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Chorgesang auf spiritueller Ebene

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Die Wiener Dommusik hat ein beachtliches Niveau erreicht. Ein Konzert im Stephansdom wird das beweisen.

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Die Wiener Dommusik hat ein beachtliches Niveau erreicht. Ein Konzert im Stephansdom wird das beweisen.

Es werden Gustostückerln quer durch die Musikgeschichte sein. Es ist so viel Dramaturgie in jedem einzelnen Werk, dass ich gar nicht sagen kann, welches mir das liebste wäre", freut sich Domkapellmeister Johannes Ebenbauer auf einen besonderen Abend im Wiener Stephansdom. "Vox cathedralis" heißt das Programm am 31. März, an dem ab 20 Uhr 30 die vier Chöre der Dommusik das breite Spektrum ihres Könnens von verschiedenen Orten in der Kathedralkirche erklingen lassen. Diese Inszenierung und Klangwanderung im Raum schafft eine besondere akustische, spirituelle Atmosphäre.

Den Beginn macht Felix Mendelssohn Bartholdy, vor dem Volksaltar wird der Domchor "Warum toben die Heiden", "Richte mich Gott", und "Denn er hat seinen Engeln" interpretieren. Zwischen den Chorwerken führt Domorganist Peter Planyavsky die hohe Kunst der Improvisation vor. Die Cappella Albertina wird dann beim Wiener Neustädter Altar drei lateinischen Gesängen von Giovanni Pierluigi da Palestrina ihre Stimme verleihen. Die Kantorei nimmt wieder vor dem Volksaltar Aufstellung. Augustin Kubizeks "Memento homo", Lajos Bardos' "Aestimatus sum" und György Deak-Bardos' "Eli, Eli" hat sie einstudiert. Mit vereinten Stimmkräften werden dann Vocalensemble und Cappella Albertina im Friedrichsschiff Werke von Bach, Bruckner, Heiller, Penderecki, Planyavsky eine Komposition des Domkapellmeisters und Messiaen singen. Mit Henry Balfour Gardiners "Evening Hymn" klingt der abwechslungsreiche Abend aus.

Lebensprojekt "Für mich könnte das ein Lebensprojekt werden. So lange es die Kathedralkirche gibt, gibt es die Dommusik. Sie war immer schon ein fester Bestandteil der liturgischen Feiern", geht Domkapellmeister Ebenbauer in seiner Arbeit mit den Vokalisten vollkommen auf. Als er 1985 als Assistent der Dommusik in die Stephanskirche kam, gab es einen leicht überalteten Chor, der im Schubert-, Mozart- und Haydnrepertoire sicher unterwegs war, aber sich nicht besonders ambitioniert zeigte, in jeder Hinsicht Neues zu erlernen.

Ebenbauer hat in mühsamer Aufbauarbeit begonnen, die Sänger des Domchores zu motivieren und ihr Standardrepertoire zu erweitern. Außerdem baute er weitere Chöre auf. Die Kantorei zählt heute etwa 70 Personen, die Einstiegsanforderungen sind relativ hoch: Wer mitmachen will, muss Gesangserfahrung vorweisen, Haydn und Mozart vom Blatt singen können, bereit sein, in musikalisches Neuland vorzustoßen und jeden Montag proben. "Es sind sehr ambitionierte junge Leute", freut sich Ebenbauer über das hohe Engagement seiner Belegschaft.

Daneben gibt es noch die Cappella Albertina, einen Kammerchor, der sich vor allem die geistliche Renaissance- und Barockmusik aus allen christlichen Traditionen und Komponisten des 20. Jahrhunderts erarbeitet. Ihre Mitglieder stammen zum überwiegenden Teil aus der Kantorei, in der "Vox cathedralis" lassen sie sowohl klassische Vokalpolyphonie als auch Modernes hören. Sie probt jeden Freitag, singt etwa einmal monatlich im Dom und gibt Konzerte. Der Donnerstag gehört dem Vocalensemble: es ist das einzige, das professionell gegen Bezahlung arbeitet.

Mit einem klassischen Pfarrkirchenchor ist der Domchor nicht zu vergleichen. "Mit der gesanglichen Substanz aus der Pfarre hätten wir keine Chance", gibt Domkapellmeister Ebenbauer zu. Ein Sänger reist sogar aus Wiener Neustadt zu den Proben an. Doch selbst, wenn die Vokalisten aus allen Teilen Wiens und Umgebung kommen: Beziehung zum Dom haben sie alle. "Sie sind ein Teil der Gottesdienstfeier. Es ist etwas ganz anderes, zu singen, während der Kardinal das Osterhochamt zelebriert, als im Konzertsaal zu stehen. Diese spirituelle Ebene, die gibt es nur im Dom."

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