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Christa Wolf arbeitet die DDR-Vergangenheit auf

1945 1960 1980 2000 2020

Zorniger Rückblick: "Einwandfreie Vergangenheit ist kein Schutz vor Irrtümern in der Gegenwart".

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Zorniger Rückblick: "Einwandfreie Vergangenheit ist kein Schutz vor Irrtümern in der Gegenwart".

Christa Wolfs "Kassandra" zählt zu den Klassikern der Frauenliteratur, ihr Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns und ihre kritischen Worte zur Repression in der DDR machten sie vor der Wende zu einer Leitfigur der Frauen- und Bürgerrechtsbewegung in Ost und West. Mit ihrem Eingeständnis, zwischen 1959 und 1962 selbst "Informelle Mitarbeiterin" der Stasi gewesen zu sein, kühlte die Empörung über die 20jährige Überwachung, der sie selbst ausgesetzt war, schlagartig ab.

Doch niemanden bewahre eine tadellose Vergangenheit davor, heute unrecht zu haben, konstatiert sie in ihrer zum 70. Geburtstag erschienen Sammlung neuer Erzählungen. Mit scharfer Beobachtungsgabe und poetischer Ausdruckskraft schildert Christa Wolf Eindrücke aus Amerika, Gedanken über lebende und tote Weggefährten und Assoziationen zur politischen Entwicklung in Deutschland nach der Wiedervereinigung. Die deutliche Aufklärung der Beweggründe für ihre Stasi-Tätigkeit fehlt, obwohl die Annäherung an diese schmerzhafte Lebensbruchlinie in allen Erzählungen auftaucht. Sie sucht manchmal staunend, manchmal resignierend nach Erklärungen und Rechtfertigungen für die intellektuelle Gratwanderung der DDR-Autoren, die eigene wie die anderer.

In Kalifornien will sie Abstand gewinnen und lebt scheinbar unbeschwert. In der Straßenbahn, bei fröhlichen Tischgesellschaften, beim Einkaufsbummel und Flanieren in der Third Street wird sie immer wieder zurückgebeamt in die DDR. Dem Erlebnis des persönliches Scheitern trotz des Engagements gegen Ungerechtigkeiten, dem Zwang, die DDR-Verhältnisse durchschaubar und verstehbar zu machen, entkommt sie auch in Amerika nicht. Die russische Freundin Lidia, deren politisches Weltbild durch Glasnost und Perestrojika ins Wanken geriet ("Unser ganzes Leben kann doch nicht falsch gewesen sein?") läßt sie erstmals ahnen, "daß ein von der Wahrheit Überforderter Trost brauchen kann". Eine harmlose Pantomime erschreckt sie und läßt sie erkennen, daß sie Freude und Begeisterung gegenüber mißtrauisch geworden ist, "selbstverständlich bei meiner Erfahrung mit Begeisterung".

Die Wüstenfahrt mit Freundinnen, die dem american way of life ausschließlich auf fun ausgerichtet frönen, läßt die deutsche Gründlichkeit der Autorin inmitten von Reichtum und Überfluß noch altmodischer erscheinen. Im Gegensatz dazu Gefühle, die zwei Bilder der mexikanischen Malerin Frieda Kahlo in ihr auslösen, bewundernde Erinnerungen an die kritische Sexualwissenschaftlerin Charlotte Wolff und deren Kampf gegen soziale Ausgrenzung Homosexueller, an Lew Kopelew mit seinem "absoluten Sinn für Anstand und Menschlichkeit" und viel Weihrauch für Heinrich Böll.

Eine seltsam blasse Würdigung zum 70. Geburtstag von Günter Grass, dafür eine sehr persönliche Rede über den DDR-Autor Fühmann, den sie Jugendlichen als Vorbild an Charakterstärke ans Herz legt, als "Lebenshelfer" würdigt, wobei sie seinen "bittersten Schmerz" über das Scheitern an seinem letzten großen Roman, in dem er den Konflikt zwischen der dogmatischen Ideologie und einem eingreifenden Denken aufzeigen und lösen wollte, in Erinnerung ruft.

Sprachlich hervorragend die Erzählung "Im Stein" über die Erfahrung einer gewaltsamen, obwohl schmerzfreien Operation. Die Täuschung der Sinne und der Wahrnehmung, die Diskrepanz zwischen gesprochenem und gedachtem Wort, die unterschiedliche Bedeutung je nach der Perspektive, aus der gedacht, gesprochen, gehört wird, das Ringen um Klarheit im Bewußtsein der Verwirrung, sind die großen Themen. Die Wucht der Assoziationen erinnert an ihre großen Romane. Verstörende Bilder für diffuse Verletzbarkeit und hilfloses Ausgeliefertsein gelingen.

Die knappe, eindrucksvolle Würdigung von Irmtraud Morgners "auf Hoffnung hin" geschriebenen Romanen zeugt vom noch immer ungebrochenen feministischen Bewußtsein. Den Abschluß bildet eine musikalische Meditation zu Joseph Haydns "Missa in Tempore Belli": "Dünn ist die Decke der Zivilisation". Aus diesem Text spricht verhaltene Wut über Unterdrückung und Ungerechtigkeit, über den wachsenden Antisemitismus, über die Frauenfeindlichkeit der christlichen Religion und deren mangelnde Lebensnähe.

Und immer wieder - auch hier - Spurensuche in der DDR. Provokant formuliert Christa Wolf ihre Verzweiflung darüber, wie schnell dem Aufbruch nach der Wiedervereinigung die Freiheit des Konsums folgte, ihre Trauer, daß "die Kraft des Prinzips Hoffnung erloschen scheint". Die Wut verlöscht nach und nach und am Ende bleiben wieder nur Fragen, keine Antworten, keine Erlösung: "So gib doch endlich Frieden" statt "Gib uns deinen Frieden".

Die Erzählungen aus den Jahren 1994 bis 1999 sind Collagen einer versunken Welt, die uns schon so wenige Jahre nach der Wende recht eigentümlich in ihren Zwängen, intellektuellen Zweifeln und Versuchen, Veränderungen innerhalb des Systems zu bewirken, erscheint. Christa Wolfs Versuch, alte und neue Bilder ihres Lebens in immer neuen Kombinationen zusammenzufügen und sich Klarheit über die "Haarrisse, die sich im Laufe von Jahren, Jahrzehnten verbreitern, zu Unglück und Zusammenbruch führen", zu verschaffen, wirkt wie ein schmerzliches Ringen mit einer Fülle von Material. "Nun ist ja Schreiben," schreibt sie, "ein Sich-Heranarbeiten an jene Grenzlinie, die das innerste Geheimnis um sich zieht und die zu verletzen Selbstzerstörung bedeuten würde". Ihr Ringen um "Selbsterlösung" ist anspruchsvoll und phasenweise ermüdend, doch nicht nur angesichts der sprachlichen Brillanz wert, mit ihr geteilt zu werden. Ihr Blick zurück kann den Blick und das Ohr für diskriminierende Äußerungen gegenüber fremden Kulturen, fremden Religionen oder Minderheiten schärfen, das Mißtrauen gegenüber politischen Heilsverkündern verstärken. Künstler und Intellektuelle, die Harrisse einer Gesellschaft erkennbar machen, sind vielleicht zur Zeit nicht modern, deshalb aber nicht minder wichtig.

HIERZULANDE ANDERNORTS Erzählungen und andere Texte 1994 - 1998 Von Christa Wolf Luchterhand Verlag, München 1999 220 Seiten, geb., öS 236,- / e 17,15

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