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Feuilleton

"Cloxit": Europa ringt um die Uhr

1945 1960 1980 2000 2020
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Die Uhren um 25.000 Stunden zurückdrehen. Oder mit Hilfe einer Zeitmaschine in die Vergangenheit reisen, um am 23. Juni 2016 das Schlimmste zu verhindern: Das würden heute wohl viele gern. Knapp 47 Millionen Britinnen und Briten sind damals zu den Urnen geschritten und haben mehrheitlich für den Austritt ihres Landes aus der Europäischen Union votiert. Die Mehrheit war zwar mit 51,9 Prozent nur dünn, die Desinformation im Vorfeld enorm -doch die Entscheidung galt dennoch als getroffen. Diesen Freitag sollte der Abschied des Vereinigten Königreichs endgültig besiegelt sein. Doch außer Chaos im Unterhaus ist kaum etwas gewiss.

Der "Brexit" ist die größte Konfusion, mit der Europa derzeit zu kämpfen hat, aber sie ist beileibe nicht die einzige. Auch um eine andere existenzielle Frage wird aktuell gerungen: die gemeinsame Zeit. Dienstag dieser Woche sprach sich bei einer Plenarabstimmung im Europäischen Parlament eine Mehrheit dafür aus, die zwei Mal jährliche Zeitumstellung 2021 abzuschaffen. 410 der Abgeordneten votierten dafür, 192 dagegen, 51 enthielten sich der Stimme.

Ein Europa -mehrere Zeiten

Zwar gibt es innerhalb des EU-Gebiets drei Zeitzonen: die Westeuropäische Zeit (an der sich Portugal, Großbritannien und Irland ausrichten), die Mitteleuropäische Zeit (nach der 17 Staaten inklusive Spanien und Frankreich ticken) und die Osteuropäische Zeit (an der sich Finnland, die baltischen Staaten, Rumänien, Bulgarien, Griechenland und Zypern orientieren). Seit 1996 gilt aber eine einheitliche Sommerzeitregelung. Jeden letzten Sonntag im März werden die Uhren um eine Stunde vorgestellt (in Österreich von zwei auf drei Uhr früh); und jeden letzten Sonntag im Oktober wieder um eine Stunde zurück. Eine eigene Richtlinie aus dem Jahr 2000 regelt das kollektive Drehen an der Uhr, die Hoheit für die Sommerzeit liegt bei der Europäischen Kommission.

Das freut freilich nicht alle - ebenso wenig wie der regelmäßige Mini-Jetlag. Neben allgemeiner Kritik nach dem Motto "Was geht die EU mein Biorhythmus an?" oder einem populistischen Protest gegen das "Brüsseler Zeitdiktat" werden meist zwei Argumente vorgebracht: Die Energieeinsparungen, die sich viele Länder seit der Ölkrise 1973 durch Einführung einer Sommerzeit erhofften, seien nur marginal; und die gesundheitlichen Beeinträchtigungen seien im Gegenzug nicht zu leugnen. Tatsächlich betragen laut einem Bericht des Büros für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages die jährlichen Stromeinsparungen in Haushalten im Durchschnitt nur 0,131 Prozent. Studien zeigen zwar auch, dass durch die Sommerzeit täglich etwa 30 Minuten mehr mit Freizeitaktivitäten und neun Minuten weniger vor dem Fernseher verbracht würden. Doch Chronobiologen warnen einhellig vor weniger Schlaf und Störungen der inneren Uhr (vgl. Seite 4).

Nach Ansicht der Europa-Abgeordneten und des EU-Verkehrsausschusses soll nun jedenfalls Schluss sein mit dem ständigen Uhrendrehen. Jedes Mitgliedsland soll ab 2021 selbst bestimmen, ob es dauerhaft nach der Normalzeit oder nach der Sommerzeit ticken möchte. Staaten, die für die ewige Sommerzeit votieren, würden dann im März 2021 die Uhren ein letztes Mal verstellen; jene, die bei der Normalzeit bleiben und die Sonne weiter mittags im Zenit sehen wollen, im darauffolgenden Oktober

"Die Leute wollen das." Wirklich?

Was nach mehr staatlicher Souveränität und Bürgerpartizipation klingt, hat freilich seine Tücken. Es beginnt mit der Frage, was die Bürger wirklich wollen. Um das herauszufinden -und weil man durch eine Entschließung des EU-Parlaments dazu genötigt worden war -, startete die Europäische Kommission im Sommer 2018 eine Online-Konsultation. 4,6 Millionen Antworten gingen damals ein, ein absoluter Rekord für diese neue Art von Befragung. Immerhin 84 Prozent sprachen sich für ein Ende der Zeitumstellung aus. "Die Leute wollen das, also machen wir das", meinte Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker lapidar.

Doch dieses Stimmungsbild sei alles andere als repräsentativ gewesen, betont die Wiener Politikwissenschafterin Tamara Ehs. Gerade einmal 0,89 Prozent der EU-Bürger hätten sich beteiligt, rund zwei Drittel der Antworten wären aus Deutschland gekommen. Zudem seien (ältere) Menschen ohne Internet-Zugang von der Befragung faktisch ausgeschlossen gewesen. "Dass Juncker dieses unverbindliche Befragungsinstrument, das nicht einmal hinreichend die Kriterien partizipativer Demokratie erfüllt, plötzlich verbindlich machen wollte, ist demokratiepolitisch bedenklich", meint Ehs. Schon würden Vergleiche mit dem Brexit-Referendum gezogen, das ebenfalls rechtlich unverbindlich gewesen sei, aber verbindlich gemacht wurde. Dazu kommt laut Ehs, dass es auch keine umfassende Information über die Konsequenzen gab. "Die Leute hatten zwar ein Bauchgefühl, dass ihnen die Zeitumstellung lästig ist, aber dass sie bei einer ewigen Sommerzeit die Kinder im Winter im Dunkeln in die Schule schicken müssten, war vielen nicht bewusst."

Auch der Münchner Chronobiologe Till Roenneberg kritisiert fehlende Aufklärung und warnt vor einem "Cloxit":"Wenn Juncker gesagt hätte, dass wir eine Stunde früher arbeiten müssten, wären die Leute auf der Straße gewesen", ist er überzeugt. "Eine ewige Sommerzeit ist ja nichts anderes." Zudem steige das Risiko für Diabetes, Depressionen, Schlaf-und Lernprobleme.

Das mögliche Zeit-Chaos zwischen den einzelnen Ländern ab 2021 kommt noch dazu. Selbst der ÖVP-Europaabgeordnete Heinz K. Becker, einer der Initiatoren des Widerstands gegen die Zeitumstellung, warnt vor einem "Zeit-Fleckerlteppich". Um zu verhindern, dass Europa künftig aus lauter inkompatiblen Zeitinseln besteht, soll es einen "Koordinierungsmechanismus" geben. Es brauche jedenfalls "eine gemeinsame Zeitzone von Paris bis Budapest."

Rutscht Österreich nach Osten?

Das letzte Wort ist freilich noch nicht gesprochen. Entscheidend ist, worauf sich die EU-Verkehrsminister bei ihrem nächsten Treffen im Juni einigen -und ob es in den Mitgliedsstaaten auch Abstimmungen gibt. Geht es nach Verkehrsminister Norbert Hofer (FPÖ), dann wechselt Österreich jedenfalls in die "ewige Sommerzeit" und rutscht damit eine Zeitzone nach Osten. Das -und alles andere auch -sollte man den Bürgern zur "Cloxit"-Prophylaxe tunlichst sagen. Die Brexit-Geschichte muss sich ja nicht zwingend wiederholen. Schon gar nicht als chronische Farce.

Mitarbeit: Simone Grössing und Irmgard Wutscher