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"Dann wird es gewaltig krachen"

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Ein Sprecher von GLOBAL 2000 sieht eine dramatische Entwicklung des globalen Konsumverhaltens durch den Hunger nach billigem Fleisch.

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Ein Sprecher von GLOBAL 2000 sieht eine dramatische Entwicklung des globalen Konsumverhaltens durch den Hunger nach billigem Fleisch.

Bernhard Wohner ist seit 2013 im Nachhaltigkeitsteam von GLOBAL 2000 beschäftigt. In dieser Zeit arbeitete er an ökobilanziellen Studien im Bereich Landwirtschaft und Ernährung.

DIE FURCHE: Herr Wohner, die konventionelle Fleischproduktion stößt laut "FAO" (Food and Agricultural Organisation der UNO) 40 Prozent der weltweiten Treibhausgase aus. Doch die CO2-Emission ist nicht das einzig Klimaschädliche am Fleischkonsum.

Bernhard Wohner: Nein, ein großer Knackpunkt ist auch die landwirtschaftliche Fläche. Je nach Nutztierart -Geflügel, Rind - müssen unterschiedliche Mengen an Futtermittel angebaut werden. So werden pro fleischlicher Kalorie zwischen drei und sieben pflanzliche Kalorien benötigt. Und für nur ein Kilogramm Fleisch braucht man bis zu 16 Kilo Getreide. Da geht sehr viel Getreide verloren und wird an Tiere verfüttert, das eigentlich Menschen ernähren könnte. Darüber hinaus braucht es zur Produktion dieser Nahrungsmittel eine große Fläche. Landwirtschaftliche Fläche aber ist ein knappes Gut. In Österreich etwa gibt es wegen der Zunahme von Bau-, Verkehrs-, Erholungs-und Abbaugebieten immer weniger agrarische Flächen. In Brasilien und Argentinien ist es genau umgekehrt: Da wird Regenwald gerodet, um Soja als Futtermittel anzubauen. In diesen sensiblen Gebieten gehen wertvolle Arten der Flora und Fauna verloren. Sie werden für unseren Fleischkonsum in Europa für immer ausgelöscht.

DIE FURCHE: Gilt das auch für Bio-Fleisch?

Wohner: Biologische Nutztierhaltung besagt, dass nur biologische Futtermittel verwendet werden dürfen. Das schließt aber nicht aus, dass Futtermittel aus der ganzen Welt eingesetzt werden können. Dennoch ist es relativ unwahrscheinlich. Für Biofleisch aus Österreich wird vermutlich kein Regenwald gerodet. Es gibt aber in der Biolandwirtschaft verschiedene Levels: Das "EU-Bio"-Siegel hat die niedrigsten Anforderungen. Bei heimischen Labels wie "Bio Austria" oder den Bio-Eigenmarken der Supermärkte hingegen sind heimische Futtermittel ein wichtiger Bestandteil. Da kann man Soja aus Argentinien ausschließen.

DIE FURCHE: Apropos Soja: Es wird für Vegetarier oft als Alternative zu Fleisch gehandelt. Werden dann nicht erst recht Wälder für landwirtschaftliche Flächen gerodet?

Wohner: Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass Vegetarier mehr Soja konsumieren. Das stimmt absolut nicht. 80 bis 90 Prozent der Sojaproduktion geht an die Nutztierhaltung. Nur aus einem geringen Anteil des Sojas macht man Lebensmittel für Menschen.

DIE FURCHE: Die Statistiken sprechen davon, dass mittlerweile bereits 80 Prozent der globalen Ackerfläche der Fleischproduktion dient. Und unser Verbrauch an tierischen Kalorien steigt weltweit weiterhin rapide an. Wie lange ist diese Quantität überhaupt aufrecht zu erhalten?

Wohner: Das wird nur noch kurzfristig gehen. Österreich ist zwar - zum Glück -in Sachen Fleischkonsum stagnierend bis leicht rückläufig, aber wir sind ja mit einem Verbrauch von 65,6 kg Fleisch pro Kopf und Jahr schon sehr weit oben. Die Gefahr für die Nachhaltigkeit unseres Ernährungssystems geht aber vor allem davon aus, dass auch in Entwicklungsländern der Wohlstand aufholt.

DIE FURCHE: Was wären die Folgen?

Wohner: Der Druck wird noch größer, billiges Fleisch in Massen zu produzieren. Es wird noch mehr Industrialisierung der Landwirtschaft geben, noch schlimmere Tierqualen. Es wird gewaltig krachen. Dann kann es sein, dass Fleisch zum Luxusprodukt wird. Oder wir lenken um.

DIE FURCHE: Wie?

Wohner: Aus ökologischen Gründen plädieren wir für ein "Zurück zum Sonntagsbraten". Das heißt, jeder in Österreich sollte Fleisch essen dürfen, wenn er möchte, allerdings nicht so häufig wie bisher. Die Ernährungswissenschaft streitet über die Menge an Fleisch, die wir konsumieren sollten. Mir wäre aber keine Ernährungsgesellschaft bekannt , die mehr als drei Portionen pro Woche vorschlägt.

DIE FURCHE: Wäre es nicht ratsam, ganz auf Fleisch zu verzichten? Wohner: Uns geht es um einen halbwegs realistischen Zugang. Wir wollen auch niemandem vorschreiben, was er oder sie zu tun hat. Fleisch per se ist ja nichts Böses, nur die Menge ist so schlimm. Es geht uns allerdings um eine sinnvolle Fleischproduktion: Wenn man eine Weide hat, wo nichts außer Gras wächst, ist es sinnvoll, dort ein Tier grasen zu lassen. Das Tier auf der Weide schützt vor Verwaldung und bewahrt unsere Kulturlandschaft in Österreich. Es ist auch sinnvoll, dass uns später das Fleisch dieses Tieres Energie spendet.

DIE FURCHE: Kann Klon-Fleisch in Zukunft auch eine solche sein?

Wohner: Ich mag den Begriff Klon-Fleisch nicht, sondern spreche eher von Laborfleisch. Es hat den unglaublich großen Vorteil, dass kein Tier sterben muss. Aber es ist von Marktreife weit entfernt. Es führt jedoch kein Weg daran vorbei, dass unser Fleischkonsum weniger wird.

DIE FURCHE: Was sollte man beim Konsum neben der Reduzierung noch beachten?

Wohner: Eine Frage ist, welches Fleisch man isst. Aus ökologischer Sicht ist Rindfleisch am Dramatischsten zu sehen. Wir sprechen dabei vom Futtermittel-Quotienten, das heißt, wie viel Futtermittel braucht das Tier, um einen Kilo Fleisch zu erzeugen. Der liegt bei Rind bei zwischen acht und zwölf und damit recht schlecht. Geflügel und Schweine haben da eine bessere CO2-Bilanz. Wir raten in jedem Fall dazu: Wenn Fleisch, dann Bio-Fleisch. Am besten erkundigt man sich direkt vor Ort, wie es den Tieren geht, um so mit nicht so schlechtem Gewissen Fleisch zu kaufen. Man kann sich auch auf dem Bauernmarkt umschauen und direkt mit den Bauern reden. Direkt an der Quelle, das wäre unser Rat.

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