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"Biomasse nutzen, um die Böden zu entgiften"

1945 1960 1980 2000 2020

Ein wichtiges Kapital, der Humus, sei weltweit verschleudert und zu CO2 "verbrannt" worden, warnt Raggam, Vorkämpfer für die energetische Nutzung von Biomasse. Ein Umstieg auf Biomasse, sei auch wegen der Entgiftung unserer Böden dringend erforderlich.

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Ein wichtiges Kapital, der Humus, sei weltweit verschleudert und zu CO2 "verbrannt" worden, warnt Raggam, Vorkämpfer für die energetische Nutzung von Biomasse. Ein Umstieg auf Biomasse, sei auch wegen der Entgiftung unserer Böden dringend erforderlich.

dieFurche: Sie warnen vor einem weltweit massiven Abbau des Humus im Boden, weil das schwerwiegende ökologische Folgen hat. Welches Ausmaß hat dieser Abbau erreicht?

August Raggam: Wir haben in diesem Jahrhundert einen Großteil des Humus verloren. Nehme ich die Situation im Bezirk Leibnitz - die ich untersucht habe - her, komme ich auf einen Verlust von 80 Prozent. Eine Enquete-Kommission des deutschen Bundestages schätzt den Wert auf 70 Prozent weltweit. Das bedeutet, daß ein beachtlicher Teil des CO2 in der Atmosphäre seinen Ursprung im Humusverlust hat: Der im Humus gebundene Kohlenstoff wurde zu CO2 oxidiert.

dieFurche: Könnte ein Humus-Wiederaufbau also einen wichtigen Beitrag zur Lösung des Klimaproblems leisten?

Raggam: Ja, nicht nur um der ökologischen Landwirtschaft willen gilt es, den Boden systematisch aufzubauen: das Bodenleben, den Humus, die Pflanzenverdunstung. Damit wird ein überlebenswichtiges System in Gang gehalten: Um ein Kilo Biomasse zu erzeugen, braucht man etwa einen Liter Wasser. Tatsächlich setzen die Pflanzen aber mindestens hundertmal mehr um. Das dient der Verdunstungskühlung. Nur dadurch erreichen wir über dem Festland erträgliche Temperaturen. Das Ökosystem Erde hat so viel Humus, um ausreichend viel Wasser halten zu können, damit Pflanzen, die mindestens hundertmal so viel verdunsten, als sie selbst bräuchten, die nötige Verdunstungskühlung erzeugen.

dieFurche: Sie erwähnten das Bodenleben: Spielt es eine wichtige Rolle beim Aufbau des Humus?

Raggam: Ja. Wir müssen fragen: Warum wird rund 95 Prozent der entstehenden organischen Masse an das Bodenleben verfüttert? Wir dachten bisher, es diene nur dazu, die organische Masse zu fressen und die darin enthaltenen organischen Mineralstoffe auszuscheiden, damit die Pflanzen diese wieder über die Wurzeln aufnehmen können. Die Hauptaufgabe des Bodenlebens - man beachte: 30 Tonnen in einer Schichte von zehn Zentimeter pro Hektar, das sind 60 Großvieheinheiten, die wir unter der Erde ernähren! - besteht in folgendem: Es lockert den Boden auf, ohne die Oberfläche aufzureißen. Damit ist sie so dicht, daß nicht zu viel Sauerstoff eindringt und den Humus wegoxidiert. Wo das Bodenleben fehlt, wird der verdichtet, der Humus verschwindet und die Fähigkeit des Bodens, Wasser zu halten, geht verloren.

Das Verdunstungssystem funktioniert also nur wenn Humus vorhanden ist und das Bodenleben den Boden auflockert, ohne Sauerstoff eindringen zu lassen. Jahrelang wurde nun löslich gedüngt, das Bodenleben umgebracht. Heute ist nur mehr ein Zehntel des früheren Bodenlebens übriggeblieben. Es fehlen also neun Zehntel der Auflockerungsarbeit. Sie hat der Bauer übernommen. Er schafft das aber nur von außen und führt so den Sauerstoff in den Boden ein. Dieser oxidiert den Humus weg. Auf diese Art ging der Humusschwund über die Bühne.

dieFurche: Geht die ökologische Landwirtschaft anders vor?

Raggam: Sie arbeitet mit einer minimalen Bodenbearbeitung, maximal auf eine Tiefe von zehn Zentimetern. Kompost wird zugeführt. Damit wird der Mineralienkreislauf geschlossen und es ergibt sich ein Sauerstoffhaushalt, der dem natürlichen annähernd entspricht. Wir müssen dafür sorgen, daß der Kohlenstoff im Humus nicht weiter abgebaut wird, und die Bauern auf die Gefährdung, die mit ihrem derzeitigen Tun verbunden ist, aufmerksam machen. Der Humus ist ein CO2- und ein Wasserspeicher. Ihn zu zerstören, ist ein tödliches Rezept.

dieFurche: Sie fordern also die Forcierung eines nachhaltigen Landbaus. Nur: Wohin mit den Produkten? Die Agrarmärkte sind überfüllt.

Raggam: Die forcierte Nutzung von Biomasse für energetische Zwecke ist eine weiter Überlebensnotwendigkeit - und zwar aus einem Grund, der kaum bedacht wird: Weil die Pflanzen hundertmal mehr verdunsten, als sie für ihren Bedarf müßten, besteht eine enorme Chance, sie für die dringend nötige Entgiftung unserer Böden zu nutzen. Wir setzen im Jahr rund 40 Millionen Tonnen Chlor um, ein Teil davon in organischen Verbindungen: in der Papier- und Zellstoffindustrie, in Form von chlorierten Aromaten in der Chemischen Industrie, in der PVC-, der Pestiziderzeugung, bei der Lack- und Lösungsmittelherstellung ... Als Nebenprodukte dieser Chlorindustrie entstehen sehr langlebige, aggressive Produkte. Das giftigste davon ist Dioxin. Aber es gibt jede Menge ähnlicher Produkte, die unter der Bezeichnung polychlorierte dibenzo-Dioxine oder Furane laufen. Alles organische Gifte. Es gibt sie en masse. 100 Jahre organische Chlorchemie hat uns Luft, Wasser und Boden mit diesen Stoffen angereichert.

dieFurche: In welchen Konzentrationen?

Raggam: Im Boden werden etwa 92 Picogramm Dioxin pro Gramm gemessen, in der Luft je nach Standort 0,01 bis zehn Nanogramm je Kubikmeter. Beachtlich sind die Werte im Wasser: In der Nordsee 265 Nanogramm, Rhein sogar 6.100 je Gramm Wasser. Das, was man im belgischen Futtermittel gemessen hat, liegt zwischen diesen Werten. Daran erkennt man die enorme Belastung unserer Umwelt mit diesen Giften. Alle chlorierten Stoffe sind fettlöslich. Und so nimmt der Menschen den Großteil des Giftes über Fette (Milch, tierische Fette, Öle) auf. Nur zwei Prozent gelangen über die Atmung und die Haut in den Organismus.

dieFurche: Gibt es irgendwelche vernünftigen Konzepte, wie man dieses Problem angehen könnte?

Raggam: Niemand weiß, wie man aus dem Ökosystem Erde, diese Gifte herausbekommen könnte. Und das Seveso-Gift hat eine Halbwertzeit von 10.000 Jahren! Es nützt also nichts, wenn wir nur die Entstehung dieser Gifte verhindern. Wir müssen sie auch aus unserem Lebensraum eliminieren. Am wenigsten nimmt man diese Gifte über pflanzliche Nahrung auf: Alle Vegetarier-Studien zeigen daher, daß diese Leute weniger unter Krebs und Herz-Kreislauf-Problemen leiden. Mit dem Fleisch nimmt man etwa zehnmal mehr auf. Die stärkste Anreicherung beobachtet man beim Fisch.

dieFurche: Wieviel kann man dem Menschen zumuten?

Raggam: Die WHO hat zehn Picogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag festgelegt. Diesen Wert will man auf ein bis vier Picogramm zurücknehmen. Das amerikanische Bundesamt EPA hat jedoch auf Grund genauer Untersuchungen bei 0,006 Picogramm Krebsgefährdung registriert. Das heißt die bestehenden Grenzwerte liegen um ein Vielfaches zu hoch. Nur: Solche Werte könnte man heute nirgends einhalten.

dieFurche: Und Sie meinen, den Stein der Weisen gefunden zu haben?

Raggam: Es gibt zwar mehrere Möglichkeiten, die beste - und wohl einzige gangbare - ist folgendes: Man muß aus der organischen Chlorchemie aussteigen. Hier müssen Verbote ausgesprochen werden. Und man muß auf Bioenergie anstelle von Öl, Gas und Kohle umsteigen. Von dem was wächst, sollte ein Drittel in den Lebensmittelkreislauf und zwei Drittel in den Verbrennungskreislauf gehen. Beim Verbrennen von Biomasse können wir heute in optimierten Anlagen im Abgas keinerlei Kohlenwasserstoff-Verbindungen mehr nachweisen. Das bedeutet aber auch, daß alle chlorierten Verbindungen bei der Verbrennung aufgebrochen werden. Wohlgemerkt bei optimierten Anlagen!

dieFurche: Kritiker behaupten aber, Holzheizungen seien gerade wegen des Dioxins in den Abgasen eine Gefahr.

Raggam: Schlecht verbrannte Biomasse ist in dieser Hinsicht tödlich. Kritiker der Biomasse-Verbrennung berufen sich aber auf Messungen aus den achtziger Jahren. Die sind total überholt. Heute gibt es keine Heizung die weniger Emissionen aufweist als eine moderne Biomasse-Heizung. Wir schlagen alles aus dem Feld. Österreich ist da übrigens internationale Spitze. Bei 1.000 Grad Temperatur und einer Sekunde Verweilzeit im Verbrennungsraum werden die erwähnten chemischen Verbindungen hundertprozentig zerlegt. Das Chlor wird in Form von Salzsäure und Kochsalz gebunden und der Giftstoff ist weg. Die Biomasse-Heizung ist das ideale Mittel, um die Gifte aus unserer Umwelt zu eliminieren und in lebenswichtige Kreislaufprodukte umzuwandeln.

dieFurche: Wie lange würde es dauern, die Belastung loszuwerden?

Raggam: Das ist schwer zu sagen. Mit einer Dauer zwischen zehn und 100 Jahren muß man jedenfalls rechnen.

dieFurche: Haben Sie nachgewiesen, daß in den Abgasen keine Dioxine mehr enthalten sind?

Raggam: Die steirische Landesregierung hat das in einem Projekt - sogar unter ungünstigen Bedingungen - untersuchen lassen: kein Dioxin.

Das Gespräch führte Christof Gaspari.

Zur Person Ein Visionär, der Theorie und Praxis verbindet Geboren 1937 studierte August Raggam Elektro- und Verfahrenstechnik der Papier- und Zellstoffherstellung. Umweltfreundliche Methoden der Papier- und Zellstoffherstellung waren dann auch Thema seiner Habilitationsschrift. Nach 1968 leitete er die Zellstoffabrik Rechberg und erwarb mehrere Weltpatente auf dem Sektor Papierherstellung. Seit 1975 trat er für den Einsatz von Bioenergie anstelle von Öl, Gas, Kohle und Atomkraft ein. 1985 gründete er das Forschungsinstitut "Alternative Energienutzung-Biomasse" an der TU-Graz (er leitete es bis zu seiner Pensionierung 1997), entwickelte eine Reihe neue Verfahren zur energetischen Nutzung von Biomasse und verfaßte zahlreiche Arbeiten zu Fragen der ökologischen Landwirtschaft, der Nutzung von Bioenergie, des Energiesparens ... 1994 war er Mitbegründer der Firma KWB, die mittlerweile eines der führenden Unternehmen auf dem Gebiet der automatischen Bioheizungen ist.

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