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Böse oder krank? Böse und krank!

War es politischer (Wahn-)Sinn oder die Tat eines psychisch Kranken? FURCHE-Gastautor Joachim Bauer zur Einschätzung des Anders Behring Breivik und seiner monströsen Tat.

Auch Wochen nach dem 22. Juli 2011 hat das unmenschliche Verbrechen, bei dem Anders Behring Breivik das Leben von 77 Menschen auslöschte, nichts von seinem Schrecken verloren. Soll das entsetzliche Geschehen als politische Aktion oder als die Tat eines seelisch gestörten Menschen, als "böse“ oder "krank“ bewertet werden? "Krank“ und "böse“ lautet meine Diagnose.

Der 32-jährige Anders Behring Breivik setzte, nachdem er mit einer Autobombe im Zentrum Oslos acht Menschen getötet hatte, auf eine Insel über, die der sozialdemokratischen Partei Norwegens als Jugend-Ferienlager diente. In der Uniform eines Polizisten auftretend, rief er Jugendliche zusammen und begann, auf sie zu schießen, wobei er eine bizarre Freude gezeigt haben soll. 69 junge Menschen starben. Kurz vor seiner Tat hatte der Täter ein "Manifest“ versandt, mit dem er seine lange geplante Tat in einen politischen Kontext stellte.

Was waren und sind die Motive, was hat diese Tat zu bedeuten? Drei Einschätzungen stehen zur Wahl: War die Tat eine politische Aktion und wenn ja, mit welchem Hintergrund und welchen Zielen? Oder war sie Ausdruck des Verhaltens einer psychisch gestörten Person und wenn ja, welche Störung lag vor? Oder sind Taten dieser Art rational nicht erklärbar sondern Teil einer mystischen Gewalttendenz, die "ganz normale Menschen“ in regelmäßigen Abständen solche Taten begehen lässt?

Das politische Milieu des Täters

In seinem "Manifest“ hat Breivik seine Tat politisch definiert. Wir sollten uns kritisch fragen, ob wir, wenn wir ihm hierin folgen, nicht einem Größenwahnsinnigen auf den Leim gehen. Das "politische“ Thema, mit dem sich Breivik ausweislich seines "Manifests“ seit Jahren monothematisch beschäftigt hat, ist die Angst vor der Auflösung einer patriarchalischen Ordnung, die der Täter zum Kern einer "europäischen Kultur“ erklärte. Letztere sei gefährdet durch einen europaweiten "Multikulturalismus“, der eine Überfremdung durch islamische Einwanderer zulasse.

Angst vor Überfremdung war das Thema der einst von Carl Hagen gegründeten norwegischen "Fortschrittspartei“. Im Alter von 18 Jahren wurde Breivik dort Mitglied. Nach zehnjähriger Mitgliedschaft verließ er die Partei, kurz nachdem der Vorsitz im Jahre 2006 von Carl Hagen auf seine Nachfolgerin Siv Jensen übergegangen war. Sie war nicht nur eine Frau (zu Breiviks Angst vor weiblicher Macht siehe unten), sie verfolgte auch einen moderateren Kurs als ihr Vorgänger. Nach seinem Parteiaustritt fand Breivik seine politische Heimat in den virtuellen Räumen des Internets, wo er sich als "Blogger“ an islamfeindlichen Diskussionsforen beteiligte.

Anders Behring Breivik wurde am 13. Februar 1979 als Sohn eines Diplomaten und einer Krankenschwester geboren. Als der Säugling etwa ein Jahr alt war, ließen sich die Eltern scheiden. Breivik wuchs mit seiner Mutter und einer älteren Halbschwester auf. Seine Schulausbildung schloss er auf einer Handelsschule ab. Beruflich ging Breivik dann wechselnden Beschäftigungen nach, wobei er sich auch als Geschäftsmann versuchte, dabei aber mehrfach zunächst erwirtschaftete größere Beträge wieder verlor.

Die persönlich-biografische Dimension

Seiner Mutter wirft Breivik in seinem Manifest eine "superliberale, matriarchalische Erziehung“ vor, die ihn "zu einem gewissen Grade feminisiert“ habe. Bis zu seinem 16. Lebensjahr hatte er regelmäßigen Kontakt zu seinem im Ruhestand in Südfrankreich lebenden Vater. Mit 15-16 Jahren habe er begonnen, in Oslo abends "herumzuhängen“. Nachdem er einmal als Graffiti-Sprayer von der Polizei belangt worden war, habe der Vater den Kontakt zum Sohn auf Dauer abgebrochen.

Bei seiner militärischen Musterung wurde Breivik als untauglich eingestuft. Im 21. Lebensjahr unterzog sich Breivik einer Schönheitsoperation, wobei er sich Stirn, Nase und Kinn richten ließ. Freundinnen hatte Breivik nach eigenem Bekunden nicht, auch keine Freunde, abgesehen von seinen virtuellen Internet-Kontakten. Einziges Hobby waren offenbar Waffen. Von 2005 bis 2007 war er Mitglied im "Oslo Shooting Club“ (dem er sich 2010 erneut anschloss). In seinem Manifest erwähnt Breivik ein intensives Training von Kriegs- und Killerspielen, welches einen wichtigen Einfluss auf ihn gehabt habe.

Zusammenfassend ergibt sich das Bild eines hinsichtlich seines Selbstwertes und seiner männlichen Identität verunsicherten, einzelgängerischen jungen Mannes. Offenbar getrieben von der Angst vor Verweiblichung (und möglicherweise Homosexualität) entwickelte der junge Mann kompensatorische "Männerfantasien“ (im Sinne von Klaus Theweleits epochalem gleichnamigem Werk): Mit Waffenverliebtheit und Mitgliedschaften in Männerbünden (u. a. bei einer Freimaurerloge und einem "Templerorden“) versuchte Breivik das von ihm erlebte Defizit an männlicher Identität zu kompensieren.

Die politische Sozialisation Breiviks kann die Tat des 22. Juli 2011 alleine kaum erklären, ebenso wenig - für sich alleine gesehen - die persönliche Biografie des Täters. Entscheidend war aber offenbar ein verhängnisvolles Zusammenspiel zwischen biografischer (Fehl-)Entwicklung und politischem Milieu. Das fremdenfeindliche Umfeld, in dem sich Breivik politisch bewegte, scheint in Resonanz zu den persönlich-biografischen Ängsten und Bewältigungsversuchen des Täters getreten zu sein. Das politisch "Böse“ des Umfeldes ging mit dem individuell "Kranken“ des Täters eine verhängnisvolle Verbindung ein.

Von der krankhaften Idee zur Wahnsinnstat

Zu den ungelösten Fragen seiner Biografie (Infragestellung seines Selbstwertes, väterliche Zurückweisung, fehlende männliche Identität) wurden Breivik seitens des politischen Milieu scheinbar erlösende Antworten angeboten: Rückkehr zur "guten alten“ patriarchalischen Ordnung, Ablehnung des Feminismus und Beendigung einer als Toleranz getarnten Libertinage. Die fantasierte Rettung Europas durch Kampf gegen Überfremdung dürfte Breivik als Chance erschienen sein, durch eine von ihm als "Heldentat“ fantasierte Gewaltaktion seinen Geltungshunger zu befriedigen und zugleich seine persönliche Männlichkeit zu "retten“.

Die in Breiviks Verbrechen deutlich werdende krankhafte Selbstüberhöhung ist als pathologischer Kompensationsversuch einer schweren Selbstwertproblematik zu verstehen, Fachleute sprechen von "malignem Narzissmus“. Aufgrund der extremen Gefühlskälte bei der Ausführung der Tat kommt eine sogenannte Psychopathie als ein weiterer pathologischer Faktor ins Spiel. Die jahrelange intensive Bedienung von Kriegs- und Killerspielen kann, wie sich auch im Falle zahlreicher anderer Amoktäter immer wieder zeigte, zu einer gefährlichen emotionalen Abstumpfung führen. Hinzu kommt, dass Breivik ausweislich seines Manifests seit Längerem Aufputschmittel wie Ephedrin nahm, während der Tat stand er unter der Wirkung eines Drogencocktails.

Die Allgemeinheit muss vor Tätern dieses Kalibers dauerhaft geschützt werden. Doch zusätzlich sollten wir versuchen, die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Taten dieser Art zu mindern: Zum einen müssen wir die Notwendigkeit, dass Kinder und Jugendliche Bindungen - und Burschen ihnen zugewandte Väter - brauchen, noch ernster nehmen als bisher. Zweitens sollten wir uns der Tatsache bewusst sein, dass Gewalt verherrlichende Medienangebote unser Gehirn verändern. Und schließlich sollten wir uns noch entschiedener als bisher politischen Milieus entgegenstellen, die ihre Geschäfte mit der Angst vor Fremden und mit Fremdenfeindlichkeit machen.

* Univ.-Prof. Dr. Joachim Bauer ist Neurobiologe, Arzt und Psychotherapeut, er lehrt am Uniklinikum Freiburg

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