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Feuilleton

Dandy und Märtyrer

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Bei wenigen Philosophen besteht ein so enger Zusammenhang zwischen Werk und Biografie wie bei Kierkegaard. Ein Gespräch mit dem Kierkegaard-Biografen Joakim Garff.

Es gibt eine Wahrheit zu finden,

die Wahrheit für mich ist;

und was nützte es mir,

wenn ich eine objektive Wahrheit

ausfindig machte,

wenn ich mich durch die Systeme

der Philosophie hindurcharbeitete [...], wenn es für mich selbst

keine tiefere Bedeutung hätte.

Diese Konfession von Soeren Kierkegaard charakterisiert deutlich das Verhältnis von Werk und Biografie. Der Philosoph und Theologe, der sein Leben als Maskenspiel inszenierte und hinter einer Vielzahl von Pseudonymen versteckte, verstand sein Leben als Experiment, das der Maxime des griechischen Dichters Pindar folgte, die auch Friedrich Nietzsche gut kannte: "Werde der, welcher du bist." Gegen die Systemphilosophie des Deutschen Idealismus setzte Kierkegaard existenzielle Erfahrungen wie Angst, Melancholie, Verzweiflung und "Krankheit zum Tode".

Diese "unkommunizierbare Existenz" - so der französische Philosoph Paul RicSur - hat der dänische Kierkegaard-Forscher Joakim Garff in einer beinahe 1000 Seiten umfassenden Biografie dargestellt. Die unterschiedlichen Facetten des "Versuchskaninchens" eines radikalen Existierens werden präsentiert: Der Einfluss des schwermütigen Vaters, Kierkegaards Existenz als verwöhnter, verschwenderischer Dandy, seine selbstquälerische Beziehung mit Regine Olsen, die Auseinandersetzung mit der Zeitschrift Corsar, die Kritik der dänischen Staatskirche und sein Dasein als religiöser Schriftsteller, der den Sprung in den Glauben gewagt hat. Auch die persönlichen Eigenheiten Kierkegaards, sein persönliches Umfeld und die gesellschaftliche Atmosphäre Kopenhagen werden in einem eleganten Stil beschrieben. Die Intention des Autors, Kierkegaards Leben und Werk "con amore" zu schildern, hat die Biografie eingelöst.

Die Furche: Sie haben eine umfangreiche Biografie über das Leben von Soeren Kierkegaard vorgelegt. Ist eine detailreiche Kenntnis seines Lebens eine Voraussetzung für das Verständnis des komplexen Werkes?

Joakim Garff: Man kann Kierkegaard auch lesen, wenn man über seine Biografie gar nicht Bescheid weiß. Das ist eine Möglichkeit der Rezeption und viele Leser begegnen dem Werk Kierkegaards, ohne viel über sein persönliches Leben zu wissen. Aber das Eigentümliche bei Kierkegaard ist die enge Verbindung zwischen seinem Werk und seiner Biografie. Er ist eine Persönlichkeit, für den bestimmte existenzielle Erfahrungen wichtig gewesen sind. Sie haben ihn entscheidend geprägt, ja seine gesamte Existenz in bestimmte Bahnen gelenkt. Ich kenne wenige Philosophen, bei denen ein so enger Zusammenhang zwischen Biografie und Werk besteht wie bei Kierkegaard.

Die Furche: Was ist die Hauptintention Ihrer Biografie?

Garff: Ich möchte grundsätzlich alle Arten von Klischees zerstören, die über Kierkegaard im Umlauf sind. Man muss sie endlich eliminieren. So zum Beispiel die Legende, die in einigen Philosophiegeschichten zu finden ist: Dass nämlich Kierkegaard der Begründer des Existenzialismus sei. Das ist ein gefährliches Klischee, weil es die Lektüre des Lesers entscheidend beeinflusst. Er liest dann Kierkegaard so, als wäre er tatsächlich der Vordenker des Existenzialismus. Aber Kierkegaard benützte niemals den Begriff "Existenzialismus"; er sprach von der Existenz, aber nicht vom Existenzialismus. Kierkegaard ist eindeutig ein christlicher Denker.

Die existenzialistische Interpretation hat Kierkegaard einem gewissen Schematismus unterworfen: Man löste ihn aus dem christlichen Kontext und konzentrierte sich auf die "existenzialistischen" Themen wie Schwermut, Angst und "Krankheit zum Tode". Für mich ist jedoch Kierkegaards Beziehung zum Christentum bedeutsam. Man kann seine christliche Grundhaltung nicht einfach ignorieren, so wie das Jean-Paul Sartre getan hat. Das ist keine Interpretation, die Kierkegaards Denken gerecht wird. Sein christliches Fundament ist untrennbar mit seinem Werk verbunden und verleiht ihm seine vitale, dynamische Dimension.

Das ist der Grund, warum ich zur Vorsicht rate, wenn man Kierkegaard als einen existenzialistischen Denker bezeichnet. Natürlich hatte er einen enormen Einfluss auf Philosophen wie Sartre oder Heidegger, aber seine Position kann man nicht mit dem Existenzialismus gleichsetzen.

Die Furche: Sie sprechen in Ihrer Biografie von Kierkegaard als einem Dandy, der seine Umgebung in Erstaunen versetzt. Wie beurteilen Sie diesen Aspekt von Kierkegaards Persönlichkeit?

Garff: Ich betrachte Kierkegaard als einen Künstler, als einen sehr elegant formulierenden Künstler, der seine Leser gerne provozierte. Den provokativen Charakter seiner Schriften kann jeder Leser selbst erfahren. Das Schlimmste, was man Kierkegaard antun kann, ist, ihm Autorität zu verleihen; in ihm eine Instanz zu sehen, die über alles Bescheid weiß. Vielmehr betrachte ich Kierkegaard als einen Denker, der die Leser erschreckt, provoziert, erstaunt.

Das ist auch die Aufgabe meines Buches: Die Leser zu überraschen, indem ich all die unterschiedlichen Facetten in Kierkegaards Werk aufzeige.

Die Furche: Welche Rolle spielt das Ästhetische im Werk Kierkegaards?

Garff: Kierkegaard ist ein Schriftsteller des Ästhetischen - schon vom Beginn bis zum Ende seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Das gilt nicht nur für den ersten Teil des Buches "Entweder-Oder", in dem der "Ästhetiker" seine Weltsicht entfaltet. Aber man muss genauer hinsehen, was Kierkegaard unter Ästhetik versteht. Für ihn ist Ästhetik ohne Rhetorik undenkbar. Für mich ist erstaunlich, wie viele rhetorische Elemente er verwendet. In seinem Werk findet sich eine fast postmoderne Mischung verschiedener Stilelemente: Vorstellungen, Bilder, Metaphern, Allegorien, Witze, Mythen, kleine Erzählungen, die Alltagsszenen beschreiben.

Das alles ist für den Leser, der sich eine rein philosophische Abhandlung erwartet, sehr verwirrend. Denn normalerweise geht der Verfasser eines philosophischen Werkes sehr systematisch in der Entwicklung seiner Gedanken vor. Kierkegaard hingegen ist ein Autor, der auch Stilelemente der verschiedenen Disziplinen in seinen Schriften verbindet; einmal argumentiert er philosophisch, dann theologisch, manchmal schreibt er journalistisch und oft schreibt er in seinem eigen Stil. Für mich sind das Beispiele einer produktiven ästhetischen Aktivität.

Das heißt aber nicht, dass man Kierkegaard auf einen Theoretiker des Ästhetischen, auf einen Dandy reduzieren kann. In meiner Biografie steht nicht der Denker des Ästhetischen im Mittelpunkt, sondern der christliche Philosoph. Im zentralen Teil des Buches zeige ich Kierkegaard als einen radikalen Christen, der sich als Art Märtyrer versteht, auch als streitbarer Christ, der die traditionelle dänische Kirche heftig attackiert.

Die Furche: Wie beurteilen Sie das Verhältnis von Ästhetiker und Ethiker in Kierkegaards erstem Werk "Entweder-Oder"?

Garff: "Entweder-Oder" wurde als ein Dialog zwischen zwei Personen konzipiert; dem Ästhetiker und dem Ethiker, die darüber nachdenken, wie man richtig leben soll. Vorbild dafür ist der sokratische Dialog. Beide Dialoge zeichnen sich dadurch aus, dass sie dynamisch sind; sie kreisen um Themen, über die noch kein allgemeiner Konsens besteht.

Der Ethiker ist eine Person, welche den Mittelstand der Gesellschaft repräsentiert, während der Ästhetiker eher mit den Randfiguren gleichzusetzen ist. Der Ästhetiker ist Außenseiter, Outlaw; er bedroht die soziale Stabilität einer Gesellschaft.

Der Ethiker hingegen ist der Inbegriff des bürgerlich-stabilen Menschen. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder, eine gut bezahlte Arbeit. Er weiß genau, was er will und sieht sich selbst als das Maß aller Dinge. Ihm ist die Nachtseite der menschlichen Existenz unbekannt. Er hat gelernt, seine Wünsche und Ideen der Realität unterzuordnen. Dem Ästhetiker ist das Realitätsprinzip gleichgültig; er lebt seine Phantasien und Illusionen aus. Er kann sich nie entscheiden, ob er dies oder jenes tun soll. "Entweder-Oder" ist eine Art Wettbewerb, bei dem der Zuseher nie genau weiß, wer der Gewinner ist.

Am Ende vermittelt Kierkegaard jedoch den Eindruck, dass er den Ethiker als Gewinner des Dialogs ansieht. Dennoch betrachte ich Kierkegaards Porträt des Ethikers ein wenig ironisch. Ich glaube nicht, dass er ihn tatsächlich schätzte. Er wirkt ziemlich konstruiert und in späteren Schriften befasste sich Kierkegaard nicht mehr mit ethischen Positionen.

In diesen Schriften stehen wieder Randfiguren wie Sokrates oder Abraham im Mittelpunkt; sie werden jedoch nicht durch ästhetische Spleens geleitet, sonder durch den Ernst ihrer religiösen Entschlossenheit. Selbst Christus erscheint als Randfigur. Er hätte niemals eine soziale Rolle in einer modernen Gesellschaft einnehmen können.

Die Furche: Es ist in Bezug auf Kierkegaard häufig die Rede von den drei Stadien - dem Ästhetischen, Ethischen und Religiösen, die wie eine Stufenleiter aufgebaut sind: Vom ästhetischen Dandy führt der Weg über den pflichtbewussten Ethiker zum religiösen Märtyrer. Ist dies ebenfalls ein Klischee, das Sie bekämpfen?

Garff: Man sollte vorsichtig sein, wenn man sich auf die Theorie der drei Stadien bezieht. Kierkegaard verwendet den Begriff der Stadien nicht explizit. Natürlich sind diese drei Sphären zentral im Denken Kierkegaards. Aber er behauptet keineswegs, dass man das Ästhetische oder das Ethische zugunsten des Religiösen völlig aufgeben sollte. Vielmehr sollten Elemente des Ästhetischen in das ethische Stadium mitgebracht werden; genauso wie ethische Elemente in das religiöse Stadium.

Es gibt im Deutschen den Begriff der "Aufhebung". Ästhetik und Ethik sollten also im Religiösen aufgehoben werden. Aufhebung bedeutet, andere Stadien nicht abzuschaffen oder zu zerstören, sondern sie mit einer neuen Bedeutung zu versehen. Er erhob niemals die Forderung, wie das häufig im Christentum geschah, Ästhetik und Ethik zu liquidieren und nur mehr das Religiöse gelten zu lassen. Die Stadien existieren gleichzeitig und stehen miteinander in Beziehung: Genau das macht Kierkegaards Genie aus.

Kierkegaard

Biographie

Von Joakim Garff

Aus dem Dänischen von Herbert Zeichner und Hermann Schmid Deutscher Taschenbuch Verlag

München 2005

956 Seiten, 31 Abb., e 25,20