liegen bereits in der Vergangenheit. Und die kreativen Schübe, die sie gaben, kehrten nach ersten Skandalanfängen in Österreich häufig erst über Erfolge in Deutschland heim.

Abwarten und Tee trinken

Der Verzögerungseffekt dem Neuen gegenüber ist nicht zu übersehen. Offenbar warten die österreichischen Theaterdirektoren heute ab, bis sich anderswo junge Autoren, revolutionäre Ansätze, neuartige Entwicklungen zeigen und spezielle Trends Furore machen, um sie dann freudig einzusammeln und aufzunehmen. Daher jagen die österreichischen Bühnen avancierten Theaterformen immer ein wenig hinterher. Keineswegs atemlos, sondern mit der spielerischen Gelassenheit des Raubtiers, das die eine oder andere Beute auch einmal entkommen lässt.

Liebe zum Schauspieler

Nun mögen manche sagen: Warum nicht? Müssen alle modischen Trends gleich mitgemacht werden? Sicherlich gibt es ein speziell österreichisches Theater, das sich manchen Moden auch widersetzt. Dekonstruktion und mutwillige Spielereien mit alten Texten, ob als Alberei oder intellektuell gestützt, werden es beispielsweise in Österreich immer schwer haben, wenn sie nicht von hervorragenden schauspielerischen Leistungen getragen sind. Denn eines werden sich die Zuschauer nur höchst unwillig austreiben lassen: ihre Liebe zum Schauspieler. Wo der Vorrang der Schauspielkunst gebrochen werden soll, kennen sie keinen Spaß. Wo aber der Schauspieler weiter bewundert werden kann, bleiben sie meist aufgeschlossen.

Jüngstes Beispiel: Das Gastspiel von Michael Thalheimers gewalttätiger Inszenierung von Molnárs "Liliom" bei den Wiener Festwochen. So radikal die Interpretation, so stark die Eingriffe in den Text, solange der Mensch im Zentrum steht und der Gehalt des Werkes ergreifend zum Ausdruck kommt, sind die Zuschauer offenbar auch mit Ungewohntem zu überzeugen. Allerdings ist dabei nicht zu übersehen, dass die Wiener Festwochen nur teilweise vom herkömmlichen Theaterpublikum, das während der Saison als Abonnent die Theater stützt, besucht werden, also in der Akzeptanz nur mit Einschränkungen aussagekräftig sind.

Generell lässt sich nämlich eine deutliche Kluft zwischen konservativeren und an neuen Entwicklungen interessierten Besuchern beobachten. Aus ihrem pluralistischer Spielplan, der die verschiedensten Spielformen berücksichtigt, ist daher den mit ausgeklügelten Abonnementsystemen arbeitenden größeren Bühnen nicht grundsätzlich ein Vorwurf zu machen. In Österreich wird er nach dem Motto "Jedem das Seine" weitgehend mit Geschick erstellt. Manchmal vielleicht auch mit etwas wunderlichen Bocksprüngen und krassen, unvereinbar erscheinenden Gegensätzen, aber der ungebrochene Publikumszustrom dürfte damit unmittelbar zusammenhängen.

In letzter Zeit haben in Deutschland, in der Schweiz, aber auch in Holland und Belgien sehr originelle Regisseure mit ihren Inszenierungen neue Wege gewiesen. Jeder auf seine Weise, mit sehr eigenständiger Handschrift, ob sie nun Christoph Marthaler oder Jossi Wieler, Frank Castorf, Luk Perceval, Alain Platel oder Johan Simons, Michael Thalheimer, Falk Richter, Nicolas Stemann oder Georg Pucher heißen. Sie kreierten damit einen freieren Zugriff auf Stücke, eine offene, lockere Spielweise, ein heutiges Klima. In Österreich haben sich diese Formen bisher kaum durchgesetzt. Einige von ihnen sind zwar bis zu den Salzburger Festspielen vorgedrungen, einige zu den Wiener Festwochen, aber in den herkömmlichen Theatern sind sie nur sporadisch anzutreffen.

Ihr Erfolg beim Publikum ist unterschiedlich. Wenn Christoph Marthalers Züricher Weg zunächst bei den Zuschauern scheiterte, respektive nicht die gewünschten Scharen anlockte, so mag das viele Gründe haben, ganz gewiss aber keine künstlerischen. Marthalers Angebot reicht von den wunderbar ausgearbeiteten heutigen Kammerspielen eines Jossi Wieler über die eigenen traumverlorenen, aber auch frechen und suggestiven Kreationen bis zu den jugendlich verspielten, frischen und zeitgemäßen Experimenten eines Georg Pucher oder Falk Richter. Das alles zeitgenössisches, lebendiges Theater im besten Sinn, von so sensationellen Schauspielern gespielt, dass man sich fragen kann, ob Ähnliches mit österreichischem Publikum auch hätte passieren können.

Dennoch ist auch auf der Insel der Seligen Achtsamkeit geboten. Wenn gelegentlich der Vorwurf künstlerischer Antiquiertheit erhoben wird, so ist er nicht unberechtigt. Zu einer lebendigen Theaterszene gehört auch, junge eigenwillige Regietalente aufzubauen und durchzusetzen, Gruppenbildungen um Autoren und Regisseure in der Freien Szene zu fördern und zu unterstützen. Das Burgtheater kann und soll in seiner absoluten künstlerischen und finanziellen Dominanz nicht alles abdecken. Gerade als Talenteküche kommt auch den Bundesländerbühnen eine wichtige Bedeutung zu. Sie funktioniert in Österreich nach wie vor und ist einer jener essentiellen Faktoren für das Kulturleben, der all zu oft übersehen wird. So bestehen auch immer noch seltsame Barrieren zwischen Wien und den übrigen Städten Österreichs.

Die freie Szene

Der Regisseur Martin KuÇsej und sein kongenialer Bühnenbildner Martin Zehetgruber, zwei außerordentliche Künstler mit hohem Formgefühl, begannen in Graz und Klagenfurt mit Aufsehen erregenden Inszenierungen. Das Aufsehen überschritt allerdings unter Umgehung von Wien Österreichs Grenzen. Burgtheater und Salzburger Festspiele riefen erst, als sie mit ihren ersten Arbeiten in Stuttgart und Hamburg deutschlandweit beachtet und berühmt wurden.

Bei der Förderung der Freien Szene kann man sich allerdings nicht auf Deutschland verlassen. Immerhin regen sich nicht nur in Wien, sondern auch in den Bundesländern zahlreiche unterschiedliche Aktivitäten und beginnen auch auf größere öffentliche Aufmerksamkeit zu stoßen. Vielleicht ist ein junger Marthaler österreichischer Prägung unter ihnen. Denn auch Marthaler entwickelte seine Theaterarbeit zunächst in der Freien Szene und in kleineren Theatern, ehe er die großen Häuser eroberte. Je lebendiger diese Szene, desto geringer die Gefahr zum künstlerischen Einkaufszentrum und Second Hand Shop zu werden.

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