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Bücher und Brösel

Die Eröffnung der neuen Hauptbücherei in Wien am 7. April ist ein Markstein der Gürtel-Revitalisierung und eine große Bereicherung der Wiener Bibliotheken-Landschaft. Die Bundeshauptstadt beherbergt nicht nur National- und Universitätsbibliothek, auch die Klöster oder die Arbeiterkammer haben ihre Bücher-Reiche. Von der Verwunschenheit stiller Lesesäle zu Ausstellungs- und Kommunikationsräumen: Bibliotheken bleiben Zentren des kulturellen Gedächtnisses. Redaktionelle Gestaltung: Cornelius Hell

Die Bibliotheken in Wien werden immer mehr, immer riesiger, immer nutzloser. So zumutend müsste man im Sinne der klassischen Bibliotheks-Wissenschaften mit ihren Vorschriften-Massen, Geheim-Sprachen, Wertmaßstäben reden. Eine Bibliothek war noch bis vor zwei Dutzend Jahren ein eigenständiger Staat im Staatengefüge von Wissenschaft und Leselust/Lesezwang. Die Aufnahme kam gelegentlich einem Tempeleintritt gleich. Die Zunft der Bibliothekare (Frauen gab's dort genau so, man zählte sie aber nicht extra auf) war eine freundlich-abwehrende, eine "Wissenschaft mit para-klösterlicher Strenge". Dementsprechend ging's auch zu in den Räumen: Stille, Sauberkeit, Scheu, selbst das haptische Vergnügen am Gegenstand - und das mag bei Büchern, Plänen, Autografen oder Inkunabeln groß werden - voll gezügelt.

In Wien war's genau so wie in anderen Metropolen. Und Wien war natürlich anders.

Der Reichtum Wiens

Erstens gibt es hierorts im Vergleich zur Einwohnerzahl eine ungemein dichte Bibliothekslandschaft, öffentlich und halböffentlich und durchsetzt mit vielen Geheimtipps. Die Großreich-Historie des Landes hat eben Folgen. Zweitens waren (sind?) da Leute am Werk, die meist in einer höchst originellen Eigenständigkeit agieren, als Parallel-Spezialisten für Hirn- und Emotions-Bereiche in selbstgewählter Einsamkeit ohne Genügsamkeit und so quasi hinterrücks ziemlich viel zur subkutan verbreiteten Stadt-Wissenschaft und deren poetischen Sonderfällen beitragend. Und drittens ? Nun ja, Wien lässt die Aufgeregtheiten im Bibliothekarischen, die sich spätestens seit den genannten rund zwei Dutzend Jahren langsam über die Lese- und geistigen Registratur-Bereiche der so genannten westlichen Welt legen, zunächst relativ locker an sich vorüberziehen.

Was bisher wie eine rhetorisch notwendige Mischung aus Initial-Schelte und Initial-Lob zu lesen gewesen, das war nichts anderes als ein Tatsachenbefund in einer und für eine Stadt, die als Bibliotheksstadt keine Vergleiche zu scheuen braucht. Nicht mit London oder Moskau, nicht mit Washington oder Paris, auch nicht mit Berlin oder gar Rom.

Riesig stehen sie da, das schönste Gebäude am Josefsplatz und dahinter die Neue Hofburg in der Wien-Mitte. Die Zentralen für das, was so seltsam "National"-Bibliothek heißt, ohne dabei und zum Glück noch irgendwie im nationalen Riesenarchiv-Taumel vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte stecken zu bleiben. Rundum die Spezialsammlungen, manchmal sich räumlich und auch inhaltlich verschränkend mit jenen des Kunsthistorischen Museums und seinen vielen Sammlungs-"Planeten". Wien ist nämlich auch hier anders. Kaum sonst wo wäre im vergleichsweise kleinen Raum einer historischen Gebäudeansammlung in Downtown ein solcher Mix-up zu vermuten oder von Politikern mit Budget-Problemen zugelassen. Musiksammlungen, Theaterarchive, Bildergalerien, Hintergrundbibliotheken, die Buch-Zentrale Österreichs und zugleich die Zeugnisse der Exotismuslust Österreichs aus den letzten 600 Jahren, und, und, kunterbunt - eine scheinbar durcheinander gewürfelte Masse an Material, das sonst, sorgsam über halbe Kontinente verstreut, eifrig getrennt und fleißig aufgearbeitet worden wäre. Hier hat man schon Jahrhunderte gebraucht, um halbwegs trockene Keller als Magazine zu bauen.

Chaotische Vielfalt

Und um diesen, in alle Richtungen hin ausfransenden "National"-Schatz der Stadt und des Landes legt sich wie ein Gürtel der zweite Bibliotheksriese, wieder einer, der scheinbar nicht wirklich ein Zentrum hat, jener für die Hauptuniversität. Er ist das obligate Pilgerzentrum für die Scholaren und zugleich selbst der Kreismittelpunkt für Instituts-Bibliotheken. Und dasselbe passiert natürlich in den umliegenden "Grafschaften und Fürstentümern für Geist und Wissenschaft und Lesebedürfnis". Als Gürtel um den halben Karlsplatz für's Technische, in den äußeren Bezirken für Wirtschaft oder Tierwelt. Das Aufzählen der Wiener Sammlungen sprengte sowieso jeden Zeitungsartikel.

Bloß weiterspaziert: In der Arbeiterkammer kann es bibliotheksmäßig genau so spannend werden wie bei der Gesellschaft der Musikfreunde ein paar hundert Meter weiter unten. Das Stadtarchiv Wiens residiert nun adäquat im neuen In-Viertel von Wien, in einem Gasometer. Die Stadtklöster sind bibliophile und inhaltschwere "Schatz"-Klöster, die Musikuniversität als überregionaler Hort für gedruckte Kultur residiert zwischen den Bezirksmuseen. Und zehn, zwölf, zwanzig wichtige Sammlungen können jetzt gar nicht mehr genannt, dafür aber zurecht ein wenig beleidigt sein.

Und dann existiert noch ein scheinbares Paradoxon. Die Stadt Wien leistet sich neben ihrer räumlichen Trägerschaft für die wichtigsten Bibliotheken Österreichs auch noch Eigenes. Eine als Flaggschiff am Gürtel situierte neue Lese-Leih-Institution, zu der vorweg nur gratuliert werden muss (denn wer "leistet" sich heute noch eine frische Groß-Bibliothek?) Und - resortierend ganz woanders - die "Wiener Stadt- und Landesbibliothek" mit weltweit geachteten Musik-, Handschriften- und Plakatsammlungen. Man nennt sich dort die "wissenschaftliche Institution" der Stadt, ist aber voll zersplittert lokalisiert und leidet unter galoppierend schwindender Akzeptanz bei Lesern und Benützern. Sind jene neuen Büchereien ein Schmuckstück der Stadt, so ist die Stadt-Bibliothek eine Wunde.

Aber - Wien ist schließlich anders - man lässt sich gegenseitig sozusagen hängen. Trotz jährlicher Beteuerungen gibt es kein einheitliches Bibliothekskonzept, die EDV-Installationen wurden entweder gar nicht oder geheim oder ohne Systemabsprachen installiert, die schon mehrfach angedeuteten Umwälzungen in den letzten zwei Dutzend Jahren inhaltlich negiert, heruntergespielt, höchst individuell gelöst.

Verlust der Aura

Ja, natürlich: Um die Gefahr, "nutzlos" zu werden im alten Verständnis, weiß man. Denn durch das Internet wird die Aura eines Katalogzimmers, eines Lesesaales oder einer Freihandbibliothek mit all ihren Verwunschenheiten und Entdeckungsangeboten obsolet. Die Fragen stellen sich ganz neu: Es wird heute so viel gedruckt, elektronisch angeboten und auch gelesen, wie noch nie zuvor - allein: die Bibliotheken schlittern von einer Krise in die andere, ohne das überhaupt in der zutreffenden Schärfe zu realisieren. Grundsatzdiskussionen über Sammelrichtlinien etwa befinden sich erst (und oft schon zu spät) in den Ansätzen. Ist es überhaupt noch aktuell, Riesenbibliotheken weiter als Museen mit historischen Prachtstücken und zugleich als aktuelles Forum von Gedankenmassen zu führen? Sollen Bibliotheken (wieder) Katalysatoren und Ferment werden?

Wien ist anders. Auch in ganz praktischen Entwicklungen. Früher hat man mit verordneter Scheu den Leseplatz und seinen zugewiesenen Studienbereich betreten. Taschen-los. Speisen-los. Schlackenrein nur für Wissenschaft oder Lesevergnügen. Heute wirbelt man mit Riesensäcken herein - und die Fruchtmilchpackerln stehen neben den entlehnten Büchern, die Keksbrösel fliegen durch die sonst höchstens staubgetränkte Luft, und da und dort löffelt auch schon jemand mitgebrachten Salat aus einem Plastikhäferl.

Der Autor ist Ö1-Moderator und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Musiksammlung der Wiener Stadt- und Landesbibliothek.

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