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Feuilleton

Callahans Reise durch die Nacht

1945 1960 1980 2000 2020

Mit "Don't Worry, weglaufen geht nicht" gelingt Gus Van Sant einmal mehr eine exzeptionelle Filmbiografie: des querschnittgelähmten Zeichners John Callahan.

1945 1960 1980 2000 2020

Mit "Don't Worry, weglaufen geht nicht" gelingt Gus Van Sant einmal mehr eine exzeptionelle Filmbiografie: des querschnittgelähmten Zeichners John Callahan.

Gus Van Sant ist zweifellos ein gutes Händchen zu bescheinigen, wenn er das Leben einer gesellschaftlich gebrochenen Existenz seinem Publikum nahebringt. Diesseits des Atlantiks kommt noch dazu, dass er Protagonisten, die nicht so im Fokus allgemeiner Wahrnehmung liegen, in selbigen zu holen imstande ist.

Das war etwa bei "Milk", dem Biopic über den legendären schwulen Politiker der 1970er-Jahre so. Bei diesem Film aus dem Jahr 2008 gelang es Van Sant auch, Hauptdarsteller Sean Penn in der Rolle des Harvey Milk zu darstellerischen Höhen zu treiben.

Ähnliches ist bei "Don't Worry, weglaufen geht nicht" zu konstatieren, der verfilmten Geschichte des gelähmten Karikaturisten John Callahan (1951-2010). Hier kann der als Charakterdarsteller ohnehin schon kaum zu übertreffende Joaquin Phoenix noch mehr reüssieren: Wie dieser den querschnittsgelähmten Zeichner, der unterhalb der Brust bewegungsunfähig und inkontinent war und seine oberen Gliedmaßen auch nur sehr eingeschränkt verwenden konnte, darstellt, ist eine Leistung für sich -seine Maske übrigens auch.

Auch die Kunst der Vor- und Rückblende, das Ineinanderweben von Zeitebenen beherrscht Gus Van Sant meisterlich, und wie er seine Helden -allen voran Callahan und den von Jonah Hill kongenial dargestellten Mentor Donnie -ins Bild bringt, ist gleichfalls grandios.

Der in den 1970ern und 1980ern spielende Film holt die wilden Siebziger ebenso ins Gedächtnis zurück wie die Anfänge von Aids. Und ein Loblied auf die Anonymen Alkoholiker ist "Don't Worry " allemal. Der Plot beruht auf der gleichnamigen Autobiografie von John Callahan, der seinen Werdegang schildert: über die Alkoholsucht -den Autounfall mit 21 -das Trockenwerden via Anonyme Alkoholiker und Donnie - das Entdecken seines Talents als Karikaturist, der dann angefeindet wurde, weil er sich über Religion, Behinderte und was damals sonst noch politisch korrekt war, hinwegsetzte. Schließlich trat Callahan auch vor vollen Sälen auf und erzählte von der Art und Weise, wie er seine Krankheiten -Querschnittslähmung und Alkoholismus -in den Griff bekam.

Geflunkert -aber nur ein wenig Die historische Wahrheit der Geschichte, das hat auch Gus Van Sant angemerkt, ist cum grano salis zu nehmen: "Uns wurde später klar, dass John oft geflunkert hat, sowohl im Buch, als auch was er uns an Geschichten erzählte. Er hat gern einmal übertrieben. Man wusste nie, wann er von der tatsächlichen Geschichte abwich und einfach Sachen dazu erfand. Ihm war es auch egal, weil er ein Entertainer war." Van Sant, der ebenso wie Callahan in Portland lebt, kannte den Karikaturisten, der 2010 an einer Operation starb.

Neben John Callahan spielt Donnie die zentrale Rolle in dem Film. Der wie ein Reservechristus daherkommende reiche Schwule versammelt in seinem Domizil eine ausgewählte Gruppe Anonymer Alkoholiker, zu der auch John stößt. An seiner religionsübergreifenden religiösen Weltsicht kann auch John genesen -und sich und seiner Welt verzeihen.

Es ist eine Männergeschichte, die Gus Van Sant hier erzählt - auch wenn natürlich Frauen nicht außen vor bleiben. Rooney Mara spielt die ätherische Schwedin Annu, die Johns Geliebte wird, der sich sein alkoholisiertes Leben lang nach Liebe gesehnt hat -und seiner leiblichen Mutter nicht verzeihen kann, dass sie ihn als uneheliches Kind weggegeben hatte. Das zerrüttete Johns Verhältnis zu seinen Adoptiveltern. Die leibliche Mutter, von der er nur wusste, dass sie Irin, rotblond und Lehrerin war, bleibt das Objekt der Sehnsucht von John Callahan, dem dieser Film wahrlich ein Denkmal setzt.

Don't Worry, weglaufen geht nicht (Don't Worry, He Won't Get Far on Foot) USA 2018. Regie: Gus Van Sant. Mit Joaquin Phoenix, Jonah Hill, Rooney Mara, Jack Black, Udo Kier. Polyfilm. 113 Min.

Gus Van Sant ist zweifellos ein gutes Händchen zu bescheinigen, wenn er das Leben einer gesellschaftlich gebrochenen Existenz seinem Publikum nahebringt. Diesseits des Atlantiks kommt noch dazu, dass er Protagonisten, die nicht so im Fokus allgemeiner Wahrnehmung liegen, in selbigen zu holen imstande ist.

Das war etwa bei "Milk", dem Biopic über den legendären schwulen Politiker der 1970er-Jahre so. Bei diesem Film aus dem Jahr 2008 gelang es Van Sant auch, Hauptdarsteller Sean Penn in der Rolle des Harvey Milk zu darstellerischen Höhen zu treiben.

Ähnliches ist bei "Don't Worry, weglaufen geht nicht" zu konstatieren, der verfilmten Geschichte des gelähmten Karikaturisten John Callahan (1951-2010). Hier kann der als Charakterdarsteller ohnehin schon kaum zu übertreffende Joaquin Phoenix noch mehr reüssieren: Wie dieser den querschnittsgelähmten Zeichner, der unterhalb der Brust bewegungsunfähig und inkontinent war und seine oberen Gliedmaßen auch nur sehr eingeschränkt verwenden konnte, darstellt, ist eine Leistung für sich -seine Maske übrigens auch.

Auch die Kunst der Vor- und Rückblende, das Ineinanderweben von Zeitebenen beherrscht Gus Van Sant meisterlich, und wie er seine Helden -allen voran Callahan und den von Jonah Hill kongenial dargestellten Mentor Donnie -ins Bild bringt, ist gleichfalls grandios.

Der in den 1970ern und 1980ern spielende Film holt die wilden Siebziger ebenso ins Gedächtnis zurück wie die Anfänge von Aids. Und ein Loblied auf die Anonymen Alkoholiker ist "Don't Worry " allemal. Der Plot beruht auf der gleichnamigen Autobiografie von John Callahan, der seinen Werdegang schildert: über die Alkoholsucht -den Autounfall mit 21 -das Trockenwerden via Anonyme Alkoholiker und Donnie - das Entdecken seines Talents als Karikaturist, der dann angefeindet wurde, weil er sich über Religion, Behinderte und was damals sonst noch politisch korrekt war, hinwegsetzte. Schließlich trat Callahan auch vor vollen Sälen auf und erzählte von der Art und Weise, wie er seine Krankheiten -Querschnittslähmung und Alkoholismus -in den Griff bekam.

Geflunkert -aber nur ein wenig Die historische Wahrheit der Geschichte, das hat auch Gus Van Sant angemerkt, ist cum grano salis zu nehmen: "Uns wurde später klar, dass John oft geflunkert hat, sowohl im Buch, als auch was er uns an Geschichten erzählte. Er hat gern einmal übertrieben. Man wusste nie, wann er von der tatsächlichen Geschichte abwich und einfach Sachen dazu erfand. Ihm war es auch egal, weil er ein Entertainer war." Van Sant, der ebenso wie Callahan in Portland lebt, kannte den Karikaturisten, der 2010 an einer Operation starb.

Neben John Callahan spielt Donnie die zentrale Rolle in dem Film. Der wie ein Reservechristus daherkommende reiche Schwule versammelt in seinem Domizil eine ausgewählte Gruppe Anonymer Alkoholiker, zu der auch John stößt. An seiner religionsübergreifenden religiösen Weltsicht kann auch John genesen -und sich und seiner Welt verzeihen.

Es ist eine Männergeschichte, die Gus Van Sant hier erzählt - auch wenn natürlich Frauen nicht außen vor bleiben. Rooney Mara spielt die ätherische Schwedin Annu, die Johns Geliebte wird, der sich sein alkoholisiertes Leben lang nach Liebe gesehnt hat -und seiner leiblichen Mutter nicht verzeihen kann, dass sie ihn als uneheliches Kind weggegeben hatte. Das zerrüttete Johns Verhältnis zu seinen Adoptiveltern. Die leibliche Mutter, von der er nur wusste, dass sie Irin, rotblond und Lehrerin war, bleibt das Objekt der Sehnsucht von John Callahan, dem dieser Film wahrlich ein Denkmal setzt.

Don't Worry, weglaufen geht nicht (Don't Worry, He Won't Get Far on Foot) USA 2018. Regie: Gus Van Sant. Mit Joaquin Phoenix, Jonah Hill, Rooney Mara, Jack Black, Udo Kier. Polyfilm. 113 Min.