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BUNTES LITERATURLAND BRASILIEN

1945 1960 1980 2000 2020

BRASILIEN ZU GAST AUF DER FRANK-FURTER BUCHMESSE: EIN BLICK IN NEUE ROMANE.

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BRASILIEN ZU GAST AUF DER FRANK-FURTER BUCHMESSE: EIN BLICK IN NEUE ROMANE.

Pero Vaz de Caminha, Schiffsschreiber von Pedro Alvarez Cabral, schrieb im Jahr 1500 einen Brief und erzählte darin von der Entdeckung Brasiliens. Mit diesem Schriftstück beginne die brasilianische Literatur, so kann man es in Kultur- und Literaturgeschichten lesen -und damit wird weggewischt, was an mündlicher Literatur vor Eintreffen der Portugiesen lebte und zusammen mit den Menschen, denen die Europäer Krankheit und Tod brachten, ausstarb.

Selbst was in folgenden Jahrhunderten als "brasilianische" Literatur bezeichnet werden wird, ist eine Literatur "danach" und kolonial geprägt, auch durch die Kultur der afrikanischen Sklaven, die bald nach Ankunft der Portugiesen ins Land geschleppt wurden. Und nachdem Jahrhunderte später Brasilien seine Unabhängigkeit von Portugal erklärt hatte, konnte die Literatur noch so sehr brasilianisch und identitätsstiftend sein wollen: Brasilien ist und bleibt ein buntes Gemisch, und somit auch ein lebender und besonders auffälliger Beweis, dass Kulturen wachsen, sich verändern, sich mischen, neue Blüten treiben.

Im Singular lässt sich daher nicht von der brasilianischen Literatur sprechen, angesichts der Größe des Landes mit seinen 198 Millionen Einwohnern und der ungeheuren Vielzahl der Sprachen und Ethnien. Auch die lateinamerikanische Literatur gibt es nicht, sie sei eine Fiktion, meinte der brasilianische Schriftsteller João Ubaldo Ribeiro, Autor des Romans "Brasilien, Brasilien", der soeben neu aufgelegt erschienen ist (Suhrkamp 2013).

Unsichtbare Bevölkerung

In dieser bunten Kultur Brasiliens scheint die indigene Bevölkerung aber geradezu unsichtbar. Das thematisierte Paulo Scott in seinem Roman "Unwirkliche Bewohner"(Wagenbach 2013). Der Jusstudent Paulo trifft auf der Straße zufällig auf eine Guariní-Indianerin. Mit Maína und Paulo beginnt die Annäherung zweier Welten, die vielleicht erst im Sohn Donato zusammenfinden, mit dem schließlich auch die Legenden der Guaraní weiterleben.

Dass Scott seinen formal originellen Roman mit einer ausführlichen Fußnote zum Jahr "neunzehnhundertneunundachtzig" beginnt, verweist auf die Hoffnungen, die sich junge Brasilianer damals in Bezug auf ein neues Brasilien machten. Die Realität, die man heute vorfindet, entspricht den Träumen von damals aber nicht. "Müsste Paulo ein Resümee ziehen über seine Zeit als politischer Aktivist, würde er sagen, dass sie den Übergang von einer absoluten Idealisierung zu einem unvergleichlichen Zynismus darstellt und schließlich in den letzten Monaten zur Flucht in die Melancholie geführt hat." Mit diesem Satz setzt der Roman ein, und die junge Indianerin, die Paulo dann am Straßenrand kaum sieht, "weil der Regen sich in ein Unwetter verwandelt hatte", kauert neben der Straße und presst Zeitungen und Zeitschriften an die Brust, die sie sammelt, um Portugiesisch zu üben.

"Die Brasilianer arbeiten wie Sklaven und werden zu gering bezahlt, um genug für Ernährung und Kleidung zu sorgen. Sie leben unter miserablen Bedingungen, haben zu wenig Aussichten im Bildungssystem. ... Es ist einfach, ein Volk zu regieren, das zwar Bildung formal als wichtig erachtet, aber nicht lernt, die richtigen Fragen zu stellen", wird der Autor Paulo Scott im Deutschlandfunk zitiert.

Globalisierte Literatur

In die Romane, die anlässlich der Frankfurter Buchmesse als Übersetzungen in großen deutschen Verlagen erschienen sind, scheint das, was medial in den vergangenen Monaten Aufmerksamkeit erlangte, die Protestbewegungen gegen Armut und Korruption, erstaunlich wenig Eingang zu finden. Dabei war Armut bisher durchaus Thema der Literatur. Auch Klassiker werden zu Buchmessen neu aufgelegt:

(1866-1909) 1902 veröffentlichter Roman "Krieg im Sertão" ist soeben in einer Neuauflage erschienen (Suhrkamp 2013). Jorge Amados (1912-2001) Erzählung "Der Tod und der Tod des Quincas Berro Dágua" und den Roman "Die Abenteuer des Kapitäns Vasco Moscoso" gibt es nun unter dem Titel "Zwei Geschichten von der See" (S. Fischer 2013).

Auch formal scheinen die neuen Romane auffallend globalisiert. Deutlich in die Tradition des magischen Realismus stellt allerdings Andréa del Fuego ihren Roman "Geschwister des Wassers"(Hanser 2013), in dem sie naturwissenschaftlich und historisch Reales ins Mythische überführt. Die Geschichte der drei Geschwister Nico, Antônio und Júlia setzt mit dem Tod der Eltern durch Blitzschlag ein. Das wird naturwissenschaftlich nüchtern und präzis erzählt und spannt inhaltlich den Bogen zu jener Erfindung, die bald die gesamte Landstruktur der Serra Morena Anfang des 20. Jahrhunderts verändern wird: Brasiliens Kerzen werden nämlich durch Glühbirnen ersetzt, die Städte wachsen, die Landstriche werden leerer, weil die Familien hinter den Glühbirnen herziehen. Die 1975 geborene Autorin richtet ihren Blick dabei doch auf ärmliche Verhältnisse, thematisiert Kindesraub und -weglegung, benennt das Schicksal der Frauen, die sich als Reinigungskräfte in der Toilette durchschlagen müssen, die auch als Kinderhandelsplatz fungiert.

Manche Romane könnten allerdings überall stattfinden. Carola Saavedras Roman "Landschaft mit Dromedar"(C. H. Beck 2013) besteht aus besprochenen Tondokumenten. Da hat sich eine auf eine Insel zurückgezogen und spricht nun ihren ehemaligen Geliebten an. Die subjektive Darstellung der Geschichte der Sprechenden wird nur durch "Regieanweisungen" unterbrochen, die die zu hörenden Geräusche beschreiben.

Ende einer Ära

Wenngleich die aktuellen Protestbewegungen und der Grund dafür nicht explizit in den literarischen Räumen auftauchen, politisch Relevantes findet sich dennoch. Brasiliens Fazenda-Gesellschaft etwa wird in Chico Buarques Roman "Vergossene Milch"(S. Fischer 2013) wiederbelebt, aus der ebenso vereinnahmenden wie verstörenden Perspektive des alten Eulálio d'Assumpção, der mit Schmerzen im Krankenhausbett liegt und dem in seinen Monologen die Realität mit dem Traum, die Vergangenheit mit der Gegenwart verschwimmt.

"Hier interessiert keinen Menschen, dass mein Ururgroßvater zufällig mit dem portugiesischen Königshof nach Brasilien gekommen ist", jammert der Alte in seinem Krankenbett. Die Ära, in der er seine Güter besaß und der Name der Familie noch alle Türen geöffnet hat, ist vorbei. Es geht um "Vergossene Milch", durchaus auch im wörtlichen Sinn.

Der Großvater ist ein "hohes Tier im Kaiserreich, Freimaurer-Meister und radikaler Gegner der Sklaverei" und erhält damit womöglich die Sympathien einer politisch korrekten westlichen Leserin. Dann startet er eine Kampagne für die Gründung von Neu Liberia, damit die Schwarzen dorthin zurückgeschickt werden könnten, peitscht aber seinen Sklaven aus und legte sich zu den Sklavinnen, während seine Frau vor Rheumaschmerzen wimmert.

Dieses Prinzip der Entblätterung macht auch vom Ich-Erzähler immer mehr sichtbar: Auch ihm ist Gewalttätigkeit nicht fremd und seine vorgebliche Liebe zu seiner Frau erscheint in immer düstererem Licht. Durch die radikal subjektive Perspektive, in der Fantasiertes und Erinnertes in eins fallen, entlarven sich menschenverachtende Abgründe erst nach und nach. Die Erzählperspektive macht zudem die Vergangenheit präsent.

Jüdische Geschichten

Auch die Geschichten europäischer Einwanderer, die Brasilien prägen, werden erzählt. Der 1968 geborene Schriftsteller, Journalist und Rechtsanwalt Ronaldo Wrobel geleitet mit seinem Roman "Hannahs Briefe" (Aufbau 2013) in das Brasilien der 1930er-Jahre. Max Kutner, ein unpolitischer Schuster, wird von der Geheimpolizei engagiert, um jiddische Briefe von Exilanten zu übersetzen. Dabei verliebt er sich in eine der Briefschreiberinnen, Hannah, die sich just als Witwe jenes Mannes entpuppt, dessen Namen er trägt.

Der Roman, dessen Wendungen nicht immer überzeugen, bietet interessante Einblicke in ein unschönes Kapitel brasilianischer Geschichte, das mit dem europäischen eng zusammenhängt. Er erzählt zudem eine Geschichte, die sich erschreckend aktuell liest: Frauen aus armen polnischen Verhältnissen werden mit Heiratsversprechen aus dem Land gelockt und landen in Bordellen. Wrobels Roman erinnert zudem an das Misstrauen gegen die jüdischen Einwanderer, von dem auch Michel Laubs Roman "Tagebuch eines Sturzes"(Klett-Cotta 2013) erzählt.

Der 1973 geborene Journalist und Schriftsteller Michel Laub nimmt drei miteinander verflochtene Generationen jüdischer Männer in den Blick: Großvater, Vater und Sohn und ihre Lebenserfahrungen. Die Thematik ist Lesern deutschsprachiger Literatur vertraut: die Verweigerung der Enkelgeneration, sich mit Auschwitz auseinander zu setzen und die Geschichtslast zu tragen, die "Holocaustleugner", die sich im Internet tummeln, die Allgegenwärtigkeit von Auschwitz für die Überlebenden, die daran zugrunde gehen, das Schweigen. Die geschriebene Erinnerung des Großvaters, der Auschwitz überlebt hat, erweist sich als Erfindung, und sie steht im Gegensatz zu dem, was er erlebt hat: "In den Heften meines Großvaters war das Brasilien von 1945 ein Land, in dem nie Sklaverei geherrscht hatte. Kein Regierungsbeamter versuchte zu verhindern, dass Kriegsflüchtlinge ins Land kamen."

Tod und Verschwinden

Vor allem Kriminalromane thematisieren nach wie vor Gewalt und Mord. "Bevor ich lernte, dass Menschen sterben, hatte ich gelernt, dass sie verschwinden. Sie gehen aus dem Haus und lösen sich in Luft auf", weiß der Ich-Erzähler in Patrícia Melos Roman "Leichendieb" (Tropen 2013). Durch einen Zufall gerät er auf die schiefe Bahn.

Für Hinterbliebene bleiben Verschwundene die ewig offene Wunde, auch weil es keinen Ort gibt, wo sie begraben sind. Das ist auch Thema von Daniel Galeras Roman "Flut" (Suhrkamp 2013), der mit dem Tod des Onkels des Ich-Erzählers beginnt. Er ertrank, als er versuchte, eine Frau zu retten. Die Leiche wurde nie gefunden. Den Rahmen bildet der Ich-Erzähler, der ihn nie kennengelernt hat und aufbricht, um in dem Ort an der Küste Menschen zu befragen, die ihn kannten. Der Onkel war nach dem Selbstmord seines Vaters selbst in den Ort gezogen, um zu suchen: Spuren seines angeblich verstorbenen Großvaters. Der Enkel stößt auf Schweigen. Um zu erinnern, muss man "sich erinnern wollen."

Flut Roman von Daniel Galera Übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner. Suhrkamp 2013. 425 S., geb., € 23,60

Tagebuch eines Sturzes Roman von Michel Laub. Übersetzt von Michael Kegler. Klett-Cotta 2013. 176 S., geb., € 20,60

Vergossene Milch Roman von Chiquo Buarque Übersetzt von Karin von Schweder-Schreiner. S. Fischer 2013. 208 S., geb., € 20,60

Unwirkliche Bewohner Roman von Paulo Scott. Übersetzt von Marianne Gareis. Wagenbach 2013.256 S., geb., € 20,50

Geschwister des Wassers Roman von Andréa del Fuego. Übersetzt von Marianne Gareis. Hanser 2013.208 S., geb., € 18,40

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