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"Bin vom Menschen enttäuscht"

Der russische Schriftsteller Wladimir Sorokin, im Vorjahr wegen Pornografie angeklagt, äußert sich im Furche-Gespräch zur Rolle des Schriftstellers, über die Renaissance der russischen Literatur und die Kunst, überzeugend eigene Welten zu schaffen.

Die Furche: Orten Sie in Russland eine Renaissance der Literatur?

Wladimir Sorokin: Schon vor zwei Jahren begann die Auflagenzahl guter Literatur anzusteigen. Das Volk sehnt sich nach qualitätsvollen literarischen Welten. Das steht auch im Zusammenhang damit, dass das Tauwetter der letzten 15 Jahre mit Putin und den Bürokraten zu Ende geht. In Russlands politischem Klima hat der Herbst angefangen, der erste Schnee ist gefallen. Vor einem Jahr habe ich in einem Geschäft beobachtet, dass Leute Bücher wie Holz für den Winter nach Hause schleppten. Generell blüht die russische Literatur im politischen Winter, denn das uninteressante politische Leben lässt zu Büchern greifen. Die Hauptfunktion der russischen, ja der Literatur überhaupt ist die Produktion von Träumen fürs Volk und für sich selbst. Gewissermaßen die Möglichkeit, sich von der Realität auszuruhen. Wir stehen am Beginn eines literarischen Aufschwungs.

Die Furche: In der Sowjetunion vereinigte der Schriftsteller die Funktionen des Priesters, des Propheten, der politischen Opposition. Hat sich seine Rolle ganz geändert?

Sorokin: Die aufgezählten Funktionen sind für mich sehr betrüblich. Sie kommen von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals herrschte Despotie und politische Unfreiheit. Das rief große Stagnation und Unzufriedenheit der Intelligenzija hervor. Andererseits verlor die Orthodoxe Kirche ihre Rolle in der Gesellschaft, weil sie keine adäquate Sprache für das moderne Jahrhundert fand. Dieses Vakuum füllte die Literatur, der Mythos des Schriftstellers stieg: So kamen Pilger zu Leo Tolstoj mit der Frage, wie sie leben sollten - und Tolstoj gab Ratschläge, obwohl er über die Welt nicht mehr wusste als wir alle. Der Schriftsteller hat auch gewissermaßen die Russische Revolution vorbereitet, denn Lenin sprach vom starken Einfluss von Tschernyschevskys Roman "Was tun?" auf ihn. Nach der Revolution gebrauchten die Bolschewiki den Schriftsteller für ihre Ziele, er wurde zum Staatsbürokraten und genoss unglaubliche Achtung. Als die Sowjetunion zerfiel, sah man, dass der Schriftsteller eigentlich nur Phantasien niederschreibt. Jetzt scheint mir der Schriftsteller in Russland einfach Schriftsteller zu sein - wie z.B. Alexander Puschkin. Wenn auch noch Reste von alten Erwartungen an den Schriftsteller vorhanden sind - gerade ältere Menschen grüßen mich sehr ehrfurchtsvoll.

Die Furche: Woher kommt die geistige Nahrung im heutigen Russland?

Sorokin: Das ist ein sensibles und schwer einzuschätzendes Moment. Die Kunst ist jetzt sehr vielfältig. Die Orthodoxe Kirche jedenfalls scheint mir eine zeitgemäßere Sprache noch nicht gefunden zu haben. Wenn ich allerdings die Jugend beobachte, sehe ich, dass sie entgegen dem Vorwurf des moralischen Verfalls ethisch gewachsen und verantwortungsvoller ist - das Leben zwingt sie dazu.

Die Furche: Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie heute aus dem Pornografieprozess gegen Sie im Vorjahr?

Sorokin: Mir scheint, es war ein Versuch, zu überprüfen, ob und wie sehr der Schriftsteller wach ist und lebt.

Die Furche: Sind weitere Schritte zu erwarten?

Sorokin: Weiß ich nicht. Unser Leben ist nicht vorhersehbar; aber gerade dadurch ist Russland großartig. Denken Sie an die russische Sauna: sie wirkt wie ein Schock, ist aber gut für die Gesundheit. Für manche Leute aus dem Westen ist das tatsächlich schwer, ich aber brauche diese russische Luft der Unvorhersehbarkeit. Wenn ich länger im Westen lebe, fehlt mir etwas, und zwar das Irrationale. Trotz mancher Veränderungen ist die russische Mentalität mit ihren drei Komponenten gleich geblieben: dem Hang zum Sakralen, zum Destruktiven und zum mythologischen Bewusstsein.

Die Furche: Tauchte während Ihres Prozesses oder in letzter Zeit das Gefühl der Angst bei Ihnen auf?

Sorokin: Natürlich, wenn der Staat sich mit Dir zu beschäftigen beginnt... Die Kampagne wurde schließlich von einem Mitglied der Präsidentenadministration gelenkt. Die Bürokraten haben jetzt praktisch unbegrenzte Macht. Angst nährt sich schon allein aus der genetischen Erinnerung, was es in diesem Staat alles gegeben hat. Und so ist Angst eine der Hauptempfindungen in der Bevölkerung, aber man muss gegen sie kämpfen.

Die Furche: Massenmedien befinden sich stets irgendwie in Konfrontation mit dem Staat. Wie steht es damit beim Schriftsteller?

Sorokin: Im Allgemeinen ist der russische Schriftsteller gewissermaßen verpflichtet, die Staatsmacht zu kritisieren; die ganze Intelligenzija erwartet das von ihm. Die Schriftsteller haben die Macht kritisiert, dafür wurden sie verfolgt. Für mich ist diese Erwartung sehr eng gefasst, ich bin auch kein Satiriker. Mich interessiert nicht die politische Struktur des Landes, sondern die Metaphysik. Wenn ich harte Dinge schreibe, ist das nicht ein Kampf mit dem Staat, sondern einer mit dem heutigen Menschen, der mir nicht passt und mich enttäuscht mit seinem Materialismus, Atheismus und seiner ethischen Unzurechnungsfähigkeit. Die Leute können nicht verstehen, dass wir kosmische Wesen sind, dass wir nicht nur für den Supermarkt, den Hausbau und den Fußball geboren sind, sondern dass es auch tiefere Aufgaben gibt.

Die Furche: Sind Sie gläubig?

Sorokin: Ja, der Konfession nach orthodox. Ich wurde getauft, als ich 25 war. Ich bin aber nicht sehr "verkirchlicht", mir scheint der Glaube nicht immer eines Vermittlers zu bedürfen. Die Welt existiert nicht zufällig; sie hat ein grandioses Konzept.

Die Furche: Der Skandal um Ihre Bücher löste auch Diskussionen über die literarische Rezeption durch den russischen Leser aus. Wie ist der heutige Leser?

Sorokin: Er ist natürlich sehr heterogen. Hervorheben kann man nur die Lesergeneration unter 20. Sie fasst Literatur als reinen Traum auf, wie ein Computerspiel. Im Allgemeinen ist aber der Leser immer ein und derselbe und will nur eines: dass der Schriftsteller überzeugend seine eigenen Welten schafft. Die jungen Leser verlangen vom Schriftsteller weniger Rat fürs Leben, sie stellen nicht mehr dumme Fragen wie: "Was wollen Sie damit sagen?"

Die Furche: Wie unterscheidet sich der westliche vom russischen Leser?

Sorokin: Im Westen ist Literatur viel mehr Ware. Der russische Leser will mehr vom Schriftsteller; Literatur ist für ihn Medizin - der Schriftsteller gewissermaßen ein Doktor.

Die Furche: Welchen Mangel orten Sie im literarischen Schaffen in Russland?

Sorokin: Am ehesten einen in den Genres. Das Elend der russischen Schriftsteller ist, dass sie in ihren Romanen alle Probleme gleichzeitig lösen wollen und in den Genres unzurechnungsfähig sind. Es fehlt eine genaue Trennung. In einem Roman mischen sie Politisches, Detektivisches, Mystisches und historische Exkurse.

Das Gespräch führte Eduard Steiner.

Meister des Monströsen und Perversen

Wladimir Sorokin wurde 1955 in Moskau geboren. Nach einem Ingenieurstudium der Petrochemie arbeitete er als Buchillustrator. In den siebziger Jahren stieß er zur Gruppe der Moskauer Konzeptionalisten. Diese radikalisierten die Tradition der Avantgarde und wendeten sich nicht nur gegen die offizielle Sowjetliteratur, sondern auch gegen den Kult der Klassiker und die Dissidenten-Literatur. 1979 erschien sein erstes Buch "Norma" (Die Norm), dem seither viele weitere gefolgt sind. Auf Deutsch erschienen unter anderem "Die Schlange", "Der Obelisk", "Herzen der Vier", "Der himmelblaue Speck". Tabubrüche sind hauptsächlicher Bestandteil seiner Werke, wobei deren Bandbreite alle menschlichen Perversionen umfaßt: Sex, Gewalt und Folter... In der Vorschau auf die 12. Frühjahrsbuchwoche in München wird Sorokin als als "Meister des Monströsen und Perversen" vorgestellt. Im Vorjahr musste er sich wegen Verfassung von Pornografie vor Gericht verantworten.

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