Charta 77: Über Plastik und das Universum der Freiheit

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Vor 40 Jahren gründete Václav Havel mit Künstlern und Intellektuellen die Charta 77. Ein einmaliges Unterfangen.

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Vor 40 Jahren gründete Václav Havel mit Künstlern und Intellektuellen die Charta 77. Ein einmaliges Unterfangen.

Es war der Abend des 5. Januar 1977, als die erste Runde der Unterschriftensammlung unter ein Dokument abgeschlossen war, das in der Tschechoslowakei und in ganz Mittel-Osteuropa Geschichte schreiben sollte - der Charta 77.242 Menschen hatten sich zu ihr bis zu diesem Zeitpunkt bekannt.

Am Neujahrstag hatte ein gewisser Václav Havel unterzeichnet: "Einverstanden mit der Erklärung der Charta 77", hatte er handschriftlich geschrieben und seinen Namen und seine damalige Adresse im Prager Stadtteil Dejvice hinzugefügt. Jetzt, Tage später, galt es, das Gründungsdokument dem Parlament und der Regierung zu übergeben. Zudem sollten die Erstunterzeichner das Papier per Post zugestellt bekommen.

Havel hatte zu dem Zweck alle Adressen seinem Freund Zden ek Urbánem diktiert, der sie auf die vielen Umschläge schrieb. Beide arbeiteten bis spät in die Nacht. Am nächsten Tag fuhren drei Dissidenten mit den Dokumenten los, im Saab des Schauspielers Pavel Landovsky. Neben Landovsky saßen Havel und der Schriftsteller Ludvík Vaculík.

Die tschechoslowakische Stasi heftete sich hinter den Wagen von Landovsky, und es begann eine wilde Verfolgungsjagd, an der bis zu zwölf Autos beteiligt waren. An einer Kreuzung blockierten die Sicherheitsleute die Fahrbahn, trommelten auf Landovskys Auto und brüllten: "Im Namen des Gesetzes!" und "Im Namen der Republik, machen Sie auf!". Havel sagte frustriert: "Na, der Kampf um die Menschenrechte beginnt ja prachtvoll."Die Drei wurden verhaftet. Doch das Gründungsdokument der Charta 77 befand sich da längst schon auch im Westen. .

Staatliches Wüten als Werbung

Tags darauf wütete das Prager kommunistische Partei-Organ "Rudé právo" gegen das Papier und seine Autoren und legte sich dabei richtig ins Zeug: "staatsfeindlich", "demagogisch", "anmaßend", "selbsternannte Weltverbesserer", "menschliches und politisches Strandgut". An einer Stelle des damaligen Leitartikels schossen die Genossen zudem ein peinliches Eigentor. Da warfen sie den Erstunterzeichnern vor, frech "einen Dialog mit der politischen und staatlichen Macht" zu verlangen. Damit machten die Genossen selbst ihren Unwillen zum Dialog mit ihren Landeskindern deutlich.

Es blieb nicht bei den verbalen Anfeindungen. Die Erstunterzeichner wurden "zugeführt", man kriminalisierte und dämonisierte sie in der Öffentlichkeit, beraubte sie der Bewegungsfreiheit, wenn man sie nicht gleich für Jahre hinter Gitter sperrte.

Mehr als 300 Chartisten wurden ins Exil vertrieben. Gleichzeitig wurden beispielsweise staatstreue Künstler genötigt, eine "Anti-Charta" zu unterschreiben, darunter auch Karel Gott.

"Eigentlich wollten wir unserer Regierung nur helfen", erinnerte sich die Prager Bürgerrechtlerin Irina Ziklová ironisch. In dem Gründungsdokument der Charta wurden die Machthaber lediglich daran erinnert, in der Tschechoslowakei die Menschenrechte gemäß der Schlussakte von Helsinki zu achten, die sie selbst unterzeichnet hatten. Das Gründungsdokument entstand "nicht als Aufruf zu Drohgebärden", wie es einer der Autoren, der Philosoph Jan Patocka, später formuliert hat, sondern als "Aufruf zu einem Verhalten, das unter allen Umständen würdevoll bleibt, furchtlos, wahrhaftig, das einfach dadurch imponiert, dass es sich vom offiziellen Verhalten unterscheidet".

Musik als Keim des Protestes

Das Entstehen der Charta 77 hing mit einem Prozess gegen eine Gruppe von Underground-Musikern zusammen, junge Leute ohne politische Vergangenheit und ohne oppositionelle Ambitionen. Ihr Name allein schon aber war den Mächtigen Provokation: "The Plastic People of Universe". Das klang nicht eben nach sozialistischem Menschenbild. Die jungen Leute aber spielten einfach Musik, die ihnen gefiel. Dem Partei- und Staatsapparat waren sie ein Dorn im Auge, weil sie sich nicht in den Rahmen der von 'oben' geforderten Anpassung pressen ließen. Hier galt es, ein Exempel zu statuieren, an allen, die sich der Apathie, der Gleichschaltung und dem Gehorsam verweigerten, die letztlich versuchten, "in der Wahrheit zu leben", wie es Havel ausgedrückt hat.

Havel und seine Freunde organisierten Protestaktionen, bezogen auch Prominente aus dem Ausland wie Heinrich Böll ein und verfassten schließlich die Charta, die auch von Christen und selbst von Reformkommunisten unterzeichnet wurde, die das Regime nach dem zerschlagenen Prager Frühling 1968 mundtot gemacht zu haben glaubte. Der Veröffentlichung des Gründungsdokuments am 1. Januar 1977 folgten in den nächsten Jahren 572 Dokumente, in denen sich die Verfasser vor allem zum Geschehen in ihrem Lande äußerten. Die Charta wurde so zu einer Plattform der Menschenrechtler, reichte jedoch kaum über den Kreis der Dissidenten hinaus. Trotzdem war mit ihr die Saat gelegt, die im November 1989 in der "Samtrevolution" aufgehen sollte.

Mit dieser Revolution begann dann freilich auch folgerichtig die Sinnkrise. Der gemeinsame Gegner war bezwungen. Die Signatare engagierten sich in neuen politischen Gruppen oder Parteien. Im November 1992 beendete die Charta offiziell ihre Tätigkeit.

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