Beziehungen und Gefühle verändern und entwickeln sich

Zwei Schnitzler-Premieren in einer Woche zeigen, wie aktuell der diagnostische Blick des Arztes, der seine Erkenntnisse literarisch verdichtete, heute noch ist. Sigmund Freud mied ihn „aus einer Art Doppelgängerscheu“, Luc Bondy sucht seine Brisanz in der englischsprachigen Welt („Sweet Nothings“), und das Theater in der Josefstadt überprüft ihn auf heutige Realität.

Während Luc Bondy den Blick auf die Typologie wirft, ist Josef E. Köpplingers Inszenierung an der Psychologie der Figuren und deren Beziehungen zueinander interessiert. Dazu kommt eine gewisse Koketterie mit der Fantasie – und möglicherweise auch einem voyeuristischen Interesse des Publikums, das hier den Schauspieler-Intendanten Herbert Föttinger gemeinsam mit seiner Frau Sandra Cervik als Ehepaar Friedrich und Genia Hofreiter zu sehen bekommt.

Schlichte Eleganz

Im Wesentlichen hat sich am Kern der Problematik bis heute wenig geändert: Beziehungen und Gefühle verändern und entwickeln sich, und wie viel Wahrheit in Schnitzlers genauer Analyse steckt, lässt das am Ende der Inszenierung erschöpft wirkende Ehepaar Föttinger–Cervik erahnen. Die Koproduktion mit dem Klagenfurter Stadttheater – eine Leistungsschau der Intendanten Köpplinger/Föttinger – setzt auf schlichte Eleganz. Rolf Langenfass hat einen Baum ins Zentrum der Bühne gestellt, um ihn herum ein paar Stühle sowie einen Flügel, auf dem der Pianist Konstantinos Diminakis zwischendurch Erik Satie spielt und damit atmosphärisch den schlichten, melancholischen Ton der Inszenierung unterstreicht.

In einfachen eleganten Seidenkleidern (Kostüme: Marie-Luise Walek) behauptet Sandra Cervik ihre gekränkte Genia, die im Laufe der Inszenierung entdecken muss, dass kein Mittel reicht, um die Liebe ihres Mannes zurückzugewinnen. Cerviks Genia ist mondän und warmherzig; sämtliche Versuche aber, die anfängliche Harmonie der Ehe wiederherzustellen, scheitern an der zwanghaften Eitelkeit ihres Fabrikantengatten.

Im weißen Dandy-Look ist Föttingers Hofreiter von einer ausgesuchten Selbstverliebt und Borniertheit, die das unnötige und zudem unzeitgemäße Duell am Ende des Stücks in ein neues Licht rücken: Kein notwendiger Ehrenkodex zwingt zur Tat, sondern lächerliche, zur Schau gestellte Eifersucht motiviert das Duell und den anschließenden Tod von Genias Kurzzeit-Liebhaber Otto.

Große Schauspielernamen

Dieser wird von Martin Hemmer derart blass dargestellt, dass die – die beleidigte Genia ablenkende – Affäre so wenig interessant erscheint wie die herumstehende Gesellschaft mit ihren Tennis spielenden, gelangweilten Ehefrauen (Alexandra Krismer) und deren zynischen Männern (Heribert Sasse). Mit Helmuth Lohner als Hotelbesitzer Aigner, Gertraud Jesserer als seiner Ex-Frau Anna Meinhold, Peter Scholz als bieder-bravem Dr. Mauer oder Alexander Waechter als Schriftsteller Rhon hat Köpplinger ein Star-Ensemble zur Verfügung.

Dennoch: Wirkliche Dynamik bringen der quirlige Rafael Schuchter als Anerkennung suchender Paul Kreindl und vor allem Gerti Drassl als kindlich-aufrichtig liebende Erna in ihrem vortrefflich-unmittelbaren Spiel.

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