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"Da ist so ein Gefühl der Weite“

Aus dem "grauen Tunnel“ in Brüssel ist die ehemalige Diplomatin Elisabeth Karamat auf die Karibik-Insel St. Kitts umgezogen. Dort findet sie in einem materiell bescheidenen Leben mehr Erfüllung als in der vielfach verklärten Diplomatenwelt.

Am 1. Mai ist es so weit: An dem Tag will Elisabeth Karamat mit ihrem Lebensgefährten Kwando ein neues Projekt starten. Mit einem Dutzend Jugendlicher werden sie Samen bestellen, Stecklinge verwenden und wilde Pflanzen vermehren. Auf dem Stück Land unter dem Vulkan Liamiuga soll ein landwirtschaftliches Projekt für Heilkräuter entstehen. Heilkräuter deshalb, weil Karamat hofft, dass sie den Affen nicht schmecken werden. Auf der Antillen-Insel leben 35.000 Menschen, aber etwa 100.000 Grünmeerkatzen, die durch den Sklavenhandel aus Afrika in die Karibik gelangten. Sie haben sich zu einer Plage für die Landwirtschaft entwickelt. Das kleine Projekt wird unterstützt von der Wiener BOKU und der University of West Indies. Für Touristen stellt sich St. Kitts als Karibik-Traum dar, doch wenn man genauer hinsieht, wirft die Armut Schatten auf die Idylle. "Wir müssen die Jugendlichen von der Straße holen, es ist hart mitzuerleben, die jungen Frauen, die Teenager-Mütter sind, die Gewalt, die Ausweglosigkeit“, erzählt Karamat.

Quasi zur Familie gehören auch drei Esel, die als "Rasenmäher“ eingesetzt werden. Das ebenfalls importierte Guineagras wird mannshoch und breitet sich überall aus. Die Esel lieben es und fressen alles kurz und klein. Karamat lächelt: "Das ist ein neuer Umgang für mich. Ich habe mich früher mit Pferden beschäftigt und war viel reiten.“

Früher, das war ein anderes Leben: Bei einem Reitunfall hatte sie sich die Halswirbelsäule verletzt und in Folge immer wieder unter schmerzhaften Verspannungen gelitten. Der Bürojob als Botschaftsrätin an der Ständigen Vertretung Österreichs bei der EU sowie der oft aufreibende Alltag als alleinerziehende Mutter trugen auch nicht gerade zur Entspannung bei. Geboren in New York, aufgewachsen als Tochter eines Diplomaten lernte sie ein materiell gesichertes und kosmopolitisches Leben kennen. Vorerst studierte sie Kunstgeschichte in Wien, heiratete, bekam drei Kinder und absolvierte die Diplomatische Akademie. Nach einer harten Scheidung blieb sie lange allein und konzentrierte sich auf die Kinder. Glücklich war sie nicht, doch sie funktionierte. "Ich war in einem grauen Tunnel, ich dachte, so kann es nicht weitergehen, doch ich wusste nicht, was ich machen soll. Keine Perspektive zu sehen, das war die schwierigste Zeit.“ Als sie ihren 40. Geburtstag sang- und klanglos vorüberziehen ließ, ermunterte sie eine Arbeitskollegin aus St. Kitts doch mit ihr auf Urlaub zu fahren. Die üppige Landschaft der Insel, die Wärme und das Meer waren heilsam. Als ein anglikanischer Pfarrer sie einlud, bei einem Projekt für Jugendliche mitzuarbeiten, sah sie die Chance, ihrem Leben eine Wende zu geben.

Hauptsache glücklich - egal wo

Schwierig war, ihre halbwüchsigen Kinder zu überzeugen: "Anfangs war es konfliktreich. Einerseits hab ich gewusst, ich muss weg, andererseits fragte ich mich, wie bringe ich es den Kindern bei. Ein wichtiger Moment war, als mein krebskranker Ex-Mann zur mir sagte, mach es, geh nach St. Kitts. Du kannst den Kindern mehr geben, wenn du glücklich bist, egal wo du bist.“

Die Wogen haben sich geglättet: Nun ist sie täglich via Skype mit ihren Kindern in Kontakt, dreimal im Jahr kommt sie nach Österreich.

Über ihre Liebe zum Karibianer Kwando hat sie das Buch "Der Honigmann“ (edition a) geschrieben. Viele würden sie fragen, wie sie diesen Kontrast verkraften konnte - vom Diplomatenleben auf eine Insel als Entwicklungshelferin mit 500 Euro im Monat und einem Mann an ihrer Seite, der als Heiler und Imker arbeitet. "Ich habe interessante Menschen kennengelernt, aber viele verherrlichen das Diplomatenleben. Es ist für mich einfach gewesen, das zurückzulassen. Ich war ja auch gleich eingebunden in die Arbeit und habe bald Kwando kennenlernt.“ Auf das Klischee "wohlhabende Weiße angelt sich einen Karibianer“ werde sie öfters angesprochen. "Es ist nicht nur Klischee, sondern auch Realität. Amerikanerinnen sagen, die Karibik sei eine sexuelle Spielwiese. Wenn man mein Buch liest, sieht man aber, wie meine Beziehung zu Kwando ist.“

Ihre Geschichte könne andere auch ermutigen: "Es muss nicht jeder nach St. Kitts gehen. Aber man kann Schritte setzen, um sein Leben schöner zu gestalten. Es ist wichtig zu wissen, wie wertvoll unser Leben ist, denn wir haben nur dieses eine. Wir sollten uns nicht alles gefallen lassen, uns nicht für Konsum und Arbeit versklaven und uns selbst stattdessen mit Sorge, Liebe und Würde behandeln. Bei mir hat es viel gebraucht, bis ich so weit war.“

Ihr Leben sei nun bescheiden - aber die Lebensqualität hoch, sagt Karamat: "Überall wo du bist, siehst du das Meer, weil es eine so kleine Insel ist. Da ist immer ein Gefühl der Weite. Und das Licht, danach bin ich süchtig. Ich liebe es zu laufen und dann im Meer zu schwimmen. Das kann man nicht mit Geld aufwiegen.“

Am Donnerstag, 12. April, ab 19 Uhr

wird Elisabeth Karamat aus ihrem Buch "Der Honigmann“ lesen (Buchhandlung Herder, Wollzeile 33, 1010 Wien). Anmeldung: (0664) 416 02 18.

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