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Bilder im Kinderwagen

1945 1960 1980 2000 2020

Der lange Kampf österreichischer Künstlerinnen um Anerkennung in einer Männerdomäne.

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Der lange Kampf österreichischer Künstlerinnen um Anerkennung in einer Männerdomäne.

Die Frau sollte sich, da sie als Anregerin so ungeheuer wichtig ist, nicht mit dem problematischen Tun abmühen, das sie im günstigsten Fall eine mittelmäßige Mannesleistung erreichen läßt", empfahl 1922 der Wiener Kunstschriftsteller Arthur Roessler künstlerisch ambitionierten Frauen. Zu spät. Wenn die Kuratorin Ingried Brugger die Ausstellung "Jahrhundert der Frauen" (Kunstforum der Bank Austria, 8. 10. 1999 bis 2. 1. 2000) mit dem Jahr 1870 beginnt, stimmt das Datum. 1867 wurde in Wien die Kunstgewerbeschule gegründet, in der auch Mädchen Aufnahme fanden. Zwar gab es seit der Renaissance Frauen, die hervorragend malten. Doch Künstlerinnen wie die Italienerin Sofonisba Anguissola (1535 bis 1625) oder Angelika Kauffmann (1741 bis 1807) waren Ausnahmeerscheinungen, bei denen zur Begabung ein glücklicher Zufall kam, zum Beispiel ein Vater wie bei Angelika Kauffmann, der seiner Tochter den Weg in den Beruf der Malerin ebnete.

Um 1870 erhielten Frauen in Österreich zum erstenmal in größerer Zahl professionellen Malunterricht. Die drei bedeutendsten scharten sich um den Wiener Landschaftsmaler Emil Jakob Schindler: Tina Blau hatte eine Ateliersgemeinschaft mit ihm, Olga Wisinger-Florian und Marie Egner waren seine Schülerinnen. Die Akademie der bildenden Künste nahm Frauen erst ab 1920 auf. Das Argument gegen die Mädchen lautete, sie seien ja doch nur Dilettantinnen. Dahinter steckte möglicherweise folgende Überlegung: Lehrer, die einerseits an der Akademie unterrichteten, erteilten andererseits jungen Frauen um gutes Geld Privatunterricht. Sie erkannten, daß diese schöne Einnahmequelle in dem Augenblick versiegen würde, in dem Frauen zu einem offiziellen Studium zugelassen würden.

Wie haben sich diese Frauen durchgesetzt, deren Bilder heute auf dem Kunstmarkt ebenso hohe Preise erzielen wie die ihrer einst viel höher geschätzten männlichen Kollegen? Von Tina Blau gibt es einige Fotos, auf denen sie mit einem Kinderwagen zu sehen ist, in dem kein Baby, sondern eines ihrer Bilder liegt. Das Transportmittel Kinderwagen war keine Marotte der Malerin - sie malte gern im Freien. Sie reihte sich damit in die lange Kette von Künstlern ein, die von sich - wie etwa Michelangelo - sagten, ihre Werke seien ihre Kinder.

Aufbruchstimmung Eine andere Durchsetzungsstrategie wählte Olga Wisinger-Florian. Sie war ein Vermarktungsgenie in eigener Sache. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie eine gut gehende Apotheke geerbt und war finanziell unabhängig. Diese bürgerliche Künstlerfürstin ließ keine Gelegenheit aus, mit hochgestellten Persönlichkeiten bekannt zu werden. Schließlich erreichte sie ihr Traumziel: sie wurde als Malerin dem Kaiser vorgestellt.

Auch scheute sie sich nicht, vor Beginn einer Ausstellung ihrer Werke die Kritiker zu besuchen. Eine Eintragung aus ihrem Tagebuch, als sie 1885 wieder einmal antichambrierte: "Ich war bei Wurzbach, der mich recht gnädig empfing. Daß man diesen Kerlen von Recensenten so den Hof machen muß, ist ekelhaft."

Die dritte der frühen professionellen Malerinnen, Marie Egner, hatte die offizielle Meinung voll verinnerlicht, daß Frauen ihre schöpferische Kraft im Gebären ausleben sollten. Dennoch zog sie eine befriedigende Bilanz ihrer freien Entscheidung für eine Künstlerexistenz: "Ich bin selten über etwas Positives so froh als über den rein negativen - und eigentlich idealen Vorteil - keinen Mann zu haben, ich hätte gewiß solch ein borniertes, tyrannisches Beamtenwesen erwischt, das mich geisteslahm, verdrossen, bissig und unzufrieden gemacht hätte. Und wenn ich das Resultat überschaue? Ich habe beim Schaffen all dieser Bilder und Skizzen wirklich gelebt, war glücklich, manchmal himmelhoch jauchzend wie eine Liebende, und auch zu Tode betrübt. Es war viel, sehr viel Echtes in diesem meinem Leben."

Wien um 1900: Aufbruchsstimmung, Secession, Abschied von Überkommenem, aber für Frauen ein denkbar schlechtes Klima. Man erinnere sich nur an den einflußreichen Frauenhasser Otto Weininger, der 1903 in seinem Buch "Geschlecht und Charakter" Frauen als unproduktiv und amoralisch abqualifizierte. Und doch ereignet sich um 1900 in der Kunst von Frauen in Österreich ein gewaltiger Schritt nach vorn. Eine ganze Generation wagt sich an spezifisch Weibliches: Frauen entdecken ihren Körper als Gegenstand der Malerei. Sie malen sich selbst, malen Frauengruppenbilder, malen Mütter mit Kindern. (Das offizielle Aktstudium blieb ihnen bis in die zwanziger Jahre verwehrt.)

Helene Funke, Marie-Louise von Motesiczky, Broncia Koller-Pinell, Friedl Dicker: kaum mehr bekannte Namen. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten bedeutete das Ende für diese Künstlerinnen, von denen viele Jüdinnen waren. Sie wurden vertrieben, ermordet. Nach 1945 wollte sich kaum jemand ihrer erinnern.

Künstlerinnen erzwangen die Wende für sich in Österreich erst in den späten sechziger Jahren: Die 1919 geborene Maria Lassnig erlangte Anerkennung erst auf dem mühsamen Umweg über Paris und New York. Die 1940 geborene Valie Export, die ihre Brüste im sogenannten Tast- und Tappkino freigab, ist ihrem emanzipatorischen Anliegen bis heute treu geblieben. "Über meinen nackten Brüsten trug ich einen Styropor-, später einen Alukasten mit zwei Öffnungen. Dort hinein steckten die Besucher ihre Hände. Ich sagte: diese Box ist der Kinosaal, mein Körper ist die Leinwand." Allerdings: die, die da tappten, wurden dabei beobachtet, weil Valie Export die Sache auf der Straße machte. Andere Frauen nahmen lustvoll an der Aktionskunst teil wie die spritzige, witzige Kiki Kogelnik.

Frauen rechneten böse mit den Männern ab. Heute setzen junge Künstlerinnen ihren Körper für viele Aussagen ein, und sie tun es in allen möglichen Medien, in der Fotografie, dem Video, der Malerei, dem Text. Aber Frau-Sein in der Kunst ist heute nur mehr ein Thema unter mehreren. Leicht war der Weg von der Muse zur Künstlerin nicht - aber in vielen Klassen der Kunstuniversität Wien gibt es bereits mehr weibliche als männliche Studenten.

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