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Blusen aufreißen, Jugend erzählen

Der Großkritiker lebt, und er gibt sich selbstbewusst wie eh und je. Wenn er spricht, nimmt Burkhard Spinnens Gestik geradezu reich-ranickimäßige Züge an: Der Zeigefinger wird ebenso erhoben wie die belehrende Stimme. Und als Schiedsrichter verteilt Spinnen Fouls, vor allem gegen Kritik, die sich gegen ihn richtet.

Was hat man sonst von der diesjährigen Bachmann-Preis-Jury erfahren? Enttäuschend wenig über Sprache und Ästhetik der besprochenen Texte, dafür sehr viel über das frühere Leben der Juroren. Ursula März hat in jungen Jahren als Zimmermädchen in den Zimmern von Ajax Amsterdam gedient, vielleicht auch geschnüffelt, vermutlich aber nicht unter dem Bett gelegen wie die Protagonistin von Markus Orths' Roman "Das Zimmermädchen".

Burkhard Spinnen hätte bestimmte Lebensphasen lieber für immer hinter sich gelassen, muss sich mit ihnen nun aber doch auseinandersetzen und die Zuhörer mit ihm. Na, wenn sich hier schon alle die Blusen aufreißen, scherzt Klaus Nüchtern, und beichtet die Behaglichkeit in der Badewanne. Ijoma Mangold wiederum outet seine Fantasie und findet Feuerwehrmänner mit Schlauch ziemlich phallisch.

Ilija Trojanows abschließende Kritik auf 3sat richtet sich an die Jury, die teilweise, wie er sagt, unter der Gürtellinie agierte - und er meint damit vielleicht vor allem Ijoma Mangold, der bei Pedro Lenz nicht mit vernichtendem Urteil, wohl aber mit Begründungen dafür geizte.

Den Höhepunkt in Sachen Unterhaltung (und einen Beweis dafür, dass sich Wahrheit und Unterhaltung durchaus vertragen können), liefert Klaus Nüchtern, als er zu Sudabeh Mohafez' Text konstatiert: Man müsse "ein veritables Schweinsohr" sein, um die Musikalität dieses Textes nicht zu begreifen.

brigitte.schwens-harrant@furche.at

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