Georg Baselitz in der Albertina: Der Künstler hat seine Bilder der 1960er Jahre überprüft und ist in seiner "Remix"-Serie auf Leichtigkeit aus.

In den sechziger Jahren torpedierte im Osten Deutschlands der junge Maler Georg Baselitz den Umgang mit der unmittelbaren Geschichte, mit der Aufarbeitung der Naziherrschaft durch den angeblich real existierenden Sozialismus, wie ihn seine Zeitgenossen pflegten. Zwar ging es ihm mit seinen schwer in die Leinwand drückenden Farben nicht in erster Linie darum, mit seiner Malerei die Historikerzunft durch Künstler abzulösen, vielmehr versuchte er, die Malerei um der Malerei willen zu erneuern. Weil er aber die Figur nicht aufgeben wollte, rutschten die genuin politischen Themen immer wieder auf seine Leinwände. Selbst als er begann, seine Bilder auf den Kopf zu stellen - was zu so etwas wie seinem Markenzeichen wurde -, damit die Betrachter nicht mehr die Geschichte im Bild suchten, sondern davon ungehindert in den Raum der Malerei eintreten konnten, wurde er sein Image des Revolutionäres mit dem Pinsel nicht mehr los.

Auf den Kopf gestellt

Freilich, auch der "Trick" mit dem Bildumdrehen lässt sich als eminent politische Geste lesen. Baselitz, im Arbeiter-und Bauernstaat der DDR erwachsen geworden, nahm sich, bewusst oder unbewusst, den revolutionären Vordenker Karl Marx zum Vorbild. Auch dieser hatte gegenüber seinen Vorgängern urgiert, dass sie die Welt nur beschrieben hätten, dass es aber darauf ankäme, sie zu verändern. Konkret wollte er dies umsetzen, indem er das System seines unmittelbaren Lehrers, Hegel, vom Kopf auf die Füße stellte. Ähnlich operiert Baselitz, die bloße Beschreibung in Form von malerischer Abbildproduktion interessiert ihn überhaupt nicht, die Malerei, die Verwirklichung einer neuen Welt - und wohl nicht nur auf der Leinwand - ist sein Ziel. Dazu lohnt es sich dann schon mal die Welt aus den Angeln zu heben und in die richtige Position zu drehen.

Den bislang letzten Schritt in Richtung einer "reinen Malerei" setzte Baselitz mit seiner Remix-Serie. Nun, im reiferen Alter von 69 Jahren, wendet er sich noch einmal seinen Jugendlieben zu, den Bildern aus den Sechziger Jahren. In einem Selbstversuch der besonderen Art nimmt er sie nochmals zur Hand und überprüft ihre "Haltbarkeit", indem er, ähnlich wie in der Popmusik, eine Coverversion davon malt. Zwar war damit die Gefahr verbunden, dass als Ergebnis wieder aufgewärmte Bilder entstehen würden. Aber die Liebe zur Malerei, der Wunsch das große Ziel der malerischen Verwirklichung zu erreichen, war stärker. Und Baselitz umreißt das gesamte Projekt als Versuch, endlich einigermaßen dort angelangt zu sein, wenn er bemerkt: "Man kennt mich als Maler schwerer Bilder. Ich habe jahrzehntelang Bilder gemauert: Schicht auf Schicht. Das war zum größten Teil Unvermögen. Ich wollte schneller Bilder malen können. Aber das habe ich einfach nicht zu Wege gebracht. Und jetzt ist es mir endlich gelungen, innerhalb einer Stunde Bilder zu malen! Die müssen dann leicht sein." Der alte Revolutionär möchte noch einmal vorpreschen und hofft aufgrund der größeren Geschwindigkeit auch größere Leichtigkeit zu erreichen.

In einer Stunde gemalt

Es ist schon beachtlich, welche Sprengkraft diese Einsicht des langsam ins Alterwerk hinüberwandernden Baselitz in sich birgt. Schließlich spricht er ganz sachlich von "Unvermögen", das seinen damaligen Bildern zur Existenz verholfen hat. Und noch ein zweites Moment unterstreicht den Wagemut der Remix-Serie. Wie bei vielen anderen Malern auch, durchlief die Arbeit von Baselitz mehrere Werkphasen, die malerischen Versuche wurden zwar weitergetrieben, aber niemals hob eine nachfolgende Phase die vorherige auf. Dies hat sich nun radikal geändert. Plötzlich steht Die große Nacht im Eimer aus dem Jahr 2005 der Vorgängerversion von 1962/63 gegenüber und der Adler, ebenfalls von 2005, sieht sich in seinem Sturzflug mit dem Adler von 1972 im Kampf um die malerische Lufthoheit. Ähnlich ergeht es Oberon, dem Neuen Typen und einigen anderen Bildversionen aus jüngeren Jahren. Trifft hier "Unvermögen" auf "neue Leichtigkeit"? Auf jeden Fall ereignet sich eine malerische Selbstbefragung, die mit Humor und Ironie auf die eigene Geschichte blickt und dabei unbedingt ehrlich bleibt.

Georg Baselitz, Remix

Albertina

Albertinaplatz 1, 1010 Wien

www.albertina.at

Bis 24. 4. tägl. 10-18, Mi 10-21 Uhr

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