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Feuilleton

Brunetti auf Maigrets Spur

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Donna Leon schreibt atmosphärischer denn je.

Auch Commissario Brunetti hat Vorurteile, da schauen die Leser von Donna Leon. Auf die Pellestrinos blickt er so hochmütig herab wie jeder stolze Venezianer, wenn auch aus anderen Gründen als seine literarische Mama Donna Leon. Seine Vorurteile sind traditioneller, ihre moderner und tierschützerischer Art. Er hält die Pellestrinos einfach für wenig helle. Sie hingegen lässt durchblicken, jemandem, der ein Leben lang Hekatomben von Fischen umgebracht hat, falle vielleicht auch das Auslöschen eines menschlichen Lebens leichter als anderen. Und die Krimi-Handlung, die sie sich für ihren Jubiläumsroman "Das Gesetz der Lagune" ("Commissario Brunettis zehnter Fall") einfallen ließ, verifiziert sozusagen diese Unterstellung.

Pellestrina ist die entferntere der beiden langgestreckten Inseln, die Venedig vor dem offenen Meer schützen. Die Intelligenz, mit der hier ein schurkischer Fischer Konkurrenten metzelt, bleibt tatsächlich um viele IQ-Punkte hinter jener der meisten Täter zurück, mit denen es Brunetti bisher zu tun bekam. Nicht die Raffiniertheit des Verbrechens, sondern das eiserne Schweigen der Pellestrinos hätte die Aufklärung um ein Haar verhindert. Wie alle anderen Romane Donna Leons kann man auch diesen auf verschiedene Weisen lesen: Als literarischen Report über verkommene politische und soziale Zustände, als Innenansicht von Menschen, die unter diesen Zuständen leiden, aber leben müssen, oder einfach als spannenden Krimi. In letzterer Hinsicht bleibt das Buch so wenig schuldig wie seine Vorgänger, doch ist es, scheint mir, bis jetzt ihr stimmungsgeladenster Krimi. Die Sparsamkeit, mit der sie Atmosphäre erzeugt, erinnert an die Maigret-Romane von Georges Simenon, die dem Metier des psychologischen literarischen Kriminalromans nach wie vor den Maßstab setzen.

Die Autorin taucht - und sie weiß wohl, worüber sie schreibt - in eine Welt ein, in der die Folgen der ökonomischen Entwicklungen voll zuschlagen, während die sozialen an ihr vorbeigehen. Frauen haben hier nichts zu reden, und wenn sie von einer anderen Insel in der Lagune stammen, sind sie überhaupt das Letzte. "Sie war von Murano, sie galt nichts" sagt Bonsuan - er wird uns nie wieder begegnen - über die Frau eines Fischers. Für die Pellestrinos, vor allem die älteren, gibt es keine Alternative zur Fischerei. Sie haben nichts anderes gelernt, der Boden gibt nichts her, und auf dem Festland hat man nicht auf sie gewartet. Das bedeutet Kampf um den Fisch bis aufs Messer. Dabei können sie von ihren Fängen noch gut leben, aber nur, wenn sie sich weder um Fangverbote noch um die Verseuchung durch die in der Lagune angesammelten Gifte scheren. Am schlimmsten sind die Vongolare, die Muschelfischer, die mit ihren metallenen Sieben die Muschelbänke wieder und wieder umschaufeln, schweren Schaden anrichten und ihre eigene Lebensbasis untergraben. Brunetti isst sie noch unbekümmert um seine Gesundheit, die geliebten Spaghetti alle Vongole des Venezianers, aber sein Adlatus Vianello hat sich längst mit Grausen von allem, was aus dem Meer kommt, abgewandt. Aus Sorge um sein eigenes Wohl, nicht um das der Umwelt.

"Das Gesetz der Lagune" endet ebenso überdreht wie filmreif. Vorher aber liefert Donna Leon mit der Schilderung eines kurzen, aber mörderischen Sturms ein kleines Meisterstück von Naturschilderung. Wie sie den Bootsführer sagen lässt, es gefalle ihm nicht, wie der Tag sich anfühlt, der Wind rieche nach Bora, obwohl in der Zeitung von Schönwetter und steigenden Temperaturen die Rede war, wie plötzlich eine tief herunterhängende Wolkenbank die Türme von Venedig verschluckt und eine finstere Wand sich auf drei Menschen in einem Boot zuwälzt, wie plötzlich ein Tosen von Blitzen, Sturm und Regen einsetzt und die Fischer in der Sicherheit einer Bar vom Jahr 1927 zu reden beginnen, in dem es Elio Magrini in genau so einem Sturm erwischte, das ist schon sehr gekonnt. Donna Leon zählt zur raren Sorte jener Krimiautoren, bei denen es stets mehr auf das Wie als auf das Was ankommt.

DAS GESETZ DER LAGUNE

Roman von Donna Leon

Diogenes Verlag, Zürich 2002

322 Seiten, Ln., e 000,-

Donna Leon schreibt atmosphärischer denn je.

Auch Commissario Brunetti hat Vorurteile, da schauen die Leser von Donna Leon. Auf die Pellestrinos blickt er so hochmütig herab wie jeder stolze Venezianer, wenn auch aus anderen Gründen als seine literarische Mama Donna Leon. Seine Vorurteile sind traditioneller, ihre moderner und tierschützerischer Art. Er hält die Pellestrinos einfach für wenig helle. Sie hingegen lässt durchblicken, jemandem, der ein Leben lang Hekatomben von Fischen umgebracht hat, falle vielleicht auch das Auslöschen eines menschlichen Lebens leichter als anderen. Und die Krimi-Handlung, die sie sich für ihren Jubiläumsroman "Das Gesetz der Lagune" ("Commissario Brunettis zehnter Fall") einfallen ließ, verifiziert sozusagen diese Unterstellung.

Pellestrina ist die entferntere der beiden langgestreckten Inseln, die Venedig vor dem offenen Meer schützen. Die Intelligenz, mit der hier ein schurkischer Fischer Konkurrenten metzelt, bleibt tatsächlich um viele IQ-Punkte hinter jener der meisten Täter zurück, mit denen es Brunetti bisher zu tun bekam. Nicht die Raffiniertheit des Verbrechens, sondern das eiserne Schweigen der Pellestrinos hätte die Aufklärung um ein Haar verhindert. Wie alle anderen Romane Donna Leons kann man auch diesen auf verschiedene Weisen lesen: Als literarischen Report über verkommene politische und soziale Zustände, als Innenansicht von Menschen, die unter diesen Zuständen leiden, aber leben müssen, oder einfach als spannenden Krimi. In letzterer Hinsicht bleibt das Buch so wenig schuldig wie seine Vorgänger, doch ist es, scheint mir, bis jetzt ihr stimmungsgeladenster Krimi. Die Sparsamkeit, mit der sie Atmosphäre erzeugt, erinnert an die Maigret-Romane von Georges Simenon, die dem Metier des psychologischen literarischen Kriminalromans nach wie vor den Maßstab setzen.

Die Autorin taucht - und sie weiß wohl, worüber sie schreibt - in eine Welt ein, in der die Folgen der ökonomischen Entwicklungen voll zuschlagen, während die sozialen an ihr vorbeigehen. Frauen haben hier nichts zu reden, und wenn sie von einer anderen Insel in der Lagune stammen, sind sie überhaupt das Letzte. "Sie war von Murano, sie galt nichts" sagt Bonsuan - er wird uns nie wieder begegnen - über die Frau eines Fischers. Für die Pellestrinos, vor allem die älteren, gibt es keine Alternative zur Fischerei. Sie haben nichts anderes gelernt, der Boden gibt nichts her, und auf dem Festland hat man nicht auf sie gewartet. Das bedeutet Kampf um den Fisch bis aufs Messer. Dabei können sie von ihren Fängen noch gut leben, aber nur, wenn sie sich weder um Fangverbote noch um die Verseuchung durch die in der Lagune angesammelten Gifte scheren. Am schlimmsten sind die Vongolare, die Muschelfischer, die mit ihren metallenen Sieben die Muschelbänke wieder und wieder umschaufeln, schweren Schaden anrichten und ihre eigene Lebensbasis untergraben. Brunetti isst sie noch unbekümmert um seine Gesundheit, die geliebten Spaghetti alle Vongole des Venezianers, aber sein Adlatus Vianello hat sich längst mit Grausen von allem, was aus dem Meer kommt, abgewandt. Aus Sorge um sein eigenes Wohl, nicht um das der Umwelt.

"Das Gesetz der Lagune" endet ebenso überdreht wie filmreif. Vorher aber liefert Donna Leon mit der Schilderung eines kurzen, aber mörderischen Sturms ein kleines Meisterstück von Naturschilderung. Wie sie den Bootsführer sagen lässt, es gefalle ihm nicht, wie der Tag sich anfühlt, der Wind rieche nach Bora, obwohl in der Zeitung von Schönwetter und steigenden Temperaturen die Rede war, wie plötzlich eine tief herunterhängende Wolkenbank die Türme von Venedig verschluckt und eine finstere Wand sich auf drei Menschen in einem Boot zuwälzt, wie plötzlich ein Tosen von Blitzen, Sturm und Regen einsetzt und die Fischer in der Sicherheit einer Bar vom Jahr 1927 zu reden beginnen, in dem es Elio Magrini in genau so einem Sturm erwischte, das ist schon sehr gekonnt. Donna Leon zählt zur raren Sorte jener Krimiautoren, bei denen es stets mehr auf das Wie als auf das Was ankommt.

DAS GESETZ DER LAGUNE

Roman von Donna Leon

Diogenes Verlag, Zürich 2002

322 Seiten, Ln., e 000,-