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Feuilleton

Blinder König der Berg-Welt

1945 1960 1980 2000 2020

"Unter Blinden": Je steiler, desto freier fühlt sich der blinde Osttiroler Extrembergsteiger Andy Holzer. Ein Dokumentarfilm, der Augen öffnet.

1945 1960 1980 2000 2020

"Unter Blinden": Je steiler, desto freier fühlt sich der blinde Osttiroler Extrembergsteiger Andy Holzer. Ein Dokumentarfilm, der Augen öffnet.

Die Redewendung, dass unter Blinden der Einäugige ein König ist, wird in Eva Spreitzhofers Doku "Unter Blinden -Das extreme Leben des Andy Holzer" ad absurdum geführt. In "Unter Blinden" ist der blinde Holzer der König, mit mehr Durchund Weitblick und seine Umwelt deutlicher wahrnehmend als viele mit zwei Augen Sehende. "Dunkel ist es nie!", sagt Holzer, als er zielsicher in den finsteren Keller läuft, um sein Fahrrad zu holen, und die Filmemacherin und das Kamerateam verloren hinter ihm her stolpern. Eine Schlüsselszene, denn Holzer hinterher zu stolpern, ist der Plot dieses Dokumentarfilms. Und sein roter Faden ist das Staunen über einen Blinden, der sein Blindsein als vernachlässigbares Manko ausblenden kann und das Leben eines mit den anderen Sinnen besser Sehenden führt.

Ursprünglich war "Unter Blinden" als Doku-Spielfilm geplant. Dieses Vorhaben hat die Regisseurin schnell verworfen, nachdem sie Holzer begegnet ist. Ein guter Entschluss. Niemand spielt Andy Holzer so gut wie Andy Holzer. Er hat auch sein ganzes Leben lang für diese Rolle geübt: Der Blinde, der die Welt sieht. Als Kind hat er Leuten aus dem Auto zugewunken, wenn ihm die Mutter gesagt hat, sie fahren jetzt am Dorfplatz vorbei.

Der Blinde, der die Welt sieht

Seinen Eltern hat er verboten, anderen zu sagen, dass er blind ist. In der Schule hat er lieber den Faulen gespielt, als zuzugeben, dass er die Textaufgabe nicht lesen kann -"um mich und die anderen zu schonen". Und darum ist er so wie die anderen Spielgefährten Fahrrad gefahren, hat im Wald Räuber und Gendarm gespielt, Baumhäuser gebaut Bis er halt wieder einmal wo drüber gekugelt, runtergefallen ist und sich was gebrochen hat -aber zu der Zeit auf dem Land war ein Bub ohne Gips an Hand oder Fuß sowieso kein richtiger Bub. Und Holzer wollte nie etwas anderes sein als ein ganz normaler richtiger Bub.

Regisseurin Spreitzhofer hat auch eine sehr gute Hand bei der Auswahl der anderen Darsteller bewiesen: die Ehefrau, die Jugendfreunde, der Bergführer, der Schullehrer, die Bergkameraden ...

Mama Holzer als kongeniale Nebendarstellerin

Den Oscar für die beste Nebendarstellerin bekommt aber Mama Holzer. Da passt jedes Wort, sitzt jede Geste, das ist die Rolle ihres Lebens: Immer ihrem Sohn die lange Leine zu lassen und ihr Vertrauen in ihn über die Sorge um ihn zu stellen. Und immer an ihren Prinzen zu glauben, ihn daheim bei der Familie und im Dorf bleiben zu lassen, auch wenn die Experten sagten, ohne Übersiedlung in die Stadt und Blindenschule wird ein Trottel aus ihm werden. Jetzt ist ein König aus ihm geworden und die Freude und der Stolz der Mutter darüber sind anrührend.

Ansonsten vermeidet "Unter Blinden" aber, auf die Rührungstaste zu drücken. Das ist bei diesem Hauptdarsteller ohne jeden Anflug von Selbstmitleid auch unmöglich. "Unter Blinden" ist durch und durch ein Emanzipationsfilm, der auf der Empowerment-Story eines taffen Typen basiert, der auszog, ein barrierefreies Leben zu leben. Ein ausgeprägter Dickschädel und die Bereitschaft, wenn nötig, auch mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, gehören ebenfalls zu dieser Geschichte. Insofern ist es kein Zufall, dass Holzers Kletterhelm ungewöhnlich viele kleine Dellen aufweist.

Aber diese Schläge steckt Holzer gerne dafür weg, in der Senkrechten alle Fesseln abzuwerfen und sich je steiler, desto freier zu fühlen. Und der Rat des Blinden gegen Höhenangst ist bei weitem nicht der einzige Ertrag, den man aus diesem Film mitnimmt: "Nicht hinunterschauen!"

Unter Blinden - Das extreme Leben des Andy Holzer

A 2014. Regie: Eva Spreitzhofer. Thimfilm. 90 Min.

Die Redewendung, dass unter Blinden der Einäugige ein König ist, wird in Eva Spreitzhofers Doku "Unter Blinden -Das extreme Leben des Andy Holzer" ad absurdum geführt. In "Unter Blinden" ist der blinde Holzer der König, mit mehr Durchund Weitblick und seine Umwelt deutlicher wahrnehmend als viele mit zwei Augen Sehende. "Dunkel ist es nie!", sagt Holzer, als er zielsicher in den finsteren Keller läuft, um sein Fahrrad zu holen, und die Filmemacherin und das Kamerateam verloren hinter ihm her stolpern. Eine Schlüsselszene, denn Holzer hinterher zu stolpern, ist der Plot dieses Dokumentarfilms. Und sein roter Faden ist das Staunen über einen Blinden, der sein Blindsein als vernachlässigbares Manko ausblenden kann und das Leben eines mit den anderen Sinnen besser Sehenden führt.

Ursprünglich war "Unter Blinden" als Doku-Spielfilm geplant. Dieses Vorhaben hat die Regisseurin schnell verworfen, nachdem sie Holzer begegnet ist. Ein guter Entschluss. Niemand spielt Andy Holzer so gut wie Andy Holzer. Er hat auch sein ganzes Leben lang für diese Rolle geübt: Der Blinde, der die Welt sieht. Als Kind hat er Leuten aus dem Auto zugewunken, wenn ihm die Mutter gesagt hat, sie fahren jetzt am Dorfplatz vorbei.

Der Blinde, der die Welt sieht

Seinen Eltern hat er verboten, anderen zu sagen, dass er blind ist. In der Schule hat er lieber den Faulen gespielt, als zuzugeben, dass er die Textaufgabe nicht lesen kann -"um mich und die anderen zu schonen". Und darum ist er so wie die anderen Spielgefährten Fahrrad gefahren, hat im Wald Räuber und Gendarm gespielt, Baumhäuser gebaut Bis er halt wieder einmal wo drüber gekugelt, runtergefallen ist und sich was gebrochen hat -aber zu der Zeit auf dem Land war ein Bub ohne Gips an Hand oder Fuß sowieso kein richtiger Bub. Und Holzer wollte nie etwas anderes sein als ein ganz normaler richtiger Bub.

Regisseurin Spreitzhofer hat auch eine sehr gute Hand bei der Auswahl der anderen Darsteller bewiesen: die Ehefrau, die Jugendfreunde, der Bergführer, der Schullehrer, die Bergkameraden ...

Mama Holzer als kongeniale Nebendarstellerin

Den Oscar für die beste Nebendarstellerin bekommt aber Mama Holzer. Da passt jedes Wort, sitzt jede Geste, das ist die Rolle ihres Lebens: Immer ihrem Sohn die lange Leine zu lassen und ihr Vertrauen in ihn über die Sorge um ihn zu stellen. Und immer an ihren Prinzen zu glauben, ihn daheim bei der Familie und im Dorf bleiben zu lassen, auch wenn die Experten sagten, ohne Übersiedlung in die Stadt und Blindenschule wird ein Trottel aus ihm werden. Jetzt ist ein König aus ihm geworden und die Freude und der Stolz der Mutter darüber sind anrührend.

Ansonsten vermeidet "Unter Blinden" aber, auf die Rührungstaste zu drücken. Das ist bei diesem Hauptdarsteller ohne jeden Anflug von Selbstmitleid auch unmöglich. "Unter Blinden" ist durch und durch ein Emanzipationsfilm, der auf der Empowerment-Story eines taffen Typen basiert, der auszog, ein barrierefreies Leben zu leben. Ein ausgeprägter Dickschädel und die Bereitschaft, wenn nötig, auch mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, gehören ebenfalls zu dieser Geschichte. Insofern ist es kein Zufall, dass Holzers Kletterhelm ungewöhnlich viele kleine Dellen aufweist.

Aber diese Schläge steckt Holzer gerne dafür weg, in der Senkrechten alle Fesseln abzuwerfen und sich je steiler, desto freier zu fühlen. Und der Rat des Blinden gegen Höhenangst ist bei weitem nicht der einzige Ertrag, den man aus diesem Film mitnimmt: "Nicht hinunterschauen!"

Unter Blinden - Das extreme Leben des Andy Holzer

A 2014. Regie: Eva Spreitzhofer. Thimfilm. 90 Min.