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Feuilleton

Darf man beim Sterben zuschauen?

1945 1960 1980 2000 2020

Das diesjährige Filmfestival Locarno gewann der Dokumentarfilm "Mrs. Fang", der einer Alzheimer-Kranken beim Sterben zusieht.

1945 1960 1980 2000 2020

Das diesjährige Filmfestival Locarno gewann der Dokumentarfilm "Mrs. Fang", der einer Alzheimer-Kranken beim Sterben zusieht.

Minutenlang verharrt die Kamera von Regisseur Wang Bing auf dem Gesicht der Bäuerin Mrs. Fang. Die Chinesin liegt im Sterben, leidet an Alzheimer, bekommt nur mehr Flüssignahrung von ihrer Verwandtschaft, die sich in dem Ein-Zimmer-Verschlag mit den losen Elektrokabeln und dem Schimmel an der Decke versammelt hat. Hier lebte Mrs. Fang, und hier starb sie auch. "Mrs. Fang", dieser überaus simple Dokumentarfilm, der beim 70. Filmfestival von Locarno den Goldenen Leoparden gewann, bietet Stoff für Kontroversen, denn die Jury und ihr Präsident Olivier Assayas haben damit nicht nur einen Un-Film ausgezeichnet, der dem Kino künstlerisch nichts hinzufügen kann, sondern auch einem kontroversiellen Komplex Öffentlichkeit verschafft: Darf man Menschen beim Sterben zusehen? Oder zumindest: Auf ihrem letzten Weg dorthin? Darf man sie, die keine Möglichkeit mehr haben, sich dagegen zur Wehr zu setzen, derart exponieren? Wang Bing, der dokumentarische Arbeiten bevorzugt, weil er sie mit weniger Geld herstellen kann als Spielfilme, die noch dazu einer gestrengen Zensur in China unterliegen, thematisiert mit seinem Film "Mrs. Fang" aber nicht nur das Sterben, wenn er zeigt, wie Mrs. Fang dem Tod ins Auge blickt, sondern auch, wie fremde Kulturen mit Trauerarbeit und dem Tod umgehen.

Ein fast beiläufiges Sterben

Fast beiläufig wird die Kranke in dem Sterbezimmer von den zahllosen Verwandten beäugt, wie ein krankes Haustier vielleicht, während der Fernseher läuft und man über Glücksspiele debattiert oder über den kargen Fang aus dem nahe gelegenen Fluß, der die Lebensader für diese verarmte chinesische Region ist. Vorzeigepropaganda im Sinne der chinesischen Führung sieht definitiv anders aus, darin ist Wang Bing mutig. "Mrs. Fang" widerspiegelt ausschnitthaft den Alltag vieler Chinesen; es ist ein Dasein ohne viele Freuden, mit kaum Perspektiven und einem verschmutzten Gewässer vor der Tür als Nahrungsquelle. Unter diesem Aspekt betrachtet ist "Mrs. Fang" sicher ein preiswürdiger Film, ob er jedoch die Persönlichkeitsrechte seiner Protagonistin verletzt hat -und damit die Menschenwürdedürfte noch für Diskussionsstoff sorgen.

Prominente Gäste

Jedenfalls hat Locarno zu seiner 70. Ausgabe jede Menge prominenter Gäste angezogen, nicht nur spröde Filmkunst; Fanny Ardant war da, Adrien Brody und Nastassja Kinski auch. Isabelle Huppert freute sich über den Darstellerpreis in "Madame Hyde", in dem sie vom Blitz getroffen wird. Der Franzose F. J. Ossang erhielt für seinen schwarz-weißen Noir-Krimi "9 Doigts" den Regiepreis. Das Programm von Carlo Chatrian, dem künstlerischen Leiter Locarnos, war einmal mehr ein Hybrid aus Kunst und weniger Kunst, einmal griff er daneben, mit dem Schweizer Film "Goliath" nämlich, aber irgendein Schweizer Film muss sozusagen im Wettbewerb vertreten sein, dieses Nationalphänomen kennt man ja.

Bemerkenswert ist jedenfalls die schweizerische Zuverlässigkeit: Man wollte ein neues Lichtspielhaus für das Festival, und man hat folglich auch eines gebaut: Kapazitätsprobleme gelöst, sauber errichtet, geradlinig umgesetzt. Da können sich etwa die Kollegen vom Filmfestival am Lido von Venedig, wo man seit Jahrzehnten über den Neubau eines Kinotempels debattiert, noch einiges abschauen.

Minutenlang verharrt die Kamera von Regisseur Wang Bing auf dem Gesicht der Bäuerin Mrs. Fang. Die Chinesin liegt im Sterben, leidet an Alzheimer, bekommt nur mehr Flüssignahrung von ihrer Verwandtschaft, die sich in dem Ein-Zimmer-Verschlag mit den losen Elektrokabeln und dem Schimmel an der Decke versammelt hat. Hier lebte Mrs. Fang, und hier starb sie auch. "Mrs. Fang", dieser überaus simple Dokumentarfilm, der beim 70. Filmfestival von Locarno den Goldenen Leoparden gewann, bietet Stoff für Kontroversen, denn die Jury und ihr Präsident Olivier Assayas haben damit nicht nur einen Un-Film ausgezeichnet, der dem Kino künstlerisch nichts hinzufügen kann, sondern auch einem kontroversiellen Komplex Öffentlichkeit verschafft: Darf man Menschen beim Sterben zusehen? Oder zumindest: Auf ihrem letzten Weg dorthin? Darf man sie, die keine Möglichkeit mehr haben, sich dagegen zur Wehr zu setzen, derart exponieren? Wang Bing, der dokumentarische Arbeiten bevorzugt, weil er sie mit weniger Geld herstellen kann als Spielfilme, die noch dazu einer gestrengen Zensur in China unterliegen, thematisiert mit seinem Film "Mrs. Fang" aber nicht nur das Sterben, wenn er zeigt, wie Mrs. Fang dem Tod ins Auge blickt, sondern auch, wie fremde Kulturen mit Trauerarbeit und dem Tod umgehen.

Ein fast beiläufiges Sterben

Fast beiläufig wird die Kranke in dem Sterbezimmer von den zahllosen Verwandten beäugt, wie ein krankes Haustier vielleicht, während der Fernseher läuft und man über Glücksspiele debattiert oder über den kargen Fang aus dem nahe gelegenen Fluß, der die Lebensader für diese verarmte chinesische Region ist. Vorzeigepropaganda im Sinne der chinesischen Führung sieht definitiv anders aus, darin ist Wang Bing mutig. "Mrs. Fang" widerspiegelt ausschnitthaft den Alltag vieler Chinesen; es ist ein Dasein ohne viele Freuden, mit kaum Perspektiven und einem verschmutzten Gewässer vor der Tür als Nahrungsquelle. Unter diesem Aspekt betrachtet ist "Mrs. Fang" sicher ein preiswürdiger Film, ob er jedoch die Persönlichkeitsrechte seiner Protagonistin verletzt hat -und damit die Menschenwürdedürfte noch für Diskussionsstoff sorgen.

Prominente Gäste

Jedenfalls hat Locarno zu seiner 70. Ausgabe jede Menge prominenter Gäste angezogen, nicht nur spröde Filmkunst; Fanny Ardant war da, Adrien Brody und Nastassja Kinski auch. Isabelle Huppert freute sich über den Darstellerpreis in "Madame Hyde", in dem sie vom Blitz getroffen wird. Der Franzose F. J. Ossang erhielt für seinen schwarz-weißen Noir-Krimi "9 Doigts" den Regiepreis. Das Programm von Carlo Chatrian, dem künstlerischen Leiter Locarnos, war einmal mehr ein Hybrid aus Kunst und weniger Kunst, einmal griff er daneben, mit dem Schweizer Film "Goliath" nämlich, aber irgendein Schweizer Film muss sozusagen im Wettbewerb vertreten sein, dieses Nationalphänomen kennt man ja.

Bemerkenswert ist jedenfalls die schweizerische Zuverlässigkeit: Man wollte ein neues Lichtspielhaus für das Festival, und man hat folglich auch eines gebaut: Kapazitätsprobleme gelöst, sauber errichtet, geradlinig umgesetzt. Da können sich etwa die Kollegen vom Filmfestival am Lido von Venedig, wo man seit Jahrzehnten über den Neubau eines Kinotempels debattiert, noch einiges abschauen.