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Feuilleton

Boko Haram oder: Zehn Jahre Schrecken

1945 1960 1980 2000 2020

Am 20. Mai starben mindestens 120 Menschen bei einem Selbstmordanschlag in der zentralnigerianischen Stadt Jos. Vor sechs Wochen entführten Boko Haram-Kämpfer 270 Schulmädchen: Nigerias Christen sind seit langem im Visier des Islamisten-Terrors.

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Am 20. Mai starben mindestens 120 Menschen bei einem Selbstmordanschlag in der zentralnigerianischen Stadt Jos. Vor sechs Wochen entführten Boko Haram-Kämpfer 270 Schulmädchen: Nigerias Christen sind seit langem im Visier des Islamisten-Terrors.

Kaum haben Frankreich und fünf afrikanische Länder bei ihrem Gipfel in Paris ein entschlossenes Vorgehen gegen die islamistische Terrororganisation Boko Haram beschlossen, kommt aus Nigeria eine neue Schreckensbotschaft: Bei einem Doppel-Selbstmordanschlag in der zentralnigerianischen Stadt Jos sind mindestens 120 Menschen ums Leben gekommen.

Wenigstens hat Nigerias Führung endlich internationale Hilfe zur Auffindung und Befreiung der über 270 von Boko Haram schon vor sechs Wochen aus einem Internat verschleppten Schülerinnen und bei der weiteren Bekämpfung der Terrorbewegung akzeptiert. Beistand von außen tut not, da die Bundesregierung in Abuja und noch weniger die einzelnen Bundesstaaten imstande - oder auch gewillt - scheinen, der ausufernden islamistischen Willkür die Stirn zu bieten.

Kampf gegen westliche Bildung

2014 zeigt sich die Macht von Boko Haram so erstarkt, dass die Luftwaffe gegen sie einsetzt werden musste. Das Aufspüren von Terrorstützpunkten wird aber immer schwieriger, seit die Dschihadisten erbeutete Armee-Uniformen tragen und gekaperte Fahrzeuge einsetzen, unter ihnen sogar Panzer. Dazu kommt eine ausufernde Unterwanderung der Sicherheitskräfte. Niemand, der vor den Terroristen am nächsten Polizeiposten oder in einer nahe gelegenen Kaserne Zuflucht sucht, kann mehr sicher sein, dort nicht von Geheimmitgliedern der Boko Haram ermordet zu werden.

Die besondere Feindseligkeit der Terrorgruppe gegen Mädchenschulen erinnert an die afghanischen und pakistanischen Taliban. Nicht zufällig wurden Nigerias Islamterroristen vor genau zehn Jahren mit dem Trainingscamp "Afghanistan" an der Grenze zu Niger ins Leben gerufen. Dort begannen schon 2004 Dschihad-Veteranen aus dem afghanischen Kampf gegen die Sowjets junge Männer für den Kampf gegen "Ungläubige" auszubilden.

Das Schlagwort für diesen Terror, Boko Haram, ist aus der westafrikanischen Hausa-Sprache und dem Arabischen zusammengesetzt. Haram benennt als islamisch-arabischer Fachausdruck alles Verbotene. Davon leitet sich auch das Lehnwort Harem ab. Der Zugang zu dessen Frauen ist nur dem Besitzer erlaubt und anderen Männern verboten.

Boko bezeichnet die lateinische Schreibung der früher mit arabischen Buchstaben aufgezeichneten Hausa-Sprache. Mit dem Vordringen der Kolonialmächte in die Sahelzone wurde im 19. Jahrhundert dort auch das arabische Alphabet zurückgedrängt. Boko steht besonders für alle Bücher, die von Missionaren ins heutige Nigeria gebracht wurden, und damit im weiteren Sinn für die gesamte christlich-abendländische, westliche Bildung. Die Kampfrichtung der Boko Haram ist damit programmatisch vorgegeben: Kampf gegen alle Bildungsstätten außer Moscheeschulen, Kampf gegen jede Frauenbildung und Kampf gegen die nigerianischen Christen.

Unmittelbar nach Nigerias Rückkehr zur Demokratie 1999 hatten in den nördlichen und einigen mittleren Bundesstaaten Polit-Muslime den Freiraum genutzt. Sie machten sich daran, gewaltsam das islamische Recht einzuführen. Boko Haram etablierte sich rasch als eine brutale Miliz zur gewaltsamen Durchsetzung dieser Scharia. Im Sommer 2009 war diese stark genug, um ihre bis dahin vereinzelten Attacken auf breitflächige Operationen auszuweiten. Sie konnten die Stadt Maidaguri nahe der Grenze zu Kamerun vorübergehend in ihre Gewalt bringen. Während ihrer Schreckensherrschaft wurden dort 780 Christen, aber auch moderate Muslime ermordet. 2010 verübte Boko Haram im benachbarten einstigen Sultanat Bauchi das erste Christenmassaker mit 39 Toten und hunderten Verletzten.

Seit 2011: Bomben auf Kirchen

Während der nigerianischen Präsidentschaftswahlen 2011 erweiterten die Terroristen ihre Methoden um Bombenanschläge. Neben Polizeiposten und schließlich sogar dem Polizeihauptquartier in der Hauptstadt Abuja kam schon damals die erste Kirche an die Reihe.

Neujahr 2012 stellte das Terrornetz allen Christen ein Ultimatum, die Nordstaaten des Landes binnen drei Tagen zu verlassen. Danach würden diese systematisch "christenrein" gemacht. Gesagt - getan: In den letzten zweieinhalb Jahren vergeht keine Woche ohne blutige Angriffe mit Bomben, Granaten und Schnellfeuerwaffen auf Kirchen, Gemeindehäuser, christliche Schulen und Sozialdienste.

Inzwischen änderte Boko Haram seinen Namen offiziell in "Dschamaa al-Ahl-as-Sunna wa l'il-Dschihad", was auf Arabisch heißt: Volksgemeinschaft der Sunniten für den Heiligen Krieg. Diese Selbstbezeichnung weist darauf hin, dass Boko Haram nicht nur eine Frucht moderner Re-Islamisierung darstellt, sondern tiefere Wurzeln hat. Weitgehend zu Unrecht gelten die afrikanischen Muslime der Sahelzone als besonders friedlich, angeführt von spirituellen Heiligen, den Marabut. Tatsächlich waren zwar einige dieser Marabut mystische Einsiedler, noch mehr von ihnen jedoch militärische Anführer bei den islamischen Ausbreitungskämpfen Richtung Schwarzafrika.

Die historischen Dschihad-Staaten

Der französische Muslim-Freund Charles de Foucauld (1858-1916) musste das am eigenen Leib erfahren. Er ging als christlicher Marabut in die Sahara, wurde dort aber von militanten Sanussi-Derwischen ermordet. Schon viel früher waren gerade die Gebiete, in denen heute Boko Haram haust, von einer ganzen Serie an Dschihads heimgesucht. Das Hirtenvolk der Fulbe hatte um 1700 gänzlich den Islam angenommen. Hundert Jahre später machte es sich dessen Lehre vom Heiligen Krieg zunutze, um in seinem Namen auf der Suche nach besseren Weiden südwärts vorzustoßen. Sie beschuldigten die Unterworfenen, Heiden oder schlechte Muslime zu sein, vertrieben sie von ihrem Land und errichteten die sogenannten Dschihad-Staaten am mittleren und unteren Niger. Mächtigster davon wurde Sokoto, das ziemlich genau mit dem heutigen Aktionsgebiet von Boko Haram zusammenfiel.

Erst Briten, Franzosen und im heutigen Kamerun auch die Deutschen beendeten diese Dschihad-Reiche. Die Erinnerung an eine gewalttätige islamische Vergangenheit ist nie erloschen. Daran kann Boko Haram jetzt so verheerend anknüpfen.