Seit fünf Jahren wird jeweils am ersten Messetag der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen. Die sechs Belletristik-Nominierungen verbindet der Blick auf gesellschaftliche Umbrüche.

So, als hätte der Buchhandel die Krise noch gar nicht kennen gelernt, eröffnet die Leipziger Buchmesse in diesem Frühjahr mit grandiosen Zahlen: ungefähr 2100 Aussteller aus 38 Ländern finden sich von 12.-15. März laut Veranstalter heuer in der schönen Leipziger Messehalle ein, um Akteure des Literaturbetriebs und Leserinnen und Leser anzulocken. Im Messe-Programm sind mehr als 1900 Veranstaltungen mit rund 1500 Autoren angeführt. Solche Zahlen verdecken die Krise, die auch den Buchhandel nicht verschont. Solche Zahlen fördern aber nicht unbedingt den Verkauf, sondern überfordern möglicherweise die Leser.

Aufmerksamkeit erregen

Für Marketing ebenso wie für Medien -und zweitere braucht der Buchhandel für ersteres - sind Maßnahmen nötig, damit die Aufmerksamkeit potenzieller Buchkäufer gewonnen werden kann. Buchmessen mit allen begleitenden Veranstaltungen bringen das Buch für eine Zeit lang dorthin, wo es sich sonst selten findet: in die Nachrichten. Messen bedeuten aber Massen und Überblick gewinnt man da kaum. Um Aufmerksamkeit zu erregen, erfand man daher Themen-Schwerpunkte, die die Buchproduktion der Verlage und das Interesse der Medien und Leser leiten. Dieses Jahr ist die Erinnerung an "die friedliche Revolution" vor 20 Jahren - die Montagsdemonstrationen und der Fall der Mauer - als ein Leipziger Schwerpunktthema naheliegend.

Ein anderes Instrument sind Preise. Vordergründig dienen sie dazu, Autoren einmalige Geldspritzen zu verabreichen. Sie sind damit Teil eines Subventionssystems, das ungleichmäßig tröpfelt und nicht alle mit dem Segen, der gebraucht wird oder verdient ist, bedenkt. Nicht zu unterschätzen aber ist die Funktion von Buchmessen-Preisen als Marketinginstrument. Juroren wählen aus einer Unzahl von Werken einige wenige aus und lange bevor die Preisträger bekannt gegeben werden, klebt der Buchmarkt den Büchern das Etikett "nominiert für" werbewirksam auf. Über Auswahl lässt sich immer trefflich streiten - dass Auswahl wirkt, ist unbestritten.

Eine Regel bei all dem scheint zu sein: Bekannt und groß wird, was bekannt und groß ist. Autoren aus kleinen Verlagshäusern haben es schwer, den Juroren aufzufallen.

Nominierungen machen aber noch anderes sichtbar, zum Beispiel, welche Erwartungen Akteure des Literaturbetriebs an Literatur richten. Aus den Leipziger Juryentscheidungen der beiden letzten Jahre war ein Interesse zu erkennen an der Bedeutung der Literatur, "gesellschaftliche Umbrüche unserer Gegenwart sichtbar" zu machen, wie es etwa 2007 in der Begründung anlässlich der Preisverleihung an Ingo Schulze hieß. Als Clemens Meyer im Vorjahr mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, bescheinigte man seinen Storys, sie kreisten "um Figuren nicht nur vom Rand der Gesellschaft, aber allesamt im Absturz begriffen, jeder in seiner Einsamkeit getrieben von einer unerklärten Drift zum Scheitern". Diese Tendenz, den Blick vor allem auf die gesellschaftliche Dimension (und - wie in diesem Fall - das Scheitern der Individuen darin) zu richten, lässt sich auch beim Deutschen Buchpreis erkennen, der in Frankfurt verliehen wird. Auf Interesse stoßen zudem große Geschichtsromane. Im vergangenen Herbst wurde bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises an Uwe Tellkamp auf die "Aromen, Redeweisen und Mentalitäten der späten DDR" hingewiesen, die sein Roman "Der Turm" den Lesern erschließe.

An die Monumentalität dieses Werkes scheint Reinhard Jirgls Roman "Die Stille" (Hanser) anzuschließen, der sich heuer unter den sechs in der Kategorie Belletristik nominierten Titel des Preises der Leipziger Buchmesse findet. Überhaupt scheint es zurzeit kein Erschrecken vor umfangreichen Büchern und Familiengeschichten zu geben. In hundert Fotografien erzählt Jirgl nicht weniger als das 20. Jahrhundert. Das taten vor ihm schon andere, Jirgl tut es mit seiner sehr eigenen, gewohnt irritierenden Sprache, die Worte zusammenzieht, die er zusammensieht (etwa Diesonne, Tageundnächte oder Derkrieg), oder die mit Frage- und Rufzeichen nicht Sätze ausbegleitet, sondern Worte einleitet. Darin unterscheidet sich Jirgls Roman auffällig von den anderen nominierten Werken, die schlanker und publikumsgefälliger daherkommen. Thematisch sind aber alle sechs Romane dazu geeignet, als gesellschaftliche Diagnosen gelesen zu werden.

Sehr direkt will diese Bedeutung Julia Schoch vermitteln. Ihr schmaler Roman "Mit der Geschwindigkeit des Sommers" (Piper) blickt in das verlassene Land des deutschen Ostens. Schoch genügt als Romanstoff ein Menschenleben, nämlich das der Schwester der Ich-Erzählerin, die zum ersten Mal in ihrem Leben diesen Landschafts- und Lebensraum verlässt und nach New York geht - um sich dort umzubringen.

Mit dem "Osten" hat Wilhelm Genazinos Held in "Das Glück in glücksfernen Zeiten" (Hanser) nichts zu tun, ein promovierter Philosoph mit der Fähigkeit zu brillanten (Selbst)Analysen, der es vom Ausfahrer bis zum Organisationsleiter einer Großwäscherei geschafft hat. Hier kippt aber auch ein Leben aus der Bahn. Die Katastrophe beginnt für ihn mit dem Kinderwunsch seiner langjährigen Lebensgefährtin, und weil auch das Unglück in glücksfernen Zeiten selten allein kommt, verliert dieser Held seinen Job und endet in der Psychiatrie.

Die Form zeichnet aus

Demgegenüber liest sich Daniel Kehlmanns Roman "Ruhm" (Rowohlt) wie eine kühle Versuchsanordnung. Auch er tritt aber mit seinem "Roman in neun Geschichten" und dem wiederbelebten Spiel mit Autor und Figuren nicht aus dem Raum der Zeitdiagnose, wenn er von den Kommunikations(un)möglichkeiten in einer technik-, vor allem handyabhängigen Zeit erzählt.

Andreas Maiers Blick in die Gesellschaft hingegen ist bekannt, manche nennen seine Romane gar "Milieustudien". In "Sanssouci" (Suhrkamp) kann man Potsdam literarisch gespiegelt finden, prägender aber sind die Gespräche über Glauben und Wahrheit, die seine Protagonisten führen. Regisseur Hornung, mit dem alle Figuren irgendwie verbunden sind, ist abwesend, weil tot.

Abwesend ist auch der Vater in Sibylle Lewitscharoffs Roman "Apostoloff" (Suhrkamp) und religiöse Motive finden sich auch hier, allerdings weniger wahrheitsverbissen. Jahre nach seinem Freitod wird der Vater mit anderen toten Exilbulgaren in die Heimat überführt. Zwei Schwestern auf der Fahrt durch Bulgarien, chauffiert von Apostoloff: Lewitscharoffs Roman ist sprachlich versiert und unterhält vortrefflich. Die Autorin erzählt eine aberwitzige Reise nach Bulgarien, in das Herkunftsland ihres Vaters: unterhaltsam und scharfsinnig, respektlos und sensibel, wütend und spritzig. Sie beweist damit, dass zuallererst nicht die Themen die Literatur auszeichnen - seien sie nun Zeitdiagnose oder nicht -, sondern die Form.

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